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Wirtschaft
Mittwoch, 22. November 2017 5

Psychologie

Warum wir uns gerne selbst belügen

Der Mensch macht sich seine Welt gerne so, wie sie ihm am besten gefällt. In der Wirtschaft kann das fatale Folgen haben.
Von Thorsten Retta, Wirtschaftszeitung

Menschen neigen dazu, sich ihre eigene Wahrheit zu kreieren. Die ist meist schöner als die Realität. Foto: PrettyVectors-stock.adobe.com

Regensburg. Mit Donald Trump hätte Prof. Dr. Peter Fischer große Freude. Nicht, weil er ein großer Verehrer des Mannes, der uns ins postfaktische Zeitalter katapultiert hat, wäre. Fischer ist Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg und erforscht menschliche Entscheidungsprozesse. Er möchte unter anderem herausfinden, warum Menschen irrationale Entscheidungen – teilweise mit fatalen Folgen – treffen. Dass der US-Präsident ein herausragendes Forschungsobjekt sein dürfte, liegt auf der Hand. Nach Washington fliegen muss Fischer aber nicht, um seiner Arbeit nachzugehen. Denn das, was Trump tut, tun wir alle. Wir lügen uns selbst in die Tasche – und wir neigen dazu, uns zu glauben. „Der Mensch denkt und handelt nicht rational. Er ist ein rationalisierendes Wesen. Das heißt, er passt seine Wahrnehmung immer so an, dass es sich gut anfühlt“, erklärt Fischer. „Wir interpretieren Informationen so, dass sie in unser Weltbild passen – auch ambivalente. Das führt dazu, dass wir von dem, was wir tun, überzeugter sind, als es objektiv betrachtet angemessen wäre.“ Kognitive Verzerrung heißt das in der Psychologie.

In der Wirtschaftsgeschichte hat dieses Verhalten schon zu zahlreichen Pleiten geführt. Die Manager bei Nokia glaubten weiter an die Tasten, die sie so groß gemacht hatten, statt an berührungsempfindliche Oberflächen. Die Entscheider bei Kodak beschlossen, die Digitalkamera, die ihre Ingenieure 1975 entwickelt hatten, aus Angst vor Einbußen im Geschäft mit Fotofilmen wieder wegzuschließen. Das größere digitale Geschäft haben schließlich andere gemacht. Anfang August mussten die Chefs der deutschen Automobilkonzerne erklären, warum sie die Öffentlichkeit und ihre Kunden in Bezug auf die Emissionen ihrer Dieselmotoren belogen hatten. In ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten wird das VW, Audi und Mercedes wohl nicht bringen. Einen dramatischen Imageverlust für die Konzerne bedeutet das Festhalten der Manager am Diesel trotz erkennbarer Leistungsgrenzen aber dennoch.

Opfer des eigenen Erfolgs

Die Autobauer wurden ebenso wie der finnische Telefonhersteller und der US-Fotoriese zum Opfer ihres eigenen Erfolgs. Sie stecken in dem fest, was der Harvard-Professor Clayton Christensen „Innovator’s Dilemma“ nennt. Statt die Zeichen einer sich verändernden Zukunft anzuerkennen und sich neu zu erfinden, verteidigen Unternehmen das, was sie erfolgreich gemacht hat. Sie rationalisieren, sie passen Tatsachen ihrer Gedanken- und Erfahrungswelt an – und sie scheitern. Kognitive Verzerrung ist heute gefährlicher denn je. Digitalisierung, Globalisierung und technischer Fortschritt erhöhen die Geschwindigkeit, mit der schlechte Entscheidungen schwere Konsequenzen nach sich ziehen können, enorm. Richard Foster von der Yale School of Management hat die im Standard & Poor’s 500 vertretenen 500 größten US-Konzerne analysiert und dabei festgestellt, dass die Unternehmen vor 100 Jahren im Schnitt 67 Jahre alt wurden. 2015 waren es nur noch 15 Jahre.

Fatalerweise werden besonders Führungspersonen Opfer der schöngefärbten Wahrnehmung. „Sie stellen das eigene Produkt und Geschäftsmodell immer und immer wieder vor. Dadurch werden sie blind für Alternativen. Selbst dann, wenn deutlich absehbar ist, dass ein Produkt oder eine Idee keine Marktchancen hat, wird weitergemacht.“ Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass, je höher Personen in Hierarchien aufsteigen, die Tendenz zu kritischem Feedback abnimmt. Niemand möchte der Überbringer schlechter Nachrichten sein. „Häufig wird sogar noch mehr investiert, gerade wenn einem das Wasser schon bis zum Halse steht“, erklärt Fischer. Psychologen nennen das „sunk cost effect“, den Trugschluss der versenkten Kosten. „Menschen sind extrem verlustaversiv. Verluste können sie nur schwer ertragen. Also werden hohe und irrationale Risiken eingegangen, um dem zu entgehen“, sagt Fischer. „Zehn Euro Verlust rufen eine stärkere negative Emotion hervor als ein Gewinn von zehn Euro an positiver Emotion erzeugt.“ Aktionäre erliegen diesem Trugschluss häufig. Je tiefer eine Aktie unter den Einkaufspreis fällt, desto stärker wird an ihr festgehalten, denn desto höher wäre beim Verkauf der Verlust.

Crashkurs in Psychologie

Ohne Chance auf vorzeitige Entlassung sitzen die Manager und Geschäftsführer aber nicht im Gefängnis der trügerischen Erinnerungen und Wahrnehmung. Es gibt Möglichkeiten, zu entkommen und trotz drohender Verluste ausgewogene und rationale Entscheidungen zu treffen. Fischer rät zu einer Art psychologischer Grundausbildung, zu einem Crashkurs in Verhaltenspsychologie. „Fehlverhalten muss bewusstseinsfähig gemacht werden. Man muss sich klarmachen, dass man sich ständig etwas vorlügt.“ Das sei nur möglich, wenn man die Mechanismen kenne, die dem zugrunde liegen. Die Fehler beim Wahrnehmen, die Verzerrungen, die gemacht werden, gelte es zu verstehen. Zudem ist Zeit nötig. „Es dauert Monate, Jahre, manchmal eine Generation, bis ein Kulturwandel einsetzt. Selbstreflexion, das Hinterfragen des eigenen Tuns, muss geübt werden, bis sie zum Automatismus wird.“ Eine Methode sei „Consider the Opposite“. „Ein Klassiker. Dabei zwingt man sich, einen Sachverhalt vom Standpunkt der Gegenpartei aus zu betrachten. Das hilft.“ Fischer empfiehlt den Crashkurs in Verhaltenspsychologie vor allem Führungskräften. „Sie multiplizieren das Erlernte ins Unternehmen.“ Bei Trump würde sich Fischer aber die Zähne ausbeißen. Denn der US-Präsident entlässt Führungskräfte meist schnell wieder.

Lesen Sie außerdem ein Interview mit Dr. Hans-Joachim Gergs. Der Berater für Veränderungsmanagement erklärt, was Unternehmen tun müssen, um sich selbst zu zerstören und wieder neu zu erfinden.

•Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper.

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