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Wirtschaft
Samstag, 25. Juni 2016 30° 8

Entwicklung

Warum die Industrie 4.0 noch lahmt

Ein Regensburger Doktorand will Unternehmen helfen, sich technisch fit für die Zukunft zu machen – Schritt für Schritt.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

Die Digitalisierung hat längst den Einzug in Unternehmen gefunden, aber noch lange nicht in dem Umfang, wie es möglich wäre. Foto: dpa

Regensburg.Irgendwas läuft falsch beim Thema Industrie 4.0. Den Eindruck wurde Philipp Ramin nicht mehr los, nachdem der Regensburger Doktorand immer wieder Veranstaltungen zur Digitalisierung besucht hatte. Tolle Veranstaltungen mit beeindruckenden Präsentationen, in denen namhafte Firmen ihre restrukturierten Produktionsprozesse vorstellten. Von künstlicher Intelligenz war da die Rede, von dezentralen Systemen, von Digital Twins. Aber wenn sich Ramin nach solchen Vorträgen mit Unternehmern aus dem Mittelstand unterhielt, blieb die Frage, was sie für sich daraus gelernt hatten, allzu oft offen. Und Philipp Ramin fragte sich, ob da nicht eine gewaltige Chance vertan wird.

Die ersten Schritte sind wichtig

Erst Anfang Februar stellte die Commerzbank eine Studie vor, in der 62 Prozent der bayerischen Mittelständler angaben, das Thema Digitalisierung noch zu vernachlässigen. Zu komplex und schnell verlaufe die technische Entwicklung, zu hoch sei der Investitionsbedarf, Fragen der Datensicherheit und der Standardisierung noch ungeklärt, klagten die befragten Unternehmer. Genau da liege das Problem, sagt Philipp Ramin: „Überall wird über den perfekten Weg diskutiert und versucht, die eierlegende Wollmilchsau zu finden“. Dabei sei es viel wichtiger, zunächst im Kleinen anzufangen. Nicht gleich die digitale Revolution auszurufen, sondern Schritt für Schritt zu sehen, wo im eigenen Unternehmen Prozesse verbessert, vereinfacht und transparenter gemacht werden könnten.

Kommentar

Wandel als Chance

Digitalisierung, Industrie 4.0, Digitale Revolution: Das sind die Schlagworte, die seit Monaten die Schlagzeilen der Wirtschaftsnachrichten beherrschen....

Philipp Ramin ist 30 Jahre alt, in Dresden geboren und im Alter von drei Jahren nach Regensburg gekommen, heute wohnt er in Neutraubling. In Regensburg hat er Innovations- und Technologiemanagement studiert, Technik hat ihn schon immer fasziniert: „Ich war immer der erste, der ein Smartphone besaß“. Inzwischen schreibt er an seiner Doktorarbeit über innovative Geschäftsmodelle – und hat nebenbei gleich selber eines gegründet. Denn mit seinem Eindruck, dass viele der Initiativen zur Digitalisierung an den Bedürfnissen des Mittelstandes vorbei gehen, war Ramin nicht allein. Im Januar 2015 gründete er gemeinsam mit dem Sinzinger Unternehmer Helmut Kraft und Partner aus Singapur das Innovationszentrum für Industrie 4.0. Und so wie die beiden ein Team aus jungem Wissenschaftler und erfahrenem Ingenieur sind, so suchten sie sich auch ihr Team zusammen: Studenten und Jungunternehmer aus den Bereichen BWL, Informatik und Logistik arbeiten gemeinsam mit praxiserprobten Technikern und Unternehmern. 15 Mitarbeiter sind sie momentan, qualifizierter Nachwuchs ist immer willkommen.

Philipp Ramin (r.) mit Helmut Kraft (l) und Anston Tan

Denn das Startup hat große Ziele: Auf der eigenen Internetplattform www.I40.de will das Team all das zusammentragen, was für das Thema Industrie 4.0 wichtig ist. Selbst entwickelte, einfach gehaltene Apps sollen mittelständischen Unternehmen die Möglichkeiten der Digitalisierung zeigen. Und dabei beispielsweise das Auslesen von Maschinen mit dem Smartphone ermöglichen, ohne dass der Unternehmer gleich mehrere tausend Euro in eine High-End-Lösung investieren muss.

Problemen von morgen vorbeugen

Vor allem aber will das Startup informieren, schulen, Vorbehalte und Ängste abbauen. Nicht nur auf Führungsebene, sondern in allen Unternehmensbereichen. Schulungen und Workshops bieten sie an, ab März starten deutschlandweit Kurse für den „Digitalisierung und Industrie 4.0. Führerschein“, in denen die Teilnehmer „von der Picke auf“ alles darüber lernen sollen, wie sich die Industrie verändert und wo in der eigenen Brache und im eigenen Unternehmen Chancen, Risiken und Herausforderungen liegen. Der Schwerpunkt des Startups liegt dabei ganz klar in der Oberpfalz: „Wir wollen Regensburg als zentralen Standort für Industrie 4.0 ausbauen“, sagt Ramin.

Tatsächlich sieht auch der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Regensburg, Josef Beimler, die Mittelständischen Unternehmen der Region noch „in der Orientierungsphase“. Während viele der großen Unternehmen in der Oberpfalz wie Siemens oder die Maschinenfabrik Rheinhausen schon zu den Vorzeigeunternehmen in Sachen Industrie 4.0 gehörten, dächten viele Mittelständler noch darüber nach, was genau „Industrie 4.0“ für sie bedeuten könne. Dabei warnt Beimler vor Panikmache: Die Unternehmen stünden vor gewaltigen Herausforderungen, aber die Oberpfälzer seien dabei im bundesweiten Vergleich „nicht weiter und auch nicht hintendran“. Industrie 4.0 sei ein Prozess: „Wer heute nichts tut, ist morgen noch nicht verloren“.

Ein Satz, den Philipp Ramin so nicht ganz stehen lassen will. Auch er will keine Panik verbreiten, warnt aber davor, die Veränderungen in der gesamten Industrie zu unterschätzen. Beimlers Satz möchte er daher leicht abwandeln: „Wer heute nichts tut, bekommt morgen vielleicht Probleme.“

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