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Ostbayern
Samstag, 20. Januar 2018 10

Freizeit

Die Weltmeister auf dem Autodach

Der Jetbag war der Durchbruch. Heute ist das Thule-Werk in Neumarkt die weltgrößte Fabrik für Dachboxen. Das soll so bleiben.
Von Bernhard Fleischmann

Schlösser und Halterungen werden in der Montagestation an den Kunststoffformen der Dachboxen angebracht. Foto: Bernhard Fleischmann

Neumarkt.Drei Minuten lang dauert der entscheidende Prozess bei der Entstehung einer Dachbox: In einer Tiefziehmaschine, die einer Presse ähnelt, sind nebeneinander zwei Kunststoffplatten eingespannt. 700 bis 800 Grad Celsius heiße Strahler heizen den Platten mächtig ein. Die werden bei einer Eigentemperatur von 150 bis 180 Grad weich. Sobald sie sich willig wellen, bläht sie ein Luftstrom auf. Im nächsten Moment heben sich die darunter liegenden Formen hinein – jeweils eine für Ober- und Unterseite. Durch kleine Luftlöcher in der Form wird ein Vakuum erzeugt, welches den weichen Kunststoff blasenfrei über die Formen zieht. Es folgt eine Wartezeit, bis das Material ausreichend abgekühlt ist. Schon spuckt die Maschine die Dachboxen-Hälften aus in Richtung CNC-Maschine zur weiteren Bearbeitung.

200 000 Boxen pro Jahr

1000 Mal pro Tag geschieht dieser Prozess bei Thule in Neumarkt/Oberpfalz, 200 000 Mal im Jahr. Damit ist die Fabrik der mit Abstand größte Hersteller von Dachboxen weltweit, sagt Verkaufsdirektor Thomas Syring. Der schwedische Konzern kommt nach seinen Worten auf rund 65 Prozent Marktanteil in Europa, dem größten Dachboxenmarkt auf der Welt. Wettbewerber wie Kamei, Hapro und Montblanc lägen deutlich dahinter.

178 Mitarbeiter braucht Thule dafür aktuell in Neumarkt, Teilzeitkräfte voll mitgezählt. Die Produktion läuft je nach Saison zwei- oder dreischichtig.

Hier ein Blick in die modernste „Back“-Maschine: Das weiße Oberteil einer Dachbox ist gut zu sehen. Davor/rechts daneben entsteht gleichzeitig die Unterseite. Foto: Fleischmann

Die Dachboxen werden sowohl direkt an Endkunden als auch über die Automobilhersteller verkauft. Thule rüstet unter anderen Audi, Bentley, Jaguar, Porsche, BMW, Volvo, Mazda, Renault und Peugeot/Citroën/Opel aus. Im Zubehörhandel sind die Boxen auch zu haben, etwa bei Stahlgruber, Stadler oder ATU. Letzterer verkauft die Boxen unter dem Label Jetbag.

Von der Sandmuschel zum Jetbag

Dieser Name weist auf den Ursprung hin. Die Fabrik in Sichtweite des Bahnhofs startete in den 60er Jahren mit der Herstellung von Sandkisten in Muschelform. Anfang der 80er Jahre entstanden die ersten Dachboxen unter den Namen Jetbag. Dieser Markenname etablierte sich in Deutschland als Synonym für Dachboxen. Wettbewerber Thule sah ein, dass es erfolgversprechender war, die Firma Jetbag zu kaufen, als sich auf einen harten Wettbewerb einzulassen. Das wurde teuer. Summen werden nicht genannt, aber die Schweden sollen – im übertragenen Sinn – Anfang der 90er Jahre ein paar Dachboxen voller Geld nach Neumarkt geliefert haben. Gelohnt habe es sich trotzdem.

Testsieger haben ihren Preis

Nach wie vor gelten die Boxen aus Neumarkt als führend, was Innovation und Qualität betrifft. Bei Tests liegen sie gewöhnlich vorn; beim Preis konsequenterweise auch. Einfachere Modelle werden für rund 400 Euro verkauft, die Spitzenprodukte nähern sich der Marke von 1500 Euro – das erforderliche Trägersystem nicht inbegriffen.

Werkleiter Alex Emmerling an einer „Backstation“ für Dachboxen. Foto: Bernhard Fleischmann

Alle zwei Jahre bringt Thule neue Boxen auf den Markt, nach drei bis vier Jahren werden die Modelle üblicherweise von einem neuen abgelöst.

Dabei geht es meist um ein frischeres Design, bessere Handhabung und mehr Sicherheit. Auch Leichtbau wird zunehmend ein Thema. Denn die neuen Autos vertragen immer weniger Dachlast, beobachtet Syring. Früher waren 100 Kilogramm üblich, inzwischen sind es nur noch 75. Manche Fahrzeuge lassen lediglich 50 Kilo zu. Nun wiegt aber allein die Box mit Träger gut 25 Kilo. Die müssen also leichter werden. Alternativ macht sich Thule auch Gedanken über neue Trägerkonstruktionen, welche die Last besser über das Dach verteilen.

Unabhängiger vom Auto

Noch mehr Dachboxen zu verkaufen ist schwierig. Europa ist ein gesättigter Markt. Dennoch hat Thule in den vergangenen vier Jahren um 18 Prozent in diesem Segment zugelegt. Immerhin spielt die Autoindustrie mit, weil sie zwar immer voluminösere Modelle baut. Aber der Kofferraum wächst meist nicht mit, da hat ein SUV keine Vorteile. Deshalb bleibt der Bedarf an Dachboxen erhalten.

Verkaufsdirektor Thomas Syring Foto: Thule

Thule hat sich längst zu einem Multi-Anbieter rund um Mobilität und Freizeitgestaltung entwickelt. Das Unternehmen mit klar formulierten ökologischen Ansprüchen wandelt sich seit rund zehn Jahren. Bis dahin orientierte sich das Angebot nahezu ausschließlich an der Auto-Mobilität. Dazu gehören neben den Boxen Träger für Fahrräder, Skier, Surfbretter, Gepäcksysteme, Produkte für Wohnmobile und einiges mehr. Nun steht diese Art der Mobilität in Frage. Thule befasst sich heute mehr und mehr mit Produkten, die man in der freien Natur nutzt. Heute bietet der börsennotierte Konzern einen Riesenstrauß an Freizeit-Equipment an: Taschen aller Art (für Fahrräder, Kameras, Computer, Reisegepäck), Rucksäcke, Kindersitze und -anhänger fürs Fahrrad, Jogger-Kinderwagen und einiges mehr.

Fast 100 Prozent Recycling

Thule zählt heute rund 2000 Mitarbeiter weltweit. Ein wichtiger Markt ist Nordamerika, das Zentrum bildet aber unangefochten Europa.

Der ökologische Gedanke – man stellt Produkte für Aktivitäten in einer möglichst intakten Natur her – muss sich in der Fabrik bemerkbar machen. In Neumarkt läuft sie ausschließlich mit grünem Strom. Die Recyclingquote der Kunststoffabfälle liege bei über 99 Prozent, sagt Werkleiter Alex Emmerling. Der Zulieferer für die Kunststoffplatten ist Nachbar, das spart Verkehr. Allerdings ist Thule auf Just-in-time-Lieferungen und -Abholungen angewiesen. Denn Dachboxen haben Volumen. Die Tagesproduktion von 1000 Stück braucht Platz, die das Werk kaum hat. „Ich glaube, wir sind ein führender Exporteur von Neumarkter Luft“, witzelt Werkleiter Emmerling.

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