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Wirtschaft
Montag, 23. Oktober 2017 4

Energie

Windkraft zieht sich aus Bayern zurück

Die Ostwind AG aus Regensburg verlagert ihr Geschäft. Für das letzte Projekt im Freistaat wählt sie eine neue Finanzierung.
Von Martin Anton, MZ

In einem Waldstück an der A3 zwischen Regensburg und Parsberg stehen drei Windräder. Wir haben uns eines genauer angesehen.

Regensburg.Die Blätter leuchten in der Abendsonne. Vögel zwitschern, im Hintergrund rauscht die Autobahn. Ein Schatten huscht über die grüne Wand, dann noch einer, wieder und wieder.

Die Windkraftanlage in einem Waldstück bei Buxlohe im Landkreis Regensburg wirft am Abend lautlos Schatten auf die Bäume im Umkreis von etwa 200 Metern. Im Wald-Windpark Brenntenberg gibt es insgesamt drei Maschinen mit 135 Metern Nabenhöhe und 101 Metern Rotordurchmesser. Von der Autobahn A3 gut zu sehen, verschwindet das Windrad im Wald hinter den Baumkronen.

Geplant und gebaut hat den Windpark die Firma Ostwind aus Regensburg. Seit mehr als 20 Jahren entwickelt Ostwind Windparkprojekte in Bayern, Deutschland und inzwischen ganz Europa. Die Expansion in andere Bundes- und EU-Länder ist nicht nur Folge der positiven wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens. Sie hängt auch mit der Energiepolitik der bayersichen Staatsregierung zusammen.

Mindestabstand stoppt Ausbau

Vorstand Bernd Kiermeier: „Seit der 10-H-Regelung kommen keine neuen Windparks nach.“ Gemeint ist das Gesetz zur Änderung der Bayerischen Bauordnung vom 17. November 2014, in dem ein Mindestabstand von der zehnfachen Höhe eines Windrads zum nächsten Wohngebäude festgelegt wird – bei der aufgrund der Rauigkeit der bayerischen Landschaft notwendigen Anlagenhöhe praktisch ein Ausbaustopp.

Die zweite große Herausforderung für Windkraftunternehmen wie Ostwind kommt spätestens im Jahr 2017. Denn nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2014 soll die „Höhe der finanziellen Förderung für Strom aus erneuerbaren Energien [...] durch Ausschreibungen statt wie bisher über gesetzliche festgelegte Fördergesetze“ ermittelt werden. Das heißt die Vergütung wird künftig über den Markt bestimmt, die Unternehmen müssen sich mit ihren erwarteten Wattzahlen und die dafür kalkulierten Preise bewerben.

Ostwind-Vorstand und -Gründer Ulrich Lenz will sich dem Wettbewerb stellen: „Uns ist nicht bang wegen der Ausschreibungen.“ In der Solarenergiebranche habe sich gezeigt, dass die Vergütungen zum Teil sogar über den gesetzlichen Vorgaben lagen. Lediglich die Konkurrenz der Windmüller von der Küste sorgt die Regensburger. Deswegen fordert Kiermeier Extra-Ausschreibungen für Binnenwindräder: „Wir haben andere Rahmenbedingungen.“ Zudem sollten auch kleinere Akteure weiterhin eine Chance auf dem Markt haben.

Windradimpressionen aus dem Landkreis Regensburg

Trotz der schlechten Bedinungen in Bayern rechnet Ostwind auch für die kommenden Jahre mit stetigem Wachstum. Gerade erst wurden ein Büro in Brandenburg eröffnet, das Personal in der Duisburger Niederlassung wurde aufgestockt, ein weiteres Büro in Nordhessen ist geplant. Mehr als 100 Beschäftigte arbeiten mittlerweile für die Firma, davon 50 in Regensburg. Als großer Wachstumsmarkt gilt Frankreich, hier beschäftigt Ostwind inzwischen 40 Mitarbeiter.

Trotz des kontinuierlichen Ausbaus ist Ostwinds Planungsgeschäft projektabhängig. Um neben der Projektentwicklung noch eine langfristige Einnahmequelle zu generieren, will Ostwind jetzt Windparks nach der Fertigstellung selber betreiben. Zu diesem Zweck geht das Unternehmen auch bei der Finanzierung neue Wege.

Für den Bau des Windparks Rotmainquelle an der A9 im oberfränkischen Landkreis Bayreuth sammelt Ostwind mit einer „Bürgerbeteiligung“ Kapital ein. Dabei handelt es sich um eine finanzielle Beteiligung in Form eines Nachrangdarlehens, im Prinzip eine Art Privatkredit für Unternehmen. Dass diese Art von Investition für die Darlehensgeber mit gewissen Risiken verbunden ist, darauf verweist Ostwind auch in seiner Werbebroschüre, die in den vergangenen Monaten in Briefkästen vor allem in den Räumen Regensburg und Bayreuth lagen.

20 Jahre Windkrafterfahrung

  • Widerstand

    Vor mehr als 20 Jahren gründete das Ehepaar Gisela Wendling-Lenz und Ulrich Lenz die Firma Ostwind. Auslöser war der Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für Brennstäbe in Wackersdorf.

  • 496 Anlagen

    Seit 1994 hat die Ostwindgruppe 496 Windenergieanlagen mit 783 Megawatt Leistung geplant, gebaut und ans Netz gebracht. Quelle: Ostwind

Matthias Schmid Fachberater für Geldanlagen bei der Verbraucherzentrale Bayern (vzb), erklärt: „Kommt es zum Insolvenzfall, werden die Anleger nachrangig behandelt.“ Das heißt, sie wären die letzten, die ihr Geld zurückbekämen. Das gilt auch dann, wenn eine Auszahlung an den Anleger einen Insolvenzgrund herbeiführen würde. Dabei gibt es „durchaus ein realistisches Risiko“, dass sie das Geld nicht zurückbekommen. Zudem sei die Laufzeit recht lang. Eine Kündigung des Darlehens sei nicht vor 2024 möglich.

Beteiligung nur finanziell

Stephan Greger, Fachanwalt für Kapitalmarktrecht aus Regensburg, stört die Bezeichnung „Bürgerbeteiligung“. Denn beteiligt sei der Bürger, beziehungsweise Anleger, nur finanziell. „Es besteht keine Möglichkeit auf die Geschicke der Gesellschaft Einfluss zu nehmen.“

Trotz dieser Risiken empfiehlt das auf nachhaltige Investitionen spezialisierte Magazin Ecoreporter.de in seinem Anlagencheck den Windpark Rotmainquelle. Grund für die Empfehlung ist demnach die „umfangreiche Erfahrung“ der Ostwindgruppe sowie an dem Umstand, dass das Projekt „solide durchkalkuliert ist“.

Ostwind versichert, die Berechnung der Energieproduktion basiert auf verlässliche Daten, die unter anderem auf den Erträgen bereits bestehender Windparks am gleichen Standort aufbauen. Dabei setzt das Unternehmen auf Transparenz, die Wirtschaftlichkeitsberchnung ist auch online einzusehen. Gebaut wird der Windpark in jedem Fall. Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres soll er in Betrieb genommen werden. Fünf Anlagen mit jeweils drei Megawatt Leistung werfen dann ihre Schatten auf die Bäume im fränkischen Wald.

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