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Ostbayern
Samstag, 20. Januar 2018 10

Medizin

Prävention muss in den Fokus rücken

Dr. Tobias Daniel Gantner, Geschäftsführer der Healthcare Futurists GmbH, plädiert für einen präventivmedizinischen Ansatz.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Dr. Tobias Gantner Foto: Healthcare Futurists GmbH

Köln.Herr Dr. Gantner, wie weit sind die Möglichkeiten, Datensätze aus der Genomforschung für die Individualisierung der Medizin zu nutzen?

Dr. Tobias Gantner: Dieser Traum besteht schon lange, nun rückt er vielleicht in Reichweite. Die Herausforderung ist allerdings, dass Krankheitsgeschehen meist nicht in einem linearen Ursache-Wirkung-Rahmen zusammenhängen, sondern von multiplen Einflussfaktoren abhängig sind. Die Vorhersage des Schicksals eines Menschen allein basierend auf seinem Genom dürfte weiterhin schwierig bleiben. Dennoch wird es wichtig sein, aus Daten Zusammenhänge zu destillieren, die in einem Kausalitätsverhältnis stehen. Neue technologische Ansätze und körpernahe Sensorik sind große Hoffnungsträger.

Der Nutzen personalisierter Medizin ist evident. Welche Risiken bestehen?

Man könnte jetzt über Datenschutz oder über die große Herausforderung der Finanzierung sprechen. Ich möchte hier eher darauf hinweisen, dass hinter jeder beantworteten Frage zwei neue Fragen auftauchen. Das bedeutet, je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir, wie wenig wir gerade wissen. Ich möchte vor medizinischen Allmachtsfantasien warnen. Ich bin nach wie vor ein großer Verfechter des Gedankens der Prävention. Unser Gesundheitssystem hat ein im Wortsinn pervertiertes, das heißt ein verdrehtes Anreizsystem. Es geht darum, Menschen, die krank sind, gesund zu machen und dafür möglichst teure Verfahren einzusetzen. Ich wäre eher dafür, den Blick auf die Prävention zu richten und Krankheiten aufzufangen, noch ehe sie eintreten. Insofern finde ich das Thema „Disease Interception“, also das Aufhalten eines individuellen Krankheitsprozesses an einem frühen Punkt, sehr spannend, wenngleich es erstattungstechnisch ein Alptraum werden wird. Wie hoch dürfte denn der Preis für eine Impfung gegen Bluthochdruck sein?

Kann es eine Pflicht geben, sich vernünftig entsprechend seinen individuellen Risiken zu verhalten?

Mit anderen Worten: Werden wir eine Gesundheitsdiktatur haben? Das ist eine interessante, möglicherweise gar philosophische Frage, die ich dann auch so beantworten möchte. Erst einmal ist es ja fraglich, ob der Patient wirklich dadurch mündiger wird, dass er mehr über sich wissen kann. Ich möchte das bezweifeln. Denn sonst könnte man auch behaupten, dass jeder, der lesen kann, gleichzeitig auch klug handelt. Ich würde sagen, die Medizin wird transparenter und somit auch die Aktivitäten aller, die sich in ihr engagieren. Sie wird dadurch aber nicht zugänglicher, was das Verständnis und die Übersetzung in Handlung angeht. Deswegen sind Pillen ja so viel einfacher als Prävention.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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