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Wirtschaft
Sonntag, 23. Juli 2017 30° 2

Verkehr

Vernetzte Mobilität als Schlüssel

Verkehrsminister Dobrindt spricht mit MZ-Autor Reinhard Zweigler über globale Trends, Digitalisierung und Großprojekte.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mit einem selbstfahrenden BMW i3 Foto: dpa

Berlin.Herr Dobrindt, das Weltverkehrsforum in Leipzig ist bereits zum 8. Mal Treffpunkt von Verkehrsexperten, Ministern, Logistikern, Wissenschaftlern aus aller Welt, sozusagen das „Davos“ des Weltverkehrs und -transports. Haben die bisherigen Treffen die Verkehre flüssiger, nachhaltiger gemacht?

Vom Weltverkehrsforum gehen jedes Jahr starke Impulse aus. Es hat sich als die wichtigste, verkehrsträgerübergreifende internationale Konferenz etabliert. Dieses Jahr treffen sich rund 1100 Vertreter aus 70 Staaten. Das sind mehr als jemals zuvor. Die Zahl der Mitgliedsstaaten des Weltverkehrsforums steigt auf 57. Gemeinsam erarbeiten wir Lösungen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: zunehmende Verkehre, mehr Sicherheit im Straßenverkehr und natürlich die Digitalisierung als Mega-Thema. Ein Schlüssel liegt in der Kommunikation zwischen den Fahrzeugen und der Straße sowie zwischen den Fahrzeugen untereinander – also der vernetzten Mobilität.

Sie fahren mit einem selbstfahrenden Auto vor. Sind solche Hightech-Fahrzeuge wirklich ein Ausweg aus dem Verkehrskollaps oder nur ein Marketingcoup der Autoindustrie?

Das selbstfahrende Auto ist keine Science Fiction mehr. Assistenzsysteme übernehmen immer mehr Aufgaben des Fahrers: vom Einparken über Abstand zum Vordermann bis zur Einhaltung von Geschwindigkeitsgrenzen. In wenigen Jahren werden hochautomatisierte Fahrzeuge im Straßenverkehr unterwegs sein. Das ist eine Entwicklung, die unseren Straßenverkehr sicherer und effizienter machen wird. Staus werden reduziert, die Verkehrssicherheit erhöht und die Infrastruktur optimaler auslastet.

Autonomes Fahren

Was bedeutet das für die deutschen Autohersteller?

Für die Autoindustrie gilt: Sie hat die attraktivsten Produkte in der Welt. Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt direkt oder indirekt von der Autoindustrie ab. Auch beim automatisierten Fahren muss unsere Autoindustrie an der Weltspitze bleiben. Wir wollen als führendes Automobilland Vorreiter werden für die Mobilität 4.0, dem nächsten großen digitalen Innovationsfeld. Jetzt geht es darum, die Voraussetzungen für den Übergang zum hochautomatisierten Fahren zu schaffen, also bei denen der Fahrer die Fahrzeugsysteme nicht mehr dauerhaft überwachen muss. In meinem Ministerium haben wir einen Runden Tisch „Automatisiertes Fahren“ ins Leben gerufen. Mit Vertretern von Industrie und Wissenschaft erarbeiten wir eine gemeinsame Position zu einer Vielzahl grundlegender Fragen, die sich durch das automatisierte Fahren ergeben, zum Beispiel Haftungs- und Versicherungsfragen. Bis zur IAA im September werde ich erste Eckpunkte vorlegen, mit dem wir dem automatisierten Fahren in Deutschland weitere Dynamik verleihen.

Sie haben auf der A9 eine Versuchsstrecke für derartige Fahrzeuge genehmigt. Was kommt da auf die Autofahrer zu?

Das Digitale Testfeld Autobahn mit seiner technischen Ausrüstung wird dem Begriff Datenautobahn eine ganz neue Bedeutung geben. Es ist als Angebot an Industrie und Wissenschaft gedacht und steht allen Automobilherstellern, Zulieferbetrieben und Forschungseinrichtungen zur Verfügung. Mit diesem Projekt treiben wir die Forschung, Entwicklung und den Einsatz für die vernetzte Mobilität in Deutschland voran. Nur wo Entwicklungen auch unter Alltagsbedingungen getestet werden können, bleibt die Innovationskraft erhalten. Sonst findet die Wertschöpfung in diesem Bereich irgendwann in den USA und nicht mehr hierzulande statt.

Bei großen Verkehrsprojekten – vom viel belächelten BER, Stuttgart 21 oder Fehmarnbelttunnel – ist Deutschland nicht gerade Weltmeister, sondern eher „Bummelletzter“. Woran liegt das und was tun Sie als Verkehrsminister dafür, dass Infrastrukturprojekte schneller und effektiver errichtet werden?

Die deutsche Bauwirtschaft und Ingenieurskunst genießen weltweit einen sehr guten Ruf. Um die Spitzenposition zu halten und die Chancen der Digitalisierung im Baubereich zu nutzen, gibt es in meinem Ministerium die Reformkommission Großprojekte. Ende Juni legen wir konkrete Empfehlungen vor. Ein neues Prinzip lautet: Erst digital bauen, dann real. Mit dem sogenannten Building Information Modeling können Bauherren Daten vernetzen, Risiken noch besser abschätzen und Kosten optimal managen. Ein weiterer Ansatzpunkt ist, dass die Vergabe von Bauleistungen an den Besten erfolgt – nicht den vermeintlich Billigsten.

Werden Sie auf der Konferenz versuchen, die EU-Verkehrskommisarin Viloleta Bulc und Ihre Amtskollegen aus Österreich oder den Niederlanden von der Sinnhaftigkeit der Pkw-Ausländer-Maut zu überzeugen, die 2016 in Deutschland fällig wird?

Ich bin mit der EU-Kommission und unseren Nachbarländern in ständigem guten Austausch. Mit der Infrastrukturabgabe stärken wir das Verursacherprinzip und vollziehen einen echten Systemwechsel von der Steuer- zur Nutzerfinanzierung. So fordert es die EU-Kommission und so ist es den meisten unserer Nachbarländer bereits heute Realität. Die Infrastrukturabgabe ist damit auch ein europäisches Projekt. Die EU-Rechtskonformität haben wir eindeutig nachgewiesen, mit einem großen Gutachten von Prof. Hillgruber von der Uni Bonn. Wir erzielen zwei Milliarden Euro Mehreinnahmen in einer Wahlperiode. Das ist ein bedeutender und wesentlicher Beitrag für eine leistungsfähige und moderne Infrastruktur. Mit der Einführung der Infrastrukturabgabe erfüllen wir ein zentrales Ziel der Bundesregierung. Wir übernehmen mit dem Projekt Verantwortung für Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung.

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