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Montag, 25. September 2017 19° 3

Die Ware Fußball

Herausforderungen für Traditionsvereine

Vereine wie der SSV Jahn müssen den Spagat zwischen kurzfristigem sportlichem Erfolg und langfristiger Entwicklung meistern.
Von Gerd Otto, Wirtschaftszeitung

Lange Zeit war Fußball reine Herzenssache. Im modernen Profifußball geht es immer stärker ums Geld und um die Frage, wer das Sagen hat – die Mitglieder, Zuschauer und Fans oder eben Funktionäre und Investoren? Foto: yiorgosgr - stock.adobe.com

München.Die Fußball-Bundesliga und die 2. Bundesliga sind kürzlich in die Saison 2017/2018 gestartet – Grund genug, neben der sportlichen Seite auch den wirtschaftlichen Hintergrund des europäischen Fußballmarktes in den Fokus zu rücken. Englands Premier League an der Spitze, gefolgt von den Kickern in Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich, sind die „Big Five“ der ersten Ligen, die über die Hälfte des Marktvolumens von 24,6 Milliarden Euro ausmachen.

Laut dem aktuellen „Annual Review of Football Finance“ der Marktforscher von Deloitte für die Saison 2015/16 ist die Bundesliga mit einem Schnitt von 42421 bei den Zuschauern weiterhin die klare Nummer eins in der Welt, wodurch die Spieltagerlöse auf bemerkenswerte 528 Millionen angestiegen sind. Dem stehen 1,34 Milliarden Euro an Gehältern gegenüber, die von den Bundesligaclubs aufgebracht wurden. Zum Vergleich: Die Vereine der Premier League gaben im selben Jahr 3,05 Milliarden Euro für ihre Spieler aus. Dieser Trend lässt sich auch im Vergleich der 2. Bundesliga mit ihrem englischen Pendant Championship ablesen. Geben die englischen Clubs hier sogar mehr Geld für ihr Personal aus, als sie – ohne die Transfererlöse oder die Zahlungen von Investoren zu berücksichtigen – erwirtschaften, so liegt der Anteil der Gehaltskosten am Gesamtumsatz für die deutschen Zweitligavereine nur bei 47 Prozent. In konkreten Zahlen: Pro Verein machen die Gehaltskosten in der 2. Bundesliga 14 Millionen Euro aus, während dieser Betrag für Championship bei 31 Millionen Euro liegt. Dies ist offenbar nur möglich, weil die Medienerlöse den Clubs auf der Insel in der Saison 2015/16 mehr als 25 Millionen in ihre Kassen spülten, gegenüber neun Millionen Euro für die Vereine der 2. Bundesliga. Umgekehrt weist die zweithöchste Spielklasse in Deutschland beträchtliche kommerzielle, sprich Sponsoring-Einnahmen auf, hier liegt man mit 15 zu 8 Millionen Euro deutlich in Front. Als „ordentlich“ bezeichnet die Deloitte-Studie die Auslastung der Stadien in der 2. Bundesliga mit mehr als 60 Prozent. Konkret: Im Durchschnitt strömten rund 19000 Zuschauer in die Arenen der 18 Zweitligavereine.

SSV Jahn als „Monster“

Vor diesem Hintergrund hat der Oberpfälzer Traditionsverein SSV Jahn Regensburg nach 2003/4 und 2012/13 zum dritten Mal in diesem Jahrhundert den Sprung in die 2. Bundesliga geschafft und sieht sich einer ganz besonderen Herausforderung gegenüber. Wie Dr. Christian Keller, Vorstandsmitglied Profifußball, im Gespräch mit der Wirtschaftszeitung erläutert, geht es den Jahn-Verantwortlichen zum einen darum, nicht wieder nur ein einjähriges Gastspiel im Fußball-Unterhaus der Republik zu geben. Noch wesentlich wichtiger sei es freilich, die sportlichen Ergebnisse mit Auf- und Abstieg in den verschiedenen Ligen von der Notwendigkeit abzukoppeln, den Verein strukturell und auf lange Sicht, also nachhaltig, weiterzuentwickeln.

Was der SSV Jahn in diesem neuen Umfeld der 2. Bundesliga brauche, sei Stabilität, ohne die es keine kontinuierliche Entwicklung geben könne. Gerade angesichts der rasanten, weil in kürzestmöglicher Weise errungenen Erfolge mit zwei Aufstiegen hintereinander sollte man sich bewusst machen, „wo wir herkommen“. In der Regionalliga Bayern sei man vor zwei Jahren, auch mit Blick auf die neue Arena, von den anderen Vereinen schon bald als „Monster“ empfunden worden, als neues Mitglied in der 3. Liga hatte sich der Jahn dann inzwischen seine Wettbewerbsfähigkeit und den Respekt der Konkurrenz erarbeitet und nun, in der 2. Bundesliga, heiße es erneut, sich an diese neue Spielklasse „heranzupirschen“.

Mehr als 250 Sponsoring-Partner

Das aber brauche Zeit und die Unterstützung der gesamten Region, deren inzwischen sogar weltweit erfolgreiche Unternehmen ja durchaus mit den Werten des SSV Jahn übereinstimmen. „Dies spüre ich eigentlich Tag für Tag im Gespräch mit unseren Sponsoren“, erzählt der im Vorstand für Marketing zuständige Philipp Hausner. Die Situation habe sich aus dem Blickwinkel des SSV Jahn „brutal verbessert“, auch wenn die Regensburger mit ihrem Umsatz von 14 Millionen Euro bei Weitem noch nicht den Durchschnitt aller 18 Clubs in der Größenordnung von 30 Millionen Euro erreicht haben. Immerhin kann Philipp Hausner mit fünf Millionen Euro Einnahmen aus dem Sponsoring von mehr als 250 Partnern rechnen. Vor vier Jahren musste man noch mit 1,5 Millionen Euro zufrieden sein.

Eindrucksvoll lässt sich der Weg des SSV Jahn aber auch aus Sicht der Medienerlöse nachzeichnen. Nach den 1900 (!) Euro Fernsehgeld pro Saison in der Regionalliga und den immerhin schon 711000 Euro, die jeder Drittligist erhält, liest sich der Betrag von 6,7 Millionen Euro pro Spielzeit, womit Dr. Christian Keller und Vorstandsvorsitzender Hans Rothammer derzeit kalkulieren, zwar sehr gut. Doch schon die Spanne zwischen 6,5 Millionen Euro für Mitaufsteiger Kiel und den 17 Millionen Euro, die den Spitzenteams aus dem TV-Topf überwiesen werden, macht die Herausforderung deutlich. Gleichzeitig ist Keller überzeugt: „Wir können nicht nur ernten, sondern müssen auch noch viel säen.“

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Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper. www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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