mz_logo

Unsere Champions
Mittwoch, 21. Februar 2018 4

Unternehmen

In der Pflanze liegt die Kraft

Die meisten Firmen kostet die Erkältungswelle Geld. Für Bionorica gilt das Gegenteil: Hier werden Gegenmittel produziert.
Von Katrin Wolf

Produktionsleiter Michael Schleifenheimer in seiner Arbeitskleidung. Die Produktionshallen müssen absolut rein gehalten werden. Fotos: Wolf

Neumarkt.Durch die Produktionshallen von Bionorica in Neumarkt zieht ein angenehmer Duft. Er erinnert an Sommerwiesen – und an Hustensaft. Umso krasser ist der Gegensatz zu der sterilen Fabrikumgebung: Wenn Pflanzen zu Medikamenten werden, muss das Umfeld komplett sauber sein. Besucher müssen daher zuerst durch eine Schleuse: Ohne Labormantel, Plastikhülle über den Schuhen und Haarnetz kommt niemand hinein.

Jeder, der schon einmal eine Nasennebenhöhlenentzündung hatte, kennt wohl Sinupret. Bionorica, der Weltmarktführer in der Produktion von pflanzlichen Arzneimitteln mit Hightech, stellt das Medikament her. Sauberkeit in den Produktionshallen ist alles – natürlich darf nicht jeder hinein. Michael Schleifenheimer geht mehrmals täglich durch die Schleuse. Als Produktionsleiter kennt er die Prozesse, die die Pflanzenteile auf ihrem Weg zur Tablette oder zum Saft durchlaufen, auswendig.

Fokus liegt auf der Forschung

Die genaue Zusammensetzung von Sinupret ist ein Betriebsgeheimnis.

Wer bei pflanzlichen Arzneimitteln zuerst an Homöopathie denkt, wird schnell eines Besseren belehrt: Bei Bionorica sieht man sich als Vorreiter, wenn es darum geht, Technologien zu entwickeln, die den Drogen – was nichts anderes bedeutet als Pflanzenteile – ihre besten Wirkstoffe entziehen. Viele Prozesse laufen voll automatisch, die Digitalisierung ist längst auch im Neumarkter Werk angekommen – auf Weltniveau, sagt Schleifenheimer.

Laut Firmenchef Prof. Dr. Michael A. Popp ruht der Erfolg des Unternehmens auf zwei Säulen: Neben der Produktion von pflanzlichen Arzneimitteln mit modernster Technik spielt der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit eine große Rolle. Von der Homöopathie grenzt er sein Unternehmen entschieden ab: „Sie werden keine einzige richtig wissenschaftlich fundierte Studie zur Homöopathie finden“, sagt Popp. Die Arzneimittel von Bionorica hingegen seien wegen ihrer wissenschaftlich erforschten Wirkung Teil der Schulmedizin geworden.

Im Video sehen Sie Eindrücke aus dem Werk:

Porträt: Bionorica in Neumarkt

Popp hat das Konzept des Phytoneering geprägt: Dabei wird das Wirkstoffpotenzial von Pflanzen (griechisch: phyton) mithilfe moderner Technologien entschlüsselt (engineering). Die Forschung spielt für den Konzern eine wichtige Rolle. Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Atem- und Harnwege, Immunsystem und Frauengesundheit. Ein Thema, das im Fokus der Wissenschaftler steht, sind gutartige Veränderungen der Brustdichte bei Frauen. Diese werden über das Hormonsystem beeinflusst. Ein Medikament aus dem Portfolio von Bionorica soll das dafür verantwortliche Hormon reduzieren, das gleichzeitig das Brustkrebsrisiko steigern kann.

„Sie werden keine einzige richtig wissenschaftlich fundierte Studie zur Homöopathie finden.“

Vorstandschef Prof. Michael A. Popp

Den Vorteil pflanzlicher Arzneimittel sieht Prof. Popp in der Kombination der unterschiedlichen Inhaltsstoffe. Ein Arzneimittel habe daher mehrere Wirkungen: Sinupret etwa soll bei Erkältungen gegen die Viren helfen und gleichzeitig Sekrete flüssiger machen, damit sie leichter abtransportiert werden können. Die Forschung beginnt schon früh in der Verarbeitungskette: Thymian und Rosmarin etwa sind spezielle Züchtungen.

Für Popp spielen ganzheitliche Konzepte eine große Rolle. Ein Beispiel: Auf Mallorca baut das Unternehmen Mandelbäume an. Die Mandelhülle war lange Zeit nicht verwendbar und wurde weggeworfen. Popp hatte eine Idee: Jetzt werden die Hüllen verbrannt. Die Wärme des Feuers trocknet die Pflanzen. Hier zeigt sich der Fokus der Firma: Jeden Teil einer Pflanze bestmöglich nutzen zu können.

Russland als Wachstumsmarkt

Auf Naturheilmittel war schon der Firmengründer spezialisiert. Josef Popp, der Großvater des heutigen Inhabers, gründete Bionorica 1933 in Nürnberg. Er vertrieb erste Naturheilmittel und an die 400 verschiedenen Tee-Sorten. 1945 übernahm seine Tochter, die Pharmazeutin Erna Popp, die Geschäftsführung. Mit dem Bollerwagen lieferte sie die Arzneimittel persönlich an Apotheken aus. Ihr Bruder, der Arzt Hans-Oskar Popp, Vater des jetzigen Firmeninhabers, brachte Erfahrungen aus seiner Praxis mit ein. Erna Popp starb am 6. Dezember 2017 mit 99 Jahren. Nur neun Tage später starb auch Dr. Hans-Oskar Popp, der 93 Jahre alt geworden war.

Die beiden Geschwister hatten dem Unternehmen entscheidende Impulse mitgegeben. Mittlerweile arbeiten über 1600 Mitarbeiter an weltweit 17 Standorten für Bionorica, 1000 davon in Deutschland. In fünf Jahren sollen es weltweit 2000 sein. Nach Unternehmensangaben ist die Belegschaft in Deutschland innerhalb von zehn Jahren um 149 Prozent gewachsen. Der Netto-Umsatz im Jahr 2016 betrug 253,1 Millionen Euro.

Große Wachstumsmärkte für Bionorica sind Russland und die Ukraine. In Deutschland stagniert der Absatz pflanzlicher Medikamente laut Prof. Popp. „Der geht nur bei Erkältungswellen nach oben“, erklärt der Pharmazeut. Auch deshalb legt Popp den Fokus auf Innovation. 1988 übernahm er die Geschäftsführung der Produktion – im selben Jahr zog die Firma um. In Nürnberg gab es zu wenig Flächen für weitere Industrieansiedlungen, in Neumarkt dafür Grenzlandförderung.

Falls Sie sich schon immer gefragt haben, wie ein Beipackzettel in eine Medikamentenverpackung kommt – Produktionsleiter Michael Schleifenheimer zeigt es Ihnen:

So kommt der Beipackzettel in die Schachtel

Fachkräfte sind heiß begehrt

Wie für viele andere Unternehmen in der Region spürt auch Bionorica den Fachkräftemangel. Dass in und um Neumarkt nahezu Vollbeschäftigung herrscht, macht die Sache nicht einfacher. Die Firma setzt unter anderem auf gezielte Talentsuche: Mitarbeiter schwärmen bis nach Harvard aus. Zweimal hintereinander habe man außerdem die deutschlandweit beste Pharmakantin ausgebildet, erzählt Popp nicht ohne Stolz.

Fachkräfte sind heiß begehrt – auch oder gerade weil viele Prozesse in der Produktion voll automatisiert ablaufen. Besonders stolz ist Produktionsleiter Schleifenheimer auf ein patentiertes Verfahren, mit dem Flüssigkeiten wieder zu Feststoffen verarbeitet werden können – „der letzte Schritt vom Wirkstoff zu Tabletten“, erklärt er.

Das Fabrikgelände von Bionorica liegt am Rand eines kleinen Wäldchens. Die Winterluft ist frisch und klar, und man überlegt sich unwillkürlich, was wohl alles in den Pflanzen in der Umgebung steckt.

Für unsere Reihe „Unsere Champions“ besuchen wir erfolgreiche Firmen in der Region. Hier können Sie alle Teile der Reihe lesen.

Mehr aus der Wirtschaft lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht