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Wirtschaft
Dienstag, 21. November 2017 7

Gesundheit

Wenige Deutsche wollen Medizin per Post

Online-Versandhändler drängen auf den Arzneimarkt. Der Großteil geht trotz kostenlosem Versand in die Apotheke vor Ort.
Von Alexander Sturm, dpa

Salben und Tabletten werden auch versandt. Foto: dpa

Frankfurt.Ein Mittel gegen Grippe, eine Salbe gegen Zerrungen, vom Arzt verordnete Schilddrüsentabletten: Wer Medikamente braucht, muss nicht unbedingt zur nächsten Apotheke. Sie lassen sich längst auch im Internet bestellen. Und das oft günstiger.

Versandhändler wie DocMorris oder Europa Apotheek drängen mit teils üppigen Rabatten für Medikamente auf den deutschen Markt. Der ist bisher fest in der Hand der traditionellen Apotheken, wie Zahlen des Branchenverbands ABDA zeigen. Im gut 34 Milliarden Euro schweren Markt für verschreibungspflichtige Arzneien wurde 2016 nur rund ein Prozent des Umsatzes per Versand erzielt.

Treue Bundesbürger

Bei rezeptfreien Mitteln waren es gut 13 Prozent. Auch wenn Versandapotheken steigende Umsätze verbuchen, sind sie bisher Winzlinge. Doch die Herausforderer erwarten, dass der besonders umkämpfte Versandmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente mittelfristig kräftig wächst.

Verbraucher müssen dabei das Rezept an die Versandapotheke schicken. DocMorris wirbt mit portofreiem Einsenden, Mindestbonus von je 2,50 Euro und kostenlosem Arzneiversand. Die Apotheker, die sich seit heute beim Deutschen Apothekertag in Düsseldorf treffen, sind alarmiert. Grund ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs von Oktober 2016: Demnach müssen sich ausländische Versandhändler bei rezeptpflichtigen Medikamenten nicht mehr an die Preisbindung hierzulande halten.

Kein Optimismus

  • Pessimismus:

    Die selbstständigen Apotheker in Deutschland schätzen die Zukunft ihrer Branche und ihres eigenen Betriebs deutlich pessimistischer ein als noch vor einem Jahr. Vier von zehn Apothekern, das sind über 40 Prozent, erwarten eine etwas oder deutlich schlechtere Entwicklung für ihre Apotheke in den kommenden zwei bis drei Jahren. Im Vorjahr waren es noch 28 Prozent.

  • Prognose:

    Für die gesamte Branche „Apotheken“ rechnen sogar fast zwei Drittel der Apothekeninhaber mit einer Verschlechterung in der nahen Zukunft. Das ist das Ergebnis aus dem Apothekenklima-Index 2017, einer repräsentativen Meinungsumfrage, die im Rahmen des Apothekertages vorgestellt wurde. (dpa)

Die Apothekerlobby warnt nun vor einem Apothekensterben. Mit 19 880 sei deren Zahl auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 1988 gefallen, so die ABDA. Eine flächendeckende Versorgung sei dennoch gewährleistet.

Doch wollen die Deutschen überhaupt Medikamente im Netz kaufen? Die meisten Bundesbürger bleiben offenbar ihrer Apotheke treu. Laut einer Forsa-Umfrage hat erst jeder vierte Deutsche schon Medikamente online gekauft, bei rezeptpflichtigen Arzneien sind es nur drei Prozent.

Platzhirsch will aufs Land

Viele scheuten das Einschicken der Rezepte, sagt Johann Stiessberger, Pharma-Experte bei der Beratungsgesellschaft BCG. Und selbst bei Erkältungsmitteln gingen die Deutschen lieber zur Apotheke. „Wer krank ist, möchte meist schnell ein Medikament haben.“

Die Apotheken fordern ein generelles Versandverbot für rezeptpflichtige Arzneien – ebenso wie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Bei verordneten Medikamenten dürfe es nicht ums Schnäppchen jagen gehen, sagte er jüngst.

Gröhe stößt auf Widerstand der gesetzlichen Krankenkassen, die naturgemäß ein Interesse an günstigen Medikamenten haben. Der Versandhandel sei gerade in strukturschwachen Regionen eine Alternative für Verbraucher, meint der GKV-Spitzenverband.

Platzhirsch DocMorris will nun auf dem Land angreifen, wo manche Dorfapotheken schließen müssen. Etwa mit Automaten, bei denen Mitarbeiter per Video beraten und Arzneien via Knopfdruck freigeben. Ein Gericht verbot zwar jüngst einen solchen Apothekenautomaten im baden-württembergischen Hüffenhardt vorläufig, da es wettbewerbswidrig sei. Doch DocMorris gibt nicht. Das Unternehmen klagte vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe und kündigte gleichzeitig neue Anläufe für die Apothekenautomaten an.

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