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Wirtschaft
Donnerstag, 27. Juli 2017 16° 7

Soziales

Trauerkultur ist auch in Firmen wichtig

Todesanzeigen sagen viel aus über die Firmenkultur. Der Tod ist oft ein Tabuthema und auf Todesanzeigen verzichten viele Firmen lieber ganz.
Von Daniela Wiegmann, dpa

  • Eine Frau hält eine Kerze in der Hand – wenn am Arbeitsplatz ein Kollege stirbt, erschüttert die Nachricht die Mitarbeiter sehr. Chefs reagieren oft hilflos. Foto: dpa
  • Eine Traueranzeige in einer Zeitung von den Mitarbeitern eines Autohauses – gemeinsames Gestalten einer Todesanzeige kann helfen, aus der Sprachlosigkeit der Trauer herauszufinden. Foto: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co.KG/dpa

München.Wenn ein Mensch stirbt, ist das nicht nur für Familie und Freunde ein Schock. Auch am Arbeitsplatz erschüttert keine Nachricht die Mitarbeiter so sehr wie die vom Tod eines Kollegen. Viele Chefs reagieren hilflos. „Meist wird in Unternehmen über Tod nicht gesprochen. Denn eigentlich rechnet niemand so recht damit, dass in einem Betrieb jemand stirbt“, sagt Mechthild Herberhold, die Unternehmen im Umgang mit Trauerfällen berät. Aber nach Zahlen des Statistischen Bundesamts starben 2012 mehr als 140 000 Menschen in Deutschland im Alter zwischen 25 und 65 Jahren durch Krankheiten, Unfälle oder Suizide – und damit im Alter der Berufstätigkeit.

„Der Tod sollte auch im beruflichen Umfeld kein Tabuthema sein“, rät der Theologe und Trauerbegleiter Norbert Mucksch. Vielen hilft es, über den Verstorbenen zu sprechen, sich zusammen mit Kollegen an ihn zu erinnern: Auch an seine Macken, an seine Sprüche in Konferenzen oder Vorlieben in der Kantine wie vier Löffel Zucker im Kaffee.

Todesanzeigen für Kollegen sind eine Herzensangelegenheit

Das gemeinsame Gestalten einer Todesanzeige kann helfen, aus der Sprachlosigkeit herauszufinden. „Es geht darum, die Schockstarre zu überwinden und selbst zu agieren“, sagt Mucksch. Manchmal entstehen dabei kleine Kunstwerke, wie der Buch-Autor Christian Sprang weiß. Er sammelt seit Jahren ungewöhnliche Todesanzeigen und hat zusammen mit Matthias Nöllke drei Bücher dazu herausgegeben. „Todesanzeigen sind Romane in Kurzform“, sagt er über seine ungewöhnliche Sammlung.

In seinem dritten Buch „Ich mach mich vom Acker“ hat er ein Kapitel den Todesanzeigen mit Berufsbezug gewidmet. Unter der Überschrift „Sein Leben galt der Kartoffel“ liefern die Texte reichlich Beweise dafür, dass auch Todesanzeigen für Kollegen oder Chefs eine echte Herzensangelegenheit sein können.

„Dein Großer Wagen“ schrieben Mitarbeiter eines Mercedes-Autohauses zum Beispiel in der Todesanzeige an ihren verstorbenen Kollegen. „Wenn jetzt da oben im Sternenhimmel die Sterne des „Großen Wagen“ besonders hell leuchten wissen wir hier unten, dass Du Dich darum gekümmert hast. Mit großen Wagen kennst Du Dich ja aus.“ Der Inhaber eines Zoo-Markts erhielt posthum das höchste Lob von seinen Mitarbeitern: „Er war Chef und Mensch zugleich.“ Auch die Belegschaft einer Filmproduktionsgesellschaft fasste ihre Trauer über den Boss in wenige Worte, die alles sagen: „Wir trauern um unseren Chef“, schrieben sie unter die Zeichnung einer Filmkamera. „Einen besseren konnten wir uns nicht vorstellen.“

Eine Drehbank namens Gerhard

Eine derart gute Todesanzeige zu verfassen ist aber nicht einfach. „Das kann zwei oder drei Tage dauern“, sagt Buch-Autor Sprang. Besonders bei pensionierten Mitarbeitern setzen Unternehmen daher lieber auf Standardtexte – wenn sie sich überhaupt noch Anzeigen leisten. Die Hypovereinsbank würdigt immer noch alle pensionierten Mitarbeiter ab gewissen Positionen mit Todesanzeigen. „Bereits seit Jahrzehnten bringt die Hypovereinsbank durch die Schaltung einer Traueranzeige, der Niederlegung eines Trauerkranzes und einem Kondolenzschreiben ihre Anteilnahme gegenüber den Familienangehörigen unserer Mitarbeiter bzw. Pensionisten zum Ausdruck“, sagt ein Sprecher der Bank auf Anfrage. Aus Sicht von Buch-Autor Sprang ist die Wertschätzung der Firma für die Angehörigen wichtig. „Die Todesanzeige ist da wie ein Zeugnis.“

Das Andenken an Kollegen können Beschäftigte aber auch auf andere Art bewahren. Die Mitarbeiter einer Werkstatt fanden ihren ganz persönlichen Weg, sich bei der Arbeit stets an ihren Kollegen zu erinnern und kündigten in der Todesanzeige an: „In dankbarer Erinnerung werden wir seine Drehbank bei uns in Zukunft Gerhard nennen.“

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