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Wissenschaft
Dienstag, 24. Mai 2016 13° 6

Archäologie

Antike Latrinen als Keimschleuder

Toiletten der alten Römer gelten als Meilenstein der Hygiene. Einer Studie zufolge trugen sie zur Verbreitung von Keimen bei.
Von Claudia Thaler, dpa

Privatsphäre Fehlanzeige: Auf solchen öffentlichen Gemeinschaftstoiletten (latrina publica) wie hier in der einstigen römischen Hafenstadt Ostia Antica in Italien verrichteten die Menschen damals ihr Geschäft. Foto: Kurt Rohwedder/dpa

Cambridge.Gestählte Körper, Schönheitskult, penible Hygienevorschriften: Unser Bild vom antiken Rom ist bestimmt von der Vorstellung eines Strebens nach Disziplin, Ordnung und Ästhetik – und dennoch stanken die Toiletten dort sprichwörtlich bis zum Himmel. Und nicht nur das: Ein britischer Forscher hat jetzt nachgewiesen, dass die Latrinen wohl eine Keimschleuder in einem neuen Ausmaß waren. Die Latrinen waren demnach maßgeblich verantwortlich für die Verbreitung von Krankheitserregern im ganzen Römischen Reich.

Viele Menschen im gesamten Reich litten zum Beispiel an Darmkrankheiten, die von den Erregern in den Latrinen übertragen und ausgelöst wurden, analysierte der Anthropologe Piers Mitchell von der Universität Cambridge im Fachjournal „Parasitology“. Entgegen einer allgemeinen Annahme brachten die Toiletten laut seiner neuen Studie keine wesentlichen Verbesserungen im Gesundheitssystem.

Mitchell untersuchte in antiken Gemeinschaftsklos sogenannte Koprolithe – das sind Kotsteine aus fossilen Exkrementen. Die Reste verglich er dann mit den Analysen aus Gräbern und Ausgrabungsresten. Dabei zeigte sich: In den Kothäufchen wimmelte es nur so an Überresten zum Beispiel von krankmachenden Läusen, Flöhen oder Zecken. Solche Überreste finden sich im gesamten Gebiet des Römischen Reichs – von britischen Siedlungen bis nach Vorderasien.

Die Hygienemaßnahmen hatten laut Mitchell kaum positive Effekte auf die Gesundheit. Flöhe und Läuse hätten sich bei den Römern ebenso stark verbreitet wie zu Zeiten der Wikinger oder im Mittelalter. Dabei herrschte zu dieser Zeit ein fast hygienischer Ausnahmezustand: Im Mittelalter schüttete man die Fäkalien und schmutziges Wasser auf die Straße, bis diese festgetreten waren. Doch warum kamen dann die Gemeinschaftstoiletten keiner hygienischen Revolution gleich?

Fischsoße als Parasiten-Herd

Eine von Mitchells Thesen besagt, dass das Wasser in öffentlichen Latrinen teilweise selten ausgetauscht wurde und sich so eine Schlammschicht auf der Oberfläche gebildet haben könnte. Bisher ging man davon aus, dass ein Kanalsystem über Aquädukte und regelmäßige Wasserzulieferungen die Hygienestandards in öffentlichen Bädern verbessert hätten. „Offensichtlich waren die Badeanstalten jedoch nicht so hygienisch wie bisher angenommen“, resümiert Mitchell laut einer von seiner Universität verbreiteten Mitteilung.

Ein zweite Theorie geht noch weiter: In den Proben fand Mitchell immer wieder die Eier einer speziellen Art von Bandwürmern, die sich vor allem in Fischen einnistet. Der mögliche Grund: Die Römer liebten eine spezielle Fischsoße auf ihren Gerichten, das sogenannte Garum. Die Paste wird nicht gekocht, sondern steht lange Zeit in der prallen Sonne – ideale Bedingungen für den Fischbandwurm. „Heute würde man von ekligem Gammelzeug sprechen, damals war es das ,Maggi der Antike‘“, sagt Karl-Wilhelm Weeber von der Universität Wuppertal. Für ihn ist Mitchells Theorie plausibel. Durch intensiven Garum-Handel konnten sich die Parasiten weit verbreiten.

Der antike Lokus gibt jedoch noch andere tiefgründige Erkenntnisse preis: Weil die öffentlichen Latrinen durch die starke Nutzung schnell überzuquellen drohten, mussten sie in regelmäßigen Abständen ausgehoben werden. Doch wohin mit all den Exkrementen? Einzelne Aufzeichnungen legen nahe, dass diese auch auf den Feldern als Düngemittel eingesetzt wurden. Laut Mitchell hatte diese Maßnahme dramatische Konsequenzen: Die Parasiten gelangten auf die Felder und mit der Ernte wieder auf die Märkte – schlecht für die Konsumenten.

Tratsch auf der Prachtlatrine

Gemeinschaftsklos gibt es seit dem ersten Jahrhundert vor Christus, als Sitzreihe für rund 50 Menschen, ohne Trennwände oder Privatsphäre. In vielen Fällen verrichteten Mann und Frau nebeneinander ihre Notdurft. Darüber hinaus war eine Latrine ein Privileg der Stadtbewohner. Rund 85 Prozent der Menschen lebten auf dem Land und nutzten die Natur, um sich zu erleichtern – und kannten das „Highlight der römischen Zivilisation“ allenfalls vom Hörensagen.

Deswegen will Altphilologe und Historiker Weeber die Hygienevorschriften im alten Rom nicht zu hoch einschätzen. „Im Vergleich zum Mittelalter war das Römische Reich jedoch ein Hort der Hygiene.“ Private Latrinen lagen meist unmittelbar neben der Küche, dort wurde auch der Hausmüll entsorgt. Einige Sammelklos wurden nur gegen einen kleinen Obolus gereinigt. In Prachtlatrinen trafen sich hingegen Angehörige der Oberschicht zum „gemeinsamen Defäkieren“, wie Weeber erklärt. Dabei tauschte man sich etwa über Stadtgerüchte oder Politik aus. „Ein umgekehrter Stammtisch.“

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