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Glasklare Ausnahmekönner

Hitze, Lärm oder Panzerbeschuss – Bei Flachglas Wernberg werden Scheiben so veredelt, dass sie vielem standhalten.
von Christine Straßer, MZ

Marketingleiter Walter Schöpf führt durch die Produktionshallen bei Flachglas Wernberg. Foto: Straßer

Wernberg-Köblitz.Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, zumal wenn es sich um ein Produkt handelt, dessen wesentliche Eigenschaft es ist, durchsichtig zu sein. So ist den Glasscheiben, die zu nahezu jeder Tages- und Nachtzeit die Produktionshallen der Flachglas Wernberg GmbH verlassen, nicht unbedingt auf den ersten Blick anzusehen, was sie vermögen. Dabei handelt es sich um vollendet veredeltes Glas.

Scheiben aus Wernberg-Köblitz halten einem Panzerbeschuss stand. Sie verhindern, dass in Glaspalästen die Heizkosten ähnlich schnell in die Höhe schießen wie die Fahrstühle ins oberste Stockwerk dieser Hochhäuser. Sie sorgen aber auch dafür, dass sich im Sommer die Kabinen in modernen Hochgeschwindigkeitszügen weniger stark aufheizen. Das ist aber noch immer nicht alles. Bunt bedruckt schmücken die Scheiben beispielsweise futuristische U-Bahnhöfe in aller Welt. Und und und.

Spezialist für das Besondere

Einer, der den Durchblick hat, was die rund 600 Mitarbeiter am Standort Wernberg-Köblitz durch Biegen, Beschichten und Bedrucken sowie durch Verbinden alles herstellen können, ist Walter Schöpf. Seit Anfang des Jahres ist er für das Marketing bei Flachglas verantwortlich. Wer mit ihm über das Betriebsgelände läuft, dem wird schnell klar: Bei Flachglas mag man es speziell.

Schöpf zeigt auf Verbund- und Sicherheitsglas sowie Isolierscheiben. Fast alle sind nach sehr individuellen Vorgaben produziert. Neben schreibheftgroßen Platten für den Möbelbau gehen an diesem Tag wandhohe Fassadenscheiben in den Versand. Auch Verglasung für Züge steht zum Abtransport bereit. Ausgangspunkt für die Veredelung sind immer maximal sechs Meter lange und 3,21 Meter hohe Floatglasscheiben. Sie kommen aus dem Pilkington-Werk in Weiherhammer bei Weiden. Flachglas Wernberg hat sich im Jahr 1999 aus dem Pilkington-Konzern herausgelöst hat. Heute hat Flachglas weitere Standorte in Deutschland und in der Schweiz.

Pilkington hält noch immer 49 Prozent des Unternehmens, aber zu 51 Prozent gehört Flachglas den Mitarbeitern über eine Beteiligungs GmbH. Schöpf, der zuvor bei einem Automobilzulieferer gearbeitet hat, sagt, dass sich das im Unternehmensklima bemerkbar mache. Die Bereitschaft, sich über das Normale hinaus für das Unternehmen einzusetzen, sei höher. Sicherheitsglas wird in Wernberg bereits seit 1938 hergestellt. Das Umfeld ist ländlich geblieben. Rund 6000 Menschen leben in Wernberg-Köblitz. Nur wenige Meter vom Flachglas-Werktor entfernt bietet ein Landwirt Kartoffeln zum Verkauf ab Hof an.

Fakten rund um die Flachglas Wernberg GmbH im Video:

Die Flachglas Wernberg GmbH

Verglasung für Jachten

Oberpfälzer Bodenständigkeit trifft bei Flachglas auf internationalen Jetset. Zu den Kunden zählen russische Oligarchen und Internet-Milliardäre, die sich ihre Luxusjachten ausstatten lassen – mit Glas, das den Blick frei gibt auf jede Laune des Ozeans, die sengende Hitze draußen hält und im Zweifelsfall selbst dann nicht zu Bruch geht, wenn ein Hubschrauber im Landeanflug verunfallt und explodiert. In der Welt der Superreichen kommt schließlich niemand per Beiboot auf seine Jacht. Das Geschäft mit Fenstern für Jachten macht nur einen Bruchteil des Umsatzes aus, aber es liefert gute Gewinne. Häufiger bekommt Flachglas Aufträge für den Schienenverkehr.

Ein Drittel des Umsatzes macht Flachglas in der Sparte Railway. Dass die Oberpfälzer auch bei einem Hersteller in China am Zug sind, stimmt Marketingleiter Schöpf optimistisch. Flachglas hat ein eigenes Büro vor Ort. Denn China hat in den vergangenen 15 Jahren insbesondere sein Hochgeschwindigkeitsnetz stark ausgebaut. Mehr als 3000 Züge flitzen im rasenden Tempo nun schon durch das Riesenreich. Zum Vergleich: Die Deutsche Bahn hat rund 270 ICE-Züge in ihrem Bestand.

Großer Bedarf an Fachkräften

Biegen, bedrucken, beschichten – bei Flachglas in Wernberg-Köblitz werden Scheiben in allen möglichen Formen veredelt. Archivfoto: Schönberger

Jede Woche werden bei Flachglas zwischen 32 000 und 35 000 Quadratmeter Glas im Schneidhaus verarbeitet. Anders gesagt: Es ist viel zu und der Bedarf an Fachkräften ist entsprechend groß. Doch Flachglas kann nicht alle Ausbildungsstellen, die das Unternehmen anbietet, besetzen. Die Bewerber fehlen. Ein Grund, den Schöpf dafür anführt: Selbst in der Region wissen viele nicht, welche Spitzenprodukte hier entstehen.

Aus einfachen Scheiben wird in der Produktion durch thermisches Vorspannen Einscheiben-Sicherheitsglas, das, wenn es beschädigt wird, in kleine Teile ohne scharfe Kanten zerspringt. In Öfen werden die Scheiben dazu auf mehr als 600 Grad Celsius erhitzt und anschließend schockartig abgekühlt. Dabei kühlen sich die oberflächennahen Zonen schneller ab als der Kern, wodurch in der Scheibe zwei Spannungen in entgegensetzte Richtungen wirken. Das hat zur Folge, dass das Glas Stößen und Schlägen besser standhält. Bei Verbundsicherheitsglas wiederum werden mehrere Scheiben durch reißfeste Folien zu einer Einheit verklebt. Durch Beschichtungen mit Metallen wird erreicht, dass Scheiben ausgesprochen lichtdurchlässig sind und trotzdem einen Blendschutz bieten sowie Schall und Hitze draußen halten und Wärme drinnen. Obendrein wird Glas in Wernberg-Köblitz in allen nur erdenklichen Farben und Varianten bedruckt. Kein Wunder also, dass es am Eingangstor von Flachglas heißt: Unsere Welt ist Glas.

Alle Teile der Serie finden Sie hier!

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