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Wirtschaft
Mittwoch, 21. Februar 2018 3

Klima

Unsicherheit für Rückversicherer

Häufen sich Naturkatastrophen wegen der Erderwärmung kurzfristig und nachhaltig, könnten die großen Rückversicherer leiden.
Von Thomas Strünkelnberg, dpa, und Steffen Weyer, dpa-AFX

Überflutete Straße in Houston nach Hurrikan Harvey Foto: David J. Phillip/dpa

Hannover.Wirbelstürme, Überschwemmungen, Dürren, Erdbeben, Tsunamis – die Liste möglicher Katas-trophen ist lang. Die Erderwärmung könnte vieles verschlimmern. Mit der Furcht vor Katastrophen verdienen Rückversicherungskonzerne prächtig. Aber kann es passieren, dass die Schäden überhandnehmen und das Geschäftsmodell auf Dauer nicht mehr funktioniert – oder treibt die Angst den Unternehmen neue Kunden zu?

„Der Klimawandel hat uns in den letzten 20 Jahren in der Rückversicherung nicht unerwartet stark getroffen“, sagt Ulrich Wallin, Chef des weltweit drittgrößten Rückversicherers Hannover Rück. Nähme jedoch die Häufigkeit von Stürmen vergleichsweise kurzfristig und nachhaltig zu, würde dies zu Verlusten bei den Rückversicherern führen. „Die Preisgestaltung ist nicht auf stark steigende Schadenlast eingestellt, dann würden Rückversicherer sicher Geld verlieren“, erklärt Wallin.

Gewinn schrumpft

  • Eine Häufung

    von Naturkatastrophen hat der Munich Re den größten Gewinneinbruch in diesem Jahrzehnt beschert. Der weltgrößte Rückversicherer verdiente im vergangenen Jahr netto 392 Millionen Euro. Das war weniger als ein Fünftel der ursprünglich angepeilten 2 bis 2,4 Milliarden.

  • Die Großschäden

    kosteten den Konzern 4,3 Milliarden Euro, allein die Serie der drei Hurrikans Irma, Harvey und Maria in den USA und der Karibik schlug mit 2,7 Milliarden zu Buche. 2017 war für die Versicherungsbranche weltweit das teuerste Jahr der Geschichte. (dpa)

„Der Klimawandel hat uns in den letzten 20 Jahren in der Rückversicherung nicht unerwartet stark getroffen.“

Ulrich Wallin, Chef der Hannover Rück

Dabei steht das Katastrophenjahr 2017 mit den Hurrikanen Harvey, Irma und Maria für den Manager in einer Reihe mit dem Horrorjahr 2005 mit den Wirbelstürmen Katrina, Rita und Wilma sowie 2011 mit dem Tsunami in Japan, einem schweren Erdbeben in Neuseeland und Überschwemmungen in Thailand. In den Daten des weltgrößten Rückversicherers Munich Re gibt es nur drei Jahre, in denen die versicherten Naturkatastrophen-Schäden inflationsbereinigt mit über 100 Milliarden Dollar zu Buche schlugen – und diese sämtlich binnen der vergangenen 13 Jahre. 2017 waren es 135 Milliarden Dollar.

Steigende Zerstörungskraft

Klima-Fachleute des Münchner Konzerns sehen in den Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte zwar keinen Beweis, aber starke Indizien für die Auswirkungen des Klimawandels. „Bei den Hurrikanen ist es wohl so, dass die Windstärke nicht vom Klimawandel geprägt ist, die Wassermenge allerdings schon“, sagt Munich-Re-Finanzchef Jörg Schneider. So sei die Wassertemperatur 2017 besonders hoch gewesen, was zu starken Regenfällen führte. Die Sturzbäche, die mit den Wirbelstürmen über die USA und Inseln in der Karibik hereinbrachen, lösten einen Großteil der Schäden aus. Zu der steigenden Zerstörungskraft kommt dabei der Zufall, wie Munich-Re-Rückversicherungsvorstand Torsten Jeworrek immer wieder erläutert: Der eine Hurrikan weiß nichts davon, ob gerade ein anderer an einer stark besiedelten Küste auf Land getroffen ist. Und er ahnt nicht, ob er arme, kaum versicherte Menschen in Holzhäusern erwischt – oder eine hoch entwickelte, hoch versicherte Millionenstadt.

Für die Münchener Rück sind die Naturkatastrophen der Vergangenheit ein starkes Indiz für die Auswirkungen des Klimawandels. Foto: Sven Hoppe

Dabei geschehen die Entwicklungen beim Wetter als Folge des Klimawandels schrittweise und nicht sprunghaft. „Damit kann auch die Preisgestaltung für das Naturkatastrophenrisiko graduell angepasst werden“, erklärt Wallin. Rückversicherer, aber auch Erstversicherer wie Allianz und Axa müssen ihre Prämien so kalkulieren, dass diese im mehrjährigen Durchschnitt die Aufwendungen für Schäden, Verwaltung und Vertrieb abdecken – und am Ende ein Gewinn übrig bleibt. Weil die Schäden von 2012 bis 2016 vergleichsweise gering blieben, sitzen die großen Rückversicherer Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück auf Kapitalpolstern. Daher ist das Angebot an Rückversicherungsschutz riesig, getrieben auch von Großanlegern wie Pensionsfonds, die über Katastrophenanleihen etablierten Anbietern Konkurrenz machen. Preiskampf macht Rückversicherungsschutz billiger. Erst die Katastrophen von 2017 leiteten jetzt eine Preiswende ein.

Preise ziehen an

Bei der Neuverhandlung der Rückversicherungsverträge zum Jahreswechsel konnten die Rückversicherer in schadenbelasteten Regionen die Prämien um zweistellige Prozentsätze anheben. Teils habe man die Preise sogar verdoppeln können, sagt Munich-Re-Manager Schneider. Im gesamten Schaden- und Unfallgeschäft gelang den Münchnern aber nur eine Preiserhöhung um 0,8 Prozent, die Hannover Rück konnte 1,4 Prozent durchsetzen. Und Wallin peilt für 2018 wieder über eine Milliarde Euro Gewinn an.

Häuser und Boote sind nach Hurrikan „Irma“ stark beschädigt. Foto: Chris O’meara/AP/dpa

Wie der Klimawandel das Wetter verändert und mit welchen Schäden zu rechnen ist, kann aber auch er schwer vorhersagen: „Wir haben sicherlich eine steigende Zahl von Flutschäden und auch Hagel.“ Winterstürme in Europa hätten sich jedoch zuletzt eher lokal ausgewirkt. Ein Zusammenhang mit der Erderwärmung lässt sich da schwer ablesen. Dennoch: „Wir sehen starke Indizien dafür, dass mindestens in manchen Regionen der Welt und bei manchen Gefahren veränderte Wettermuster – Stichwort Klimawandel – sich heute schon mindestens teilweise in den Daten bemerkbar machen“, sagte Munich-Re-Klimaexperte und Geophysiker Ernst Rauch unlängst. Dabei haben die Menschen in ärmeren Weltregionen ihre Häuser und Betriebe bisher kaum versichert. Vor allem Swiss Re wirbt seit langem dafür, die Versicherungsdichte in Schwellen- und Entwicklungsländern zu erhöhen. Das würde im Katastrophenfall nicht nur den Menschen helfen, für Rückversicherer täten sich neue Einnahmequellen auf. Und sie könnten ihre Risiken besser streuen.

Denn große Gefahren sind die Existenzberechtigung der Branche. Selbst stark zunehmende Großschäden würden die Rückversicherer nicht bedrohen, sagt Wallin: „Wenn es jedes Jahr einen Sturm gibt, der in einer bestimmten Region einen Schaden von zehn Milliarden Euro erwarten lässt, dann ist das eigentlich nichts, was ich versichern kann. Versichern kann ich nur die Unsicherheit.“

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