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Ostbayern
Montag, 19. Februar 2018 4

Musik

Die Welt ist eine Scheibe

Andreas Bauer presst nahe Landshut Schallplatten. Ein Werkrundgang ist eine Reise in eine – fast – untergegangene Welt.
Von Bernhard Fleischmann

Der Herr der Schallplattenfabrik: Andreas Bauer – hier neben einer LP-Presse, hat My45 gegründet. Foto: Bernhard Fleischmann

Tiefenbach.Aus den Lautsprechern sprudeln Reggae-Sounds. Sie mischen sich mit dem Sound von Maschinen – Zischen und Mahlen. Über den mit Schallplatten-Aufklebern gepflasterten Boden tappeln die Mischlingshündin Lilly und eine kleine französische Bulldogge – sie gehört Mitarbeiter Julian.

Leger geht es zu bei My45. Zum Mittag stehen Weißwürste, Brezen, ein Eimer süßer Senf, Wasser und Tegernseer Helles auf dem Tisch.

In Tiefenbach, wenige Kilometer von Landshut entfernt, entstehen in einer ehemaligen Druckerei Schallplatten aus Vinyl. Hunderttausende sind es inzwischen pro Jahr, lauter Kleinserien in Auflagen von ein paar Hundert bis maximal wenige Tausend Stück – uninteressant für große Labels. Für Andreas Bauer und sein Team ist es dagegen ein gutes Geschäft. Und für weniger betuchte Bands eine Chance, ihre Musik mit einem klassischen Tonträger zu veredeln.

Für den guten Ton und die Qualität der Produktion sorgt der Gründer selbst. Bauer ist gelernter Radio- und Fernsehtechniker. Als DJ hat der 47-Jährige auch gearbeitet, dabei selbst am Computer Reggae- und HipHop-Stücke produziert. Heute erst lernt er, selbst klassisch ein Instrument zu spielen und nimmt Klavierunterricht.

Ein Video aus der Fabrik gibt es hier

Sie war schon so gut wie tot. Nun lebt die gute, alte Schallplatte wieder. Bei My45 in der Nähe von Landshut werden Hunderttausende pro Jahr gepresst.

Bauer bereitet die Audiodaten am Rechner auf. In der Schneidemaschine im gleichen Raum graviert ein Stichel die Daten in eine mit Acetatlack beschichtete Aluminiumscheibe als Rille ein. Die Technik ist weit über 100 Jahre alt und hat sich im Grundsatz erhalten. Dieter wäscht den Rohling, reinigt, versilbert und vernickelt ihn. Der Diplom-Betriebswirt hat nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit und 300 Bewerbungen in München vor gut drei Jahren bei My45 angefangen zu arbeiten – und ist nun der Meister der Galvanik. Seine Negative werden in die drei Plattenpressen eingespannt, die bei My45 aktuell in Betrieb sind: eine für Singles, eine für Langspielplatten mit 140 Gramm Gewicht, eine für LPs mit 180 Gramm. Die Meister des Vinyls aus Niederbayern sagen übrigens, dass die schwerere Platte kein bisschen besser klingt als die leichte. Mehr Material bedeute hier nicht mehr Qualität.

Dieter, der Meister der Galvanik, mit einem beschichteten Negativ. Mit diesen Matrizen werden die Platten in der Maschine gepresst. Foto: Bernhard Fleischmann

Bis zu 30 Farben

In der Presse wird Vinylgranulat – in der Regel schwarz, aber auch in 30 anderen Farben – in einer Schnecke verdichtet, dadurch auf bis zu 180 Grad erhitzt und als Plastikpuck, der sich wie Knete anfühlt, zwischen den Rohlingen (A- und B-Seite) zusammengedrückt. Alle 23 bis 27 Sekunden spuckt die Presse eine Platte aus und wirft sie auf eine Spindel, wo die Scheiben 12 bis 15 Stunden lang auskühlen. Lässt man ihnen dafür zu wenig Zeit, werden sie wellig. Zuletzt werden sie in Innenhüllen (gefütterte sind besser), dann in die Covers gesteckt und versendet. 15 Mitarbeiter kümmern sich um die Schallplatten, viele davon in Teilzeit, aber alle mit Leidenschaft für Musik, sagen Bauer und sein kaufmännischer Co-Chef Helge Sudau.

Vor gut zehn Jahren hat Bauer angefangen, Platten zu pressen. Davor ließ er seine DJ-Scheiben bei ZYX in Frankfurt backen. Als diese Firma pleite ging, kaufte er kurzerhand das Presswerk, behielt aber nur das Wenige, das er brauchte, um Singles herzustellen.

Digitales Musiksignal wird analog: Die Schneidemaschine graviert die Signale per Stichel in einen Rohling. Foto: Bernhard Fleischmann

Mittlerweile ist My45 gewachsen und produziert seit eineinhalb Jahren auch LPs. Eine Schneidemaschine hat Bauer in Mexiko aufgetrieben, zwei Pressen in Kanada, eine in Italien. Alle erwiesen sich als überholungsbedürftig, zum Teil in erschreckendem Maße. Neue Maschinen gibt es praktisch nicht, und schon gar nicht für akzeptables Geld. Denn Mitte der 90er Jahre drängte die CD die Vinylplatte aufs Totenbett. „Die Branche ist vor dem Internet gestorben. Das ist heute für uns ein Vorteil“, sagt Bauer. Denn all das Know-how sei inzwischen weitgehend untergegangen und nicht im Netz mit Gebrauchsanleitungen und allem Drum und Dran kostenlos verfügbar. Wer sich auskennt, ist somit Spezialist – inzwischen ein gefragter, seit Musiklieber wieder Vinylscheiben kaufen. Zwischen 2001 und 2010 hatte Vinyl seinen Tiefpunkt. In Deutschland wurden noch gut eine halbe Million Exemplare pro Jahr verkauft. Vor der CD waren es über 70 Millionen, heute immerhin mehr als drei Millionen.

Alles, bloß kein Nazi-Zeug

Es stehen noch weitere Pressen in der Halle, pflegebedürftig in unterschiedlichem Ausmaß. Die sollen bald in Betrieb gehen. Denn Bauer hat sich und dem Team ein prägnantes Ziel vorgegeben: Eine Million Platten pro Jahr möchte er schaffen. Das wäre gegenüber heute eine Verdoppelung. Dazu müsste er acht Pressen betriebsbereit haben, sechs davon müssten dann ständig laufen. Die Hälfte der My45-Platten bleibt in Deutschland, 30 Prozent gehen ins EU-Ausland, der Rest verteilt sich quer über die Welt, bis nach Japan, USA, Brasilien.

Welche Musik auf Vinyl verewigt wird, ist den Pressen sehr egal; Bauer auch, mit einer Ausnahme: „Hier läuft kein Nazi-Zeug durch.“ Meist sind es Rock und Metal, Reggae, Funk & Soul, HipHop, dazu auch Dark, Doom, Noise, Trash und immer mehr Jazz. Bekanntes ist eher selten darunter. Jüngst kam ein Auftrag von Dicht und Ergreifend für ihr neues Doppelalbum herein. In Indie-Kreisen einigermaßen bekannt sind etwa King Gizzard & The Lizard Wizard.

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