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Freitag, 20. Oktober 2017 19° 1

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Japan steht unter Innovationsdruck

Der teure Import von Gas und Öl belastet Japans Wirtschaft. Die Regierung muss Reformen durchsetzen – und das nicht nur im Energiesektor.
Von Lars Nicolaysen, dpa

Auch drei Jahre nach der Reaktorkatastrophe sorgt die Anlage in Fukushima für immer neue Schreckensmeldungen. Sämtliche Atommeiler sind in Japan noch immer heruntergefahren. Foto: dpa

Yokohama.In Fujisawa hat die Zukunft begonnen. In der eine Stunde westlich von Tokio gelegenen Stadt investiert Japans größter Elektronikkonzern Panasonic auf einem alten Fabrikgelände in ein neuartiges Öko-Bauprojekt für 1000 Haushalte. „Wir wollen den Kohlendioxidausstoß um 70 Prozent gegenüber einer Siedlung auf dem Niveau von 1990 senken“, beschreibt Projektleiter Hiroyuki Morita das für japanische Verhältnisse ehrgeizige Ziel. Die Anlage soll zudem 30 Prozent weniger Wasser verbrauchen und 30 Prozent erneuerbare Energie nutzen. Die laut Panasonic gut isolierten Häuser haben Solaranlagen und Speicherbatterien. Hinzu kommt die Option einer Brennstoffzelle.

Weltweit sind Hunderte solcher „Smart Cities“ im Bau oder der Erprobung. Aber in nahezu allen Fällen sind das Projekte auf Zeit. Panasonic rühmt sich, als erstes Privatunternehmen ein solches Öko-Projekt in dieser Größe und auf kommerzieller Basis umzusetzen. Dies verspricht vor allem im stark wachsenden Asien ein riesiger Zukunftsmarkt zu werden. Während sich Unternehmen wie Panasonic auf solche Zukunftsprojekte konzentrieren, kämpft die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt zugleich jedoch weiterhin mit Altlasten wie der Überalterung und seit 20 Jahren verschleppten Strukturreformen.

Horrende Kosten für Importe

Dazu gehört auch eine umfassende Reform des Energiesektors, der nach wie vor auf Monopolisten wie Tepco, dem Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima, und eine Rückkehr zum Atomstrom setzt. Hintergrund für die von der Regierung angestrebte Rückkehr zum Atomstrom sind die in Folge der Katastrophe von Fukushima rasant gestiegenen Energiekosten.

Nach der Havarie hatte das Land aus Sicherheits- und Wartungsgründen sämtliche Kernkraftwerke im Lande vom Netz genommen. Die Lichter gingen in der Hightech-Nation zwar deswegen nicht aus. Denn um die gewaltige Energielücke zu stopfen, importiert Japan zur Stromerzeugung seit Jahren riesige Mengen Gas, Öl und Kohle. „Die Kosten lasten jedoch schwer auf der Wirtschaft“, erklärt Martin Schulz, Ökonom am Fujitsu Research Institute.

Als Folge der hohen Energiekosten rutschte Japans Handelsbilanz tief in die roten Zahlen. Deswegen müsse nun auch der Staat verstärkt an Zukunftsstrategien arbeiten und langfristig die Versorgung ohne die explosiven Kosten für Gas wie auch eine Abkehr von der in der Bevölkerung unbeliebten Atomenergie sicherstellen, so Schulz. Denn selbst die geplante teilweise Rückkehr zum Atomstrom werde die Energielücke nicht nachhaltig schließen können.

Schwacher Yen verteuert Energiepreise

Experten gehen davon aus, dass nicht viel mehr als 15 der bestehenden Atomkraftwerke in Japan die neuen, erheblich verschärften Sicherheitsbedingungen erfüllen werden. Nicht nur Unternehmen wie Panasonic, sondern auch die Regierung sind daher nach Meinung von Experten jetzt zunehmend unter Druck, nicht nur die überfällige Reform des Energiesektors in Angriff zu nehmen, sondern verstärkt auf Innovation und Zukunftsmärkte wie erneuerbare Energien zu setzen.

Einerseits hat Ministerpräsident Shinzo Abe, der Japan ungeachtet der horrenden Staatsverschuldung mit massiven Konjunkturpaketen und einer drastischen Lockerung der Geldpolitik aus der Krise holen will, dafür gesorgt, dass der Yen in Folge der Geldpolitik sich rasant abschwächte. Dadurch haben sich die Exporterlöse deutlich erhöht. Gleichzeitig sorgt der schwache Yen aber dafür, dass die Importpreise für Energie drastisch nach oben geschossen sind.

Doch trotz der steigenden Energiekosten steht Japans Wirtschaft unter Abe bisher im internationalen Vergleich noch recht gut da. Beim Fujitsu Research Institute geht man in diesem Jahr von einem Wirtschaftswachstum von immerhin rund 1,5 Prozent aus. Die Gewinne der Unternehmen seien im Durchschnitt um 25 Prozent gestiegen, bei den großen Exportkonzernen wie Toyota seien es sogar 40 Prozent.

Die Bevölkerung ist zu alt

Und auch die jahrelange Deflation mit stetig fallenden Preisen ist praktisch überwunden. Inzwischen weist Japan eine leichte Inflation auf, die sich bei etwa 1,3 Prozent eingependelt hat. Dies war bisher allerdings vor allem auf die höheren Energiekosten zurückzuführen und nicht so sehr auf eine höhere Nachfrage. Hinzu kommt, dass im Verlaufe dieses Jahres in Japan ein Phänomen einsetzen wird, das in Deutschland schon seit einigen Jahren für steigende Löhne sorgt: In Japan herrscht nämlich zunehmend Arbeitskräftemangel als Folge der Überalterung. Auch die höheren Löhne führen zwar zu höheren Preisen, in Zukunft aber, so hofft man, auch zu einer höheren Binnennachfrage.

Um ein wirklich nachhaltiges Wachstum zu erreichen, benötige Japan daher jetzt neben den einsetzenden positiven Trends noch viele innovative Projekte in Zukunftsindustrien wie eneuerbare Energien im Inland und potenzielle Exportschlager wie „smart cities“. Doch hier, so Schulz, habe Abe bislang weniger Erfolge vorzuweisen. Angesichts der weiter steigenden Staatsverschuldung könne von einem selbsttragenden Wachstumsmodell derzeit noch nicht die Rede sein.

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