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Sonntag, 24. Juli 2016 30° 4

Reisen

Touristen fürchten sich vor dem Terror

Bisher fahren Deutsche gern in die Türkei. Nach dem Anschlag gibt es in Reisebüros in der Region erste Stornierungsanfragen.
Von Lisa Pfeffer und Dagmar Unrecht, MZ

Polizisten sichern das Altstadtviertel Sultanahmet in Istanbul ab. Foto: dpa

Regensburg.Es ist ein Alptraum: Ein Altstadtbummel in der türkischen Hauptstadt Istanbul. Dann eine jähe Explosion. Ein Selbstmordattentäter sprengt sich inmitten einer Gruppe Touristen in die Luft. Acht Deutsche sterben. Es ist nicht das erste Attentat auf Urlauber in diesem Jahr. Erst wenige Tage zuvor hatten zwei junge Männer Touristen im beliebten ägyptischen Badeort Hurghada mit einem Messer angegriffen und verletzt.

„Der Terrorismus wendet sich direkt und ohne Umschweife gegen Touristen. Das ist eine neue Dimension“, sagt Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel. Fünf Jahre nach dem arabischen Frühling kommt der südliche und östliche Mittelmeerraum nicht zur Ruhe. In der Branche ist von „Unsicherheiten“ die Rede. Im Fachmagazin FVW hieß im Dezember, der Ausblick falle deutlich vorsichtiger aus als im Vorjahr. Ziele im östlichen Mittelmeer liefen deutlich schleppender an als etwa Spanien und Portugal.

Dabei gehörte die Türkei in den vergangenen Jahren eigentlich zu den Gewinnern der südlichen Mittelmeerländer. Seit 2012 strömten jedes Jahr mehr Deutsche in das Land. 2015 waren es nach türkischen Behördenangaben 5,5 Millionen Gäste aus Deutschland. Das Land war nach Spanien und Italien zuletzt das beliebteste Auslandsreiseziel der Deutschen. Ob das allerdings nach dem tragischen Jahresauftakt so bleiben wird, ist noch unklar. Derzeit laufen die Buchungen für den Sommer. „Die Wirkung solcher Anschläge ist meist regional und zeitlich begrenzt“, sagt Lohmann.

Kommentar

Sicher in Istanbul

Die Nachricht von dem Attentat auf eine Reisegruppe im historischen Herzen Istanbuls hat in den sozialen Medien die inzwischen üblichen Kommentare hervorgerufen....

Verunsicherte Kunden

Dass die Türkei bisher ein sehr beliebtes Reiseziel ist, bestätigen auch mehrere Reisebüros in der Region. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, die Flugzeiten sind gut und man bekommt Sommer, Sonne und Strand zu einem günstigen Preis. “ So erklärt Gabriele Ulbrich, Inhaberin des Reisebüros „Ferntouristik“ in Regensburg, den Reiz des Reiselandes Türkei. „Bei uns gibt es bisher noch keine Stornierungen“, sagte sie am Mittwoch. Jochen-Bernd Stapel vom TUI Reisecenter in Neumarkt hatte erste Stornierungsanfragen. „Die Menschen sind verunsichert.“ Er rät trotz des Anschlags nicht generell von einem Türkeiurlaub ab. „Badeurlaube sind kein Problem. Istanbul und allgemein große Menschenansammlungen sollten man aber meiden.“ Bis zum 18. Januar könnten Städtereisen nach Istanbul derzeit kostenfrei umgebucht werden.

Adelheid Vogt, Geschäftsführerin des Reisebüros „Linzer“ in Amberg, hatte am Mittwoch ebenfalls Kundenanfragen zur Türkei. Ob eine Reise kostenlos storniert werden könne, entscheide der Reiseveranstalter, so Vogt. Im „Arber Reisebüro“ in Cham gab es am Mittwoch noch keine Kundenreaktionen, so Inhaberin Gabriele Ebnet. Auch sie hält Badeurlaube in der Türkei weiterhin für unproblematisch. Städtereisen nach Istanbul seien derzeit in ihren Reisebüro nicht gebucht.

Reiseveranstalter warten ab

Der Reiseanbieter Studiosus Reisen aus München, ein Spezialist für Studienreisen, hatte zum Zeitpunkt des Anschlags eine Reisegruppe in Istanbul. Deren Tagesprogramm wurde nach Auskunft von Studiosus-Sprecher Frano Ilic sofort geändert, die Touristen verbrachten den Dienstag im Hotel. Am Mittwoch trat die Gruppe planmäßig ihre Rückreise an. Abgesagt wurde laut Ilic eine andere Istanbul-Reise, die ebenfalls am Mittwoch beginnen sollte. Weitere Aufenthalte in der türkischen Metropole seien ab dem 16. Januar vorgesehen. Ob diese stattfinden, werde noch entschieden. „Istanbul-Gästen mit Abreise bis Ende Januar bieten wir ab sofort das Recht auf kostenlose Umbuchung oder Stornierung an“, so der Studiosus-Sprecher. Kundenreaktionen gebe es bisher kaum.

Der Münchner Reiseveranstalter FTI ermöglicht Istanbul-Urlaubern kostenlose Stornierungen und Umbuchungen bei Anreisen bis einschließlich 18. Januar 2016. „Im Moment sind die Anzahl der Stornierungen und auch der Anrufe in unseren Servicecentern überschaubar“, teilte FTI-Sprecherin Angela Winter auf MZ-Anfrage mit.

Im vergangenen Jahr waren insgesamt 2500 Touristen mit Studiosus in die Türkei gereist. „Dreißig Prozent weniger als im Jahr zuvor“, so Ilic. Istanbul sei lange ein sehr relevantes Reiseziel gewesen. Allerdings hätten die innenpolitische Lage und die Auseinandersetzungen im Land dazu geführt, dass die Nachfrage abgenommen habe. Eine Rolle spiele aber auch ein gewisser „Sättigungseffekt“, der Istanbul betreffe. „Jeder Boom geht einmal zu Ende.“

Burak Senli, einer der Vorsitzenden der deutsch-türkischen Hochschulgruppe Bosporus e.V. an der Universität Regensburg, findet es wichtig, sich beim Reisen nicht „von der Angst leiten zu lassen“. Der 24-Jährige erzählt, dass ihn der Anschlag am Dienstag zwar schockiert habe. „Nicht mehr nach Istanbul oder auch Paris zu fahren, wäre aber die falsche Reaktion“, meint der Regensburger Jurastudent, der in Oberbayern geboren ist und dessen Eltern aus der Türkei stammen.

Keine Reisewarnung

Das Auswärtige Amt sprach am Dienstag keine Reisewarnung, wohl aber einen Reisehinweis aus. Reisenden in Istanbul und anderen Großstädten der Türkei werde dringend geraten, Menschenansammlungen auch auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen zu meiden.

Mehr als 95 Prozent des Tourismus spiele sich an den Mittelmeerstränden im Westen der Türkei ab, sagt ein Sprecher des größten deutschen Reiseveranstalters TUI. Istanbul sei in der Vergangenheit schon häufiger Zielscheibe von Anschlägen gewesen. Trotzdem habe sich die Türkei sehr gut entwickelt. Ob das in diesem Fall genau so sein wird, sei allerdings „schwer zu sagen“.

Wie schnell sich Urlauber von einem Reiseland abwenden können, zeigt das Beispiel Tunesien: Das Land zählt mit mehr als 400 000 Urlaubern aus Deutschland in den vergangenen Jahren zu den beliebtesten Reisezielen in Nordafrika und erholte sich nach einem Einbruch im Jahr des arabischen Frühlings schnell wieder.

Nach den Attacken im das Bardo-Museum in Tunis und auf wehrlose Urlauber am Strand von Sousse im vergangenen Jahr blieben die für Tunesien so wichtigen Touristen allerdings erneut weg. Einen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich sieht der Deutsche Reise-Verband (DRV) für 2015 – dabei hatte Deutschland keine Reisewarnung für das Land ausgesprochen. Und das Land hätte nach Einschätzung des TUI-Sprachers durchaus Chancen: „Die Hotels sind besser geworden, das Angebot ist besser geworden.“

Ägypten wird wieder beliebter

Auch Ägypten hatte sich nach von den Einbrüchen nach dem arabischen Frühling in der Vergangenheit wieder erholt. Die aus Deutschland gebuchten Reisen legten im vergangenen Jahr trotz des Flugzeugabsturzes auf der Sinai-Halbinsel zweistellig zu. Ob das Attentat in Hurghada Wirkung zeigen wird bleibt abzuwarten, sagt ein TUI-Sprecher. Zeigt sich ein Effekt, könnte der verheerende Wirkung haben. Mehr als 90 Prozent der deutschen Urlauber reisen nach Angaben eines Sprechers des DRV an die Strände der Festland-Region am Roten Meer um Hurghada und Marsa Alam.

Das relativ stabile Marokko profitierte dagegen von der Unsicherheit anderer Länder in der Maghreb-Region. Die Zahl der deutschen Urlauber konnte sich von 2012 bis 2014 mehr als verdoppeln. Im vergangenen Jahr notierte der DRV noch einmal zehn Prozent Plus.

Den Urlaub ganz vermiesen lassen sich die Deutschen nicht – das zeigen die stetig wachsenden Ausgaben für Reisen in den vergangenen Jahren. Allerdings ist man sich in der Branche jetzt schon sicher, dass sich die Reiseströme am Mittelmeer in diesem Jahr weiter nach Westen verlagern werden. Spanien dürfte von der Unsicherheit in den arabischen Ländern profitieren – und auch das liebste Reiseland der Deutschen: Deutschland selbst. (dpa/du)

In Istanbul hat sich am Dienstag eine Explosion ereignet. Es gibt mehrere Tote und Verletzte. Video: dpa

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