mz_logo

Wirtschaft
Dienstag, 21. November 2017 7

Umwelt

Um Glyphosat wird weiter hitzig gerungen

Manche sehen in Glyphosat ein gefährliches Gift, andere eine eher harmlose Hilfe für Landwirte. Sechs wichtige Fragen dazu
Von Annett Stein, dpa

Gefahr für die Gesundheit oder Panikmache? Am Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat scheiden sich die Geister. Foto: dpa

Warum wird gerade über Glyphosat heftig gestritten?

„Glyphosat ist ein Symbol“, erklärt Horst-Henning Steinmann von der Universität Göttingen. „Es steht als weltweit dominierendes Pflanzenschutzmittel für eine Form der Landwirtschaft, die viele Kritiker hat.“ Ein weiterer Faktor sei, dass es von Konzernen wie Monsanto in vielen Ländern im Paket mit gentechnisch veränderten Pflanzen angeboten werde. „Damit steht Glyphosat indirekt auch für Gentechnik.“ Hinzu komme die Angst vor einem Präzedenzfall: „Eine Sorge von Herstellern und Landwirten ist, dass ein Glyphosat-Stopp nur die erste Entscheidung wäre.“

Gibt es bereits Verbote von Glyphosat?

Ja. El Salvador, Bermuda und Sri Lanka haben den Einsatz von Glyphosat verboten, so Thoralf Küchler, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG), einem Zusammenschluss von sieben glyphosat-produzierenden Unternehmen. In den Niederlanden gibt es ein Verbot für den kommunalen Gebrauch, also die Verwendung auf öffentlichen Straßen.

Glyphosat ist seit 40 Jahren im Einsatz. Woher die Angst?

„Glyphosat ist auch deshalb so erfolgreich, weil es lange als unproblematisch galt“, erklärt Silvia Pieper vom Umweltbundesamt (UBA). Glyphosat werde vergleichsweise selten im Grundwasser nachgewiesen, weil es sich an Bodenpartikel binde. Allerdings seien die Abbauzeiten im Boden recht lang: Es dauere mehr als ein Jahr, bis 90 Prozent der Substanz abgebaut seien. In Sedimenten könne sich die Substanz besonders lange halten. Die direkte Giftigkeit für Tiere wurde in Studien meist als relativ gering eingestuft, da das gehemmte Enzym EPSPS nur bei Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen vorkommt.

Lesen Sie außerdem: So riskant ist Monsanto für Bayer

Einige Studien unter anderem an Ratten und Mäusen allerdings legten nahe, dass Glyphosat in hohen Dosen krebserregend sei. Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufte das Herbizid daher 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ für den Menschen ein – gerade als in Europa die Verlängerung der Zulassung anstand. Andere Agenturen wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sehen hingegen kein ausgehendes Risiko.

Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Der Widerspruch ist nicht wirklich einer. Die IARC beurteilte die Krebsgefahr, also die generelle Möglichkeit, dass Glyphosat Krebs verursacht. In die Bewertung der anderen Agenturen hingegen floss das Risiko als Faktor ein. Die EFSA bewertet das Krebsrisiko als vernachlässigbar.

Warum stützt die EU ihre Sicht auf geheime Studien?

„Es gilt das Prinzip, dass Antragsteller die Studien finanzieren müssen, um die Unbedenklichkeit ihrer Substanz nachzuweisen“, erklärt UBA-Expertin Pieper. Geheim blieben die Studien im Auftrag der Hersteller wohl aus Wettbewerbsgründen. „Viele der durchgeführten Studien sind recht aufwendig und daher auch teuer, die Daten sind für die Antragsteller ein kostbares Gut“, sagt Pieper. „Auch wir würden allerdings eine bessere Zugänglichkeit dieser Daten befürworten.“

Der Wirkstoff Glyphosat

  • Wirkung:

    Glyphosat ist ein Total-Herbizid, es wirkt auf alle grünen Pflanzen. Der Wirkstoff blockiert ein Enzym, das Pflanzen zur Herstellung lebenswichtiger Aminosäuren brauchen, das aber auch in Pilzen und Mikroorganismen vorkommt.

  • Unkrautfrei:

    Wo Glyphosat ausgebracht wird, wächst kein Gras mehr – auch kein Kraut, Strauch oder Moos. Ackerflächen können so vor oder kurz nach der Aussaat und nochmals nach der Ernte unkrautfrei gemacht werden.

Nützt ein Auslaufen der Genehmigung der Umwelt?

Es existierten Wirkstoffe mit problematischeren Risikoprofilen, die in geringeren Mengen eingesetzt würden, sagt Pieper. Mit einem Glyphosat-Stopp kämen möglicherweise andere Substanzen auf die Zulassungslisten, fürchtet die UBA-Expertin. „Statt des Verbots einer einzelnen Substanz wäre eine generelle Reduzierung des Herbizideinsatzes sinnvoll.“

Lesen Sie außerdem: Glyphosat in Speiseeis nachgewiesen

Glyphosat könne vielleicht nicht leicht, aber doch durch andere Wirkstoffe ersetzt werden. „Deshalb wäre ein schlichter Ersatz keine Lösung“, betont Pieper. „Es geht darum, die Menge aller eingesetzten Herbizide und anderer Pflanzenschutzmittel deutlich zu verringern und ihre Auswirkungen zu kompensieren, indem ökologische Ausgleichsflächen angelegt werden.“ Auch der Göttinger Agrar-Experte Steinmann sagt: „Würde Glyphosat einfach nur durch ältere Wirkstoffe ersetzt, wäre für die Umwelt nichts gewonnen.“

Weitere Artikel aus dem Ressort Wirtschaft lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht