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Ostbayern
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Interview

Plädoyer für die digitale Revolution

Netz- und Bildungsaktivist Daniel-Domscheit-Berg, Ex-Sprecher von WikiLeaks, fordert neue Wege in Richtung digitale Zukunft.
Von Thomas Tjiang

Autor, Informatiker, Netz- und Bildungsaktivist Daniel-Domscheit-Berg war Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Er gilt als Experte, wenn es darum geht, über den Tellerrand der digitalen Revolution zu blicken. (Foto: Thomas Tjiang)

Nürnberg.Herr Domscheit-Berg, derzeit breiten sich die zweite Digitalisierungswelle und Industrie 4.0 aus. Was kommt in den nächsten Jahren noch alles auf uns zu?

Daniel Domscheit-Berg: Es geht einmal um die starken Veränderungen in der Mobilität, also die Frage von autonomen Fahrzeugen, aber auch um die Erschließung der dritten Dimension mit den autonomen Flugtaxis. Der zweite große Bereich ist der 3-D-Druck, von dem die Mehrheit noch denkt, es gehe um das Drucken von Plastikteilen. Beim Bioprinting werden wir in zehn oder 15 Jahren implantierfähige Organe drucken können. Wir verschlafen hier ganz wichtige Grundsatzdebatten, etwa die Frage des Copyrights gedruckter Organe. Da kann es künftig um Leben und Tod gehen. Auch beim dritten Bereich, der künstlichen Intelligenz, stehen wir heute erst in den Startlöchern.

Setzt autonomes Fahren in Smart Cities vollständig digital vernetzte Mobilitätsteilnehmer voraus, also hundertprozentige Transparenz?

Wir kommen an Big Data und dem Transparentwerden von Mobilitätsteilnehmern nicht vorbei. Autonomes Fahren wird nicht funktionieren, ohne dass extrem viele Daten dabei anfallen. Daher müssen auch Firmen in Zukunft auf Transparenz verpflichtet werden, welche Daten an welcher Stelle erhoben, wie sie verarbeitet, wie lange sie vorgehalten und an wen sie weitergegeben werden und wo was verknüpft wird. Diese Art von Mobilität ist eine überaus positive Perspektive für unsere Gesellschaft. Sie erfordert aber ein Vertrauensverhältnis, das den Missbrauch dieser Systeme ausschließt.

Die Gegenwart sieht anders aus. Per Datenschutzerklärungen räumen sich Pkw-Hersteller eine umfassende Nutzung der Autodaten ein. Wer nicht unterzeichnet, bekommt keinen Neuwagen. Verspielt hier die Industrie nicht von Anfang an viel Vertrauen?

Ich weiß nicht, ob sie heute schon Vertrauen verspielt, aber sie ist in jedem Fall kurz davor. Die Sensibilisierung für die Nutzung der Daten, die im Auto generiert werden, findet ja statt. Allerdings noch nicht in der breiten Masse. Deshalb wäre es jetzt der richtige Zeitpunkt, sich anders zu positionieren. Dann könnten Autohersteller auch mit einer ganz anderen Message in den Markt gehen. Daten müssen gesammelt werden und das bringt auch Vorteile, das lässt sich auch verargumentieren. Unternehmen müssen sich aber auf die Notwendigkeit herablassen, das gegenüber dem Konsumenten zu erklären. Dazu sehen viele Konzerne nicht die Notwendigkeit.

Derzeit verlangen Firmen vom Kunden viele Daten und bieten dafür kostenlose Social Media Apps oder günstigere Versicherungstarife. Sind solche Modelle in der Zukunft tragfähig?

Die neue industrielle Revolution ist viel mehr als nur eine digitale Revolution. Wir entwickeln uns in eine Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Im 3-D-Druck-Bereich ist es teuer, Innovationen zu realisieren. Ist die Technik allerdings mal da, gehen die Kosten, um etwas für die Masse zu produzieren, gegen Null. Das ist wie bei einem Musikstück, das, einmal komponiert, sich für nichts kopieren lässt. Ähnliches gilt für Plattformen. Die Idee einer anderen Mobilität von Uber kann heute auf Open-Source-Basis mit Libretaxi regional aufgebaut werden. Gleiches gilt für soziale Dienste wie Twitter – die Features kann heute jeder mit dem Mikroblogging-Netzwerk Mastodon als föderativen Dienst selbst betreiben. Gute Ideen werden kopierbar. Die Bereitstellung eines kostenlosen Dienstes wird bald kein Alleinstellungsmerkmal mehr sein, mit dem man gegen Daten mittelfristig noch Leute fangen kann.

Die Digitalisierung verändert die Wertschöpfung und damit die Arbeitswelt der Zukunft. Wie wird die aussehen?

In Wahlkampfprogrammen konnte man noch das Ziel der Vollbeschäftigung finden. Das halte ich für wahnsinnig. Wir müssen uns nicht nur fragen, ob das angesichts vieler prekärer Arbeitsverhältnisse realistisch ist. Wir müssen uns auch die Sinnfrage stellen. Ist das klassische Lohnerwerbsverhältnis das Ideal unserer Gesellschaft? Ich bin ein großer Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens. Das ist ein Denkanstoß, um zu überlegen, wie eine andere Verteilung der Wertschöpfung aussehen könnte, wenn es die Lohntüte als Verteilmechanismus nicht mehr gibt.

Das hört man auch von den Chefs etwa von der Telekom oder Siemens …

Es gibt auch andere, die nicht mehr von einer Erwerbstätigengesellschaft, sondern von einer Tätigkeitsgesellschaft reden. Da kann es um Tätigkeiten fernab der heute bekannten Erwerbsarbeit gehen. Immerhin werden schon heute doppelt so viele Stunden unbezahlt gearbeitet wie bezahlt. Wir sind also mitnichten faul, wenn wir keine Lohnarbeit mehr haben. Ich sehe das als Vision und Chance für unsere Gesellschaft, dafür müssen aber radikale Weichen gestellt werden.

Wer soll die Diskussion vorantreiben?

Die Impulse müssten eigentlich aus der Politik kommen. Aber wir denken einfach viel zu kurz und blicken nicht über den Tellerrand. Dabei geht es im Grunde um das sperrige Wort der Technikfolgenabschätzung, nämlich zum Beispiel um die Konsequenz von künftig dunklen, also menschenleeren Fabriken. Was ist die Konsequenz aus fortschreitender Roboterisierung? Wir müssen gesellschaftliche Konzepte neu überdenken. Das braucht auch den Mut, eine intelligente Erkenntnis auszusprechen.

Welche Hilfe kann digitale Aufklärung leisten?

Gerade für die jüngeren Menschen geht es um Mündigkeit, wie man diese Welt mitgestaltet. Im Werkunterricht kann es nicht nur um Arbeiten mit Holz gehen, sondern auch darum, löten zu lernen und Elektronik zu verstehen. In Geschichte können wir zeigen, was es bedeutet, wenn in einem Überwachungsstaat die Stasi alles mithört. Gehen wir noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück, finden wir Lochkarten als informationsverarbeitendes System, die den Holocaust erst ermöglicht haben. So können Schüler den bewussteren Umgang mit ihren Daten nachvollziehen. Und so lässt sich auch der Aspekt erklären, warum Kryptografie schon damals so wichtig war.

Zwei Drittel der heutigen Grundschüler werden in Zukunft einen Beruf ergreifen, den es heute noch nicht gibt.

Daniel-Domscheit-Berg

Zwei Drittel der heutigen Grundschüler werden in Zukunft einen Beruf ergreifen, den es heute noch nicht gibt. Es bräuchte neue Antworten, wie Schule in Zukunft überhaupt funktioniert. Da passiert faktisch überhaupt nichts. Unser preußisches Bildungssystem wird nicht weiter funktionieren. Mit Blick auf die künstliche Intelligenz geht es auch darum, dass der Mensch Herr über die Maschinen bleibt und nicht umgekehrt. Dafür bräuchten wir aber in den Schulen andere Lehrinhalte.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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