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Ostbayern
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Medizin

Smarte Geräte kontrollieren Vitalwerte

Daten werden zunehmen zum Treiber der personalisierten Medizin. Die Möglichkeiten, sie zu erheben, werden immer zahlreicher.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Fitnessuhren ermöglichen ein lückenloses Monitoring von Gesundheitswerten. Foto: Andrey Popov - stock.adobe.com

Erlangen.„Wearables“ wie Fitnessarmbänder, Schrittzähler und Aktivitätstracker, die Gesundheitsdaten erheben, Kleidungsstücke, die ihrem Träger melden, wenn er zu wenig getrunken hat, und Brillen, die über Bewegungen des Kaumuskels exakt auf Art und Zusammensetzung der Nahrung schließen lassen – das „Internet der Dinge“ macht auch vor der Medizin nicht halt. Durch die Vernetzung von Objekten über das Internet werden die Geräte „intelligent“, sie liefern eine Masse an Informationen, die für die Individualisierung von Prävention, Diagnostik und Therapie genutzt werden können. Daten werden auf diese Weise zum Treiber der personalisierten Medizin.

„Die Wearables zeigen uns, was wir aus der Genetik schon erahnt haben“, sagt Dr. Tobias Daniel Gantner, Gründer und Geschäftsführer der Health-care Futurists GmbH und Direktor des European Center for Patient Centric Innovation and Medical Entrepreneurship. Als Beispiel führt Gantner Diabetes mellitus an, die weit verbreitete Zuckerkrankheit, deren Therapie mithilfe von Wearables individualisiert und damit verbessert werden könne. So hätten die Daten aus einer mithilfe von Wearables erfolgten konstanten Blutglukosemessung die Vermutung bestätigt, dass es je nach Genotyp unterschiedliche Ausprägungen der Krankheit gebe und Menschen entsprechend ihrem individuellen Stoffwechselprofil unterschiedlich auf verschiedene Therapieansätze reagierten. „Dem einen nützt ein orales Antidiabetikum, beim anderen hilft körperliche Aktivität und der dritte wird insulinpflichtig. Die Erhebung von medizinischen Daten wird ein wichtiges Feld dieser Geräte werden“, so Gantner.

Der Wissenschaftler geht davon aus, dass sich die Qualität der Geräte noch deutlich verbessern wird und dass mehr Unternehmen aus dem Konsumentenbereich in den Bereich „serious Medicine“ im Sinne wirklicher Diagnostik vordringen werden. Grundlagen und Impulse dazu liefert die Forschung, in Bayern beispielsweise der Lehrstuhl für „eHealth and mHealth“ an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Oliver Amft und sein Team forschen an intelligenten Technologien für die medizinische Diagnostik und Therapie. „Die klinische Diagnostik wird immer mehr über das Genom erfolgen. Das reicht jedoch noch nicht aus. Was noch fehlt, um Therapien individualisieren zu können, ist der Einfluss von Umwelt und Verhalten. Die Informationen dazu können Wearables liefern sowie Sensoren am Arbeitsplatz und im Smarthome“, erklärt Amft. So könne beispielsweise über Sensoren am Computer die Haltung der davor sitzenden Person und deren Sitzdauer erhoben werden. Über das Smartphone könne diese zum Beispiel zur Pause aufgefordert werden. „Die Erweiterung der personalisierten Medizin um verschiedene Datenquellen bringt große Chancen für eine verbesserte Prävention und Therapie.“

An seinem Lehrstuhl ist beispielsweise eine intelligente Brille entwickelt worden, deren Sensoren über die Bewegung des Kaumuskels auswerten, welche Menge an Nahrungsmitteln zu welchem Zeitpunkt gegessen wurde. Essverhalten kann so bequem und unauffällig beobachtet werden. „Das hilft unter anderem Diabetes- oder Adipositas-Patienten, ein gesundes Ernährungsverhalten zu entwickeln“, erklärt Amft. Die Brille kann auch eingesetzt werden, um Flüssigkeitshaushalt, Schlafstörungen, Herzarrhythmien und Atmung zu „tracken“. Sogar psychische Belastungen lassen sich mithilfe der Brille feststellen – über spezifische, unabhängig von der Essensaufnahme erfolgende Kaubewegungen. Die intelligente Brille wird exakt auf die individuelle Kopfform angepasst, um die anatomisch ideal geeignete Platzierung der Sensoren zu erreichen. Hergestellt wird sie dann per 3D-Druck.

Amft geht davon aus, dass im Gesundheitssystem der Zukunft eine Art digitales Ökosystem entstehen wird – mit einer Vielzahl von Geräten zum Monitoring und für Interventionen. Gantner sieht die große Herausforderung der personalisierten Medizin in ihrer Forschungs- und Kostenintensität. Es sei fraglich, ob ein solidarisch beitragsfinanziertes Gesundheitswesen imstande sei, sich diese „Schlüssel-Schloss-Medizin“ zu leisten. „Ich bin da eher skeptisch und glaube, dass wir von der Vorstellung der personalisierten Medizin zur ‚Mass Customized Medicine‘ kommen werden“, erklärt Gantner. Mit „Mass Customization“ wird das Ziel der „Industrie 4.0“ beschrieben, durch Variation aus wenigen, jedoch aus Kundensicht entscheidenden Merkmalen des Produkts eine Individualisierung zu erreichen – zu Kosten, die nur geringfügig über denen des Standardprodukts liegen.

Im medizinischen Kontext kann das laut Gantner beispielsweise bedeuten, bereits bekannte Wirkstoffe neu zu kombinieren, um sie so noch besser ausnutzen zu können, und mithilfe von 3-D-Druckverfahren digital unterstützt herzustellen. „Diese sogenannten Polypills sind dosisadjustierte, genau auf den Stoffwechsel des Einzelnen abgestimmte Kombinationen bestehender Wirkstoffe. Solche Produktindividualisierungen finden wir auch in anderen Industriezweigen, beispielsweise beim Druck von Turnschuhen.“

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

Lesen Sie zu diesem Thema auch das Interview Prävention muss in den Fokus rücken

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