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Wirtschaft
Montag, 25. September 2017 20° 3

Energie

Verkehrte Preiswelt an der Strombörse

An der European Energy Exchange in Leipzig wechselt täglich Energie in unfassbaren Größenordnungen den Besitzer.
Von Violetta Kuhn, dpa

Einmal Strom, bitte: Die Bildschirme zeigen, für wie viel Geld die Megawattstunden gerade den Besitzer wechseln. Foto: dpa

Leipzig.Strom ist unsichtbar, kann nicht über den Ladentresen geschoben werden und füllt keine Lagerhallen. Trotzdem wird damit natürlich gehandelt – in astronomischen Größenordnungen. Ein zentraler Knotenpunkt ist dabei Leipzig. Denn hier hat die Strombörse EEX (European Energy Exchange) ihren Hauptsitz. Nahezu acht Terawattstunden würden hier an einem typischen Tag gehandelt, sagt der Vorstandsvorsitzende Peter Reitz – also acht Milliarden Kilowattstunden. Damit könnte man etwa acht Milliarden Maschinen Wäsche waschen.

Die Strombörse

  • Handel:

    Erst seit der Liberalisierung der Strommärkte Ende der 1990er Jahre kann Strom frei gehandelt werden. Früher gab es nur wenige Platzhirsche in dem Geschäft, die die Preise setzten. Mit Beginn der Energiewende kamen viel mehr Erzeuger dazu. Die Strombörse Leipzig, gegründet 2002, sorgt mit dafür, dass auch die Kleinen mithandeln können. Für alle gelten dieselben Regeln.

  • Atom- und Kohlestrom:

    Ob der freie Handel bei der Energiewende hilft? EEX-Vorstandschef Reitz ist davon überzeugt. Beim Umweltschutzverband Bund gilt die Börse jedoch nicht wirklich als Treiber grüner Energie. Hier werde jede Art von Strom gehandelt, auch Atom- und Kohlestrom. (dpa)

Doch dieser gehandelte Strom fließt meist nicht sofort zu irgendeiner Steckdose - und wechselt oft mehrfach den Besitzer, bevor er überhaupt produziert ist. Am Standort Leipzig geht es vor allem um Stromlieferungen in der Zukunft – und damit um Sicherheit für die gruppenweit mehr als 500 Marktteilnehmer aus 37 Ländern. Das können Stadtwerke sein, Banken oder internationale Kraftwerksbetreiber.

Anonyme „Partnersuche“

„Am Terminmarkt können die Marktteilnehmer Risiken abfedern“, erklärt Reitz. Ein Beispiel: Ein Stahlwerk braucht für seine Produktion sehr viel Energie. Der Betreiber glaubt nun, dass der Strompreis in den kommenden Jahren ansteigt. Er sucht sich an der Börse einen Anbieter, der ihm Energie in den nächsten Jahren zu einem Festpreis verkauft – und muss keine Kostenexplosion mehr fürchten. Oder der umgekehrte Fall: Der Betreiber eines Kohlekraftwerks sucht einen Abnehmer, der langfristig zum jetzigen Preis kauft.

Diese anonyme „Partnersuche“ trägt dazu bei, dass der Strom einen transparenten Preis bekommt. „Wir als Börse bringen Käufer und Verkäufer auf einer zentralen Plattform zusammen“, sagt Reitz. Betrieben wird diese von den Mitarbeitern der Marksteuerung. Jeder von ihnen sitzt im Leipziger City-Hochhaus vor mindestens vier Bildschirmen und schaut auf endlose Zahlentabellen. Sie zeigen, für wie viel Geld die Megawattstunden gerade den Besitzer wechseln. Am Abend bestimmen die Experten den Abrechnungspreis. „Die Strombörse sorgt - genau wie jede andere Börse – für einen effizienten Ausgleich von Angebot und Nachfrage“, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Das führe dazu, dass der Strom möglichst kostengünstig bereitgestellt werde. Unternehmen wie der Energieriese RWE schätzen den Marktplatz. Zu den vielen Vorteilen gehöre die Transparenz, sagt eine Sprecherin. Neben Strom können an der EEX auch Gas, Öl, Kohle, Emissionszertifikate und Agrarprodukte gekauft und verkauft werden.

Zu aufwendig für Privatleute

Könnte von der Plattform nicht auch Otto Normalverbraucher profitieren? Warum nicht selbst mit Strom an der Börse spekulieren? „Das ist viel zu aufwendig für einen Privathaushalt“, sagt Peter Reitz. Ein eigenes Handelsterminal koste etwa 1800 Euro pro Monat. Für jedes Geschäft müssten Sicherheiten hinterlegt werden. Und: „Man müsste sich ständig mit dem Markt beschäftigen“, sagt Reitz.

Beim Verbraucher kommt von den traumhaft niedrigen „Großhandelspreisen“ an der Börse in jedem Fall nicht viel an. Dort kostet eine Kilowattstunde drei Cent. Auf der Stromrechnung, die ins Haus flattert, stehen eher mal 30 Cent – das Zehnfache. Schuld daran: eine im europäischen Vergleich hohe Steuerlast, Netzentgelte und die Umlage für erneuerbare Energien (EEG-Umlage). Das ist eine Art Entschädigung für grüne Stromproduzenten. Sie wird fällig, wenn der Preis unter das Niveau fällt, das bei der Investition für die Wind- oder Solaranlage garantiert wurde.

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