mz_logo

Wirtschaft
Freitag, 24. November 2017 13° 2

Strategie

Touristen sind prima für den Handel

Handel und Tourismus müssen viel stärker kooperieren, so die Erkenntnis eines IHK-Forums in Blaibach. Zum Beispiel bei der Kultur.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

Blaibach hat mit dem Konzerthaus (l.) ein Alleinstellungsmerkmal im Ort. Foto: MZ-Archiv

Blaibach.Sie existieren weitgehend nebeneinander her, aber viel zu wenig miteinander. Dabei gehören Handel und Tourismus zusammen. So lautete die Erkenntnis schon vorab, welche die Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg zu einem Forum veranlasste. Am Mittwochnachmittag taten sich Experten und Interessierte in Blaibach (Landkreis Cham) zusammen und überlegten, wie die beiden Branchen gewinnbringend für alle zu kombinieren wären.

Die erste Hürde besteht schon mal darin, dass es „den“ Touristen noch nie gab, der Reisende vielmehr immer unberechenbarer geworden ist. Der „Stammgast“ existiert kaum noch, erklärte Professor Jürgen Schmude. Der seit 20 Jahren im Bayerischen Wald urlaubende Berliner ist praktisch ausgestorben. Der Wirtschaftsgeograf spricht von hybriden Touristen, die ein Jahr auf Kreuzfahrt gehen, dann auf Safari und hinterher nach Italien fahren.

Dass sich Tourismus für die Reiseregion lohnt, steht für ihn wirtschaftlich betrachtet außer Frage. Zu den direkten Ausgaben des Touristen komme stets noch einmal durch indirekte Effekte etwas mehr als die gleiche Summe an Bruttowertschöpfung hinzu. Das heißt: Aus jedem Euro, den ein Tourist ausgibt, werden in der Region 2,10 Euro.

Tagestouristen in der Überzahl

Bei den Ausgaben liegen Gäste, die übernachten, weit vor den Tagestouristen. Die werden in der Kalkulation und Aufmerksamkeit schnell mal übersehen – zu Unrecht, warnt Schmude. Denn sie sind weit in der Überzahl.

Michael Braun, Helmut Hagner, Hans-Peter Rickinger und Professor Jürgen Schmude (v.l.) diskutierten beim IHK-Forum in Blaibach mit. Foto: Fleischmann

Unter diesen Tagestouristen befinden sich, je nach Reiseziel, immer mehr Shoppingtouristen. Die sind als Klientel attraktiv. Sie achten nicht so sehr auf den Preis, bringen Zeit mit und lassen sich leicht zu Lustkäufen hinreißen. Damit diese Gäste kommen, muss aber, so Schmude, die Atmosphäre stimmen. Ob sie denn stimmt, das sollten betroffene Städte von außen untersuchen lassen, um sich nicht selbst zu täuschen. Als Erfolgsfaktoren für Shoppingziele nennt Schmude Kooperationen statt Einzelkämpferei, Erlebnis statt Routine, Sicherheit im Sinne von Verlässlichkeit (Beispiel: alle Geschäfte in der Innenstadt haben bis 20 Uhr geöffnet) und Alleinstellungsmerkmale.

So eines wie Blaibach nun mit dem futuristischen Betonkubus hat, das im Vorjahr eröffnete Konzerthaus, das der Blaibacher Professor Thomas Bauer initiiert und vorangetrieben hat. Nach Schmudes Ansicht ist es ein riesiger Gewinn für die Gemeinde und den Bayerischen Wald: „Da kann ich nur gratulieren. Das schafft Begeisterung.“

Vor Ort allerdings nicht immer. Teilnehmern des Forums, die bei der Anfahrt nach dem Weg zu dem Konzerthaus fragten, verweigerte ein Einheimischer die Auskunft, weil es hässlich und unsinnig sei. Für Bauer hingegen ist es ein Baustein, um den Bayerischen Wald als hochwertige, ganz besondere Urlaubsregion zu positionieren. Tausende Gäste seien bereits hier gewesen, viele aus Großstädten. Das Konzerthaus gelte inzwischen in München bereits als Geheimtip für hochwertige Musikdarbietungen unter Klassikfreunden.

Unternehmen fördern Kultur

Um Shoppingtouristen anzulocken seien Kooperationen wichtig, wie Schmude unterstreicht. Bauer erzählt, dass regionale Firmen das Haus unterstützen. Mit 200 Plätzen und 30 Euro Eintritt seien viele Veranstaltungen nicht zu stemmen, die auch mal das Zehnfache kosteten. Aber die helfenden Unternehmen hätten verstanden, dass das Konzerthaus ein Beitrag zum Wandel der Region sei, die von einem besseren Image insgesamt profitiere.

Kommentar

Mut zum Mut

Antworten liegen manchmal ziemlich nahe. Die Teilnehmer des IHK-Forums Handel und Tourismus standen mittendrin. Das aufsehenerregende Konzerthaus im Bayerischen...

Schmude nannte weitere Beispiele und mahnte: „Verbieten Sie sich Denkverbote.“ Die Errichtung eines Factory Outlet Centers (FOC) in Wertheim habe dazu geführt, dass jeder zehnte Besucher auch in die Innenstadt gegangen sei: „Da ist jetzt mehr los als je zuvor.“ Sinnvoll miteinander gekoppelt sei ein FOC nicht zwangsweise ein Totengräber des Stadtzentrums. Die Stadt Bad Münstereifel habe, nachdem der Tourismus hoffnungslos eingebrochen war, die ganze Innenstadt zum Outlet gemacht. Die Leerstände seien schnell verschwunden, die Besucherzahlen nach oben geschnellt.

Solche Beispiele gibts auch in der Nähe. Hans-Peter Rickinger von der Brauerei Kuchlbauer zählt jedes Jahr Hunderttausende Besucher, dank Hundertwasserturm, Hundertwassermuseum und nun auch noch einen Weihnachtsmarkt. 60 Prozent der Besucher gingen auch in die Innenstadt sagt er. So richtig koordiniert mit der Stadt Abensberg war das alles aber nicht, räumte er ein und ließ durchblicken, dass es da mehr Kampf als Kooperation gab. Für Rickinger steht fest: „Mit Architektur kann man im Tourismus sehr viel gewinnen.“

Tschechen erwarten Service

Oder eben mit Einkaufstouristen. Da interessieren in Ostbayern die tschechischen Besucher ganz stark. Sie „lieben Service, ein hochwertiges Angebot und tschechisch-sprechendes Personal“, beobachtete Helmut Hagner, Geschäftsführer der Chamer Frey-Gruppe (Kaufhaus mit Schwerpunkt Mode, Möbelhaus).

Das deckt sich mit der Untersuchung, die Dr. Matthias Segerer von der IHK vorstellte. Demnach geben tschechische Tagestouristen allein im Kreis Cham pro Jahr 52,6 Millionen Euro aus, vor allem in Cham und Furth im Wald. Die meisten Tschechen kommen zum Shoppen wegen hoher Angebotsqualität, günstiger Preise (Markenartikel sind in Deutschland billiger) und dem andersartigen Angebot. Gekauft werden vor allem Lebensmittel, Drogiere-Artikel und Textilien/Schuhe.

Viele bleiben aber auch weg, weiß Segerer. Wegen Sprachbarrieren und schlechter Erreichbarkeit. Helfen würden eine besser betonte Willkommenskultur, ein gezielterer Marketingauftritt besonders im Internet und einiges mehr. Das sieht Hagner auch so und sieht größeren Handlungsbedarf. Frey fühle sich da vielfach auf sich selbst gestellt und erfahre wenig Unterstützung von außen, monierte er. Aber es soll nach dem Willen der IHK ja besser werden – und das Forum sollte dazu einen wichtigen Anstoß geben.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht