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Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Ein kleiner Fisch bereitet große Sorgen

Unterwegs mit Anglern in der Oberpfalz: Die zierliche Schwarzmundgrundel sorgt hier für massive Veränderungen im Ökosystem der Donau.
Von Philipp Seitz, MZ

Unerfreulicher Fang: Die Regensburger Angler haben immer häufiger eine Schwarzmundgrundel am Haken. Diese verdrängt heimische Arten.Fotos: Seitz

Regensburg.Lange hat es nicht gedauert: Nach 45 Sekunden zappelt bereits ein kleiner, schwarz-grau glänzender Fisch an der Angelleine von Hans Holler. Und das, obwohl der Vorsitzende des Regensburger Anglerbundes auf Lockfutter gänzlich verzichtet hat. „So wie ich jetzt fische, ist normalerweise nichts zu fangen“, versichert er und entfernt den kleinen Angelhaken aus dem Mund des etwa zehn Zentimeter langen Fisches. Über seinen Fang ist Holler allerdings nicht begeistert. „Es hätte schon ruhig etwas anderes sein dürfen“, meint Holler. „Die Schwarzmundgrundel ist für uns Angler ein lästiges Übel.“ Zwar ist innerhalb kürzester Zeit der Angelerfolg garantiert, satt wird der erfolgreiche Fischer von der kleinen Grundel allerdings nicht. Begeistert sind die Regensburger Petrijünger über das stetig steigende Grundelvorkommen in der Donau deshalb wenig – im Gegenteil: Forschern und Anglern bereitet der kleine Fisch, der für massive Folgen im Ökosystem sorgt, große Sorgen.

Besiedlung der oberen Donau

„Es gibt Angler, die keine Angelkarte für die Donau mehr kaufen, weil sie ständig nur noch Grundeln fangen“, klagt Holler. Das ist für den Anglerbund-Vorsitzenden aber eher Nebensache. Der Regensburger Stadtrat weiß um die gravierenden Folgen der stetig steigenden Grundelzahl: „Unsere Fangstatistiken belegen, dass insgesamt ein Rückgang der heimischen Fischarten zu verzeichnen ist.“ Anfangs hatten die Regensburger Angler die Schwarzmundgrundel noch mit Koppen verwechselt. Mittlerweile ist die Grundel aber in aller Munde und beschäftigt auch die Wissenschaftler: Diese Fischart lebt in der unteren Donau und an den Küsten des Schwarzen Meeres. Inzwischen hat sich der Lebensraum der Schwarzmundgrundel beträchtlich ausgeweitet: Sie ist im Oberlauf der Donau ebenso anzutreffen wie im Rhein, der Ostsee und den Großen Seen in Nordamerika. In den vergangenen Jahrzehnten wurden Flüsse massiv für den Schiffsverkehr ausgebaut: Sie wurden begradigt, ausgebaggert, gestaut und ihre Ufer mit Steinschüttungen befestigt. Mit dem Klimawandel steigen zudem die Wassertemperaturen. All dies bietet der Schwarzmundgrundel ideale Bedingungen.

Erstmals haben Wissenschaftler nun entlang der Donau untersucht, mit welchen Strategien die Schwarzmundgrundel neue Flussregionen erobert. Außerdem erforschten sie die Folgen für das Ökosystem und bestehende Nahrungsnetze. „Die Schwarzmundgrundel gelangte erst vor wenigen Jahren in den Oberlauf der Donau. Vermutlich ist sie als blinder Passagier im Ballastwasser von Schiffen eingereist“, erklärt Jörg Brandner vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der Technischen Universität München. Seither habe sich die Fischart in der bayerischen Donau von der Landesgrenze bis Regensburg fest etabliert. Im Regensburger Osthafen nahm Brandner, der mit dem Regensburger Anglerbund in engem Kontakt steht, mehrere Untersuchungen vor. Die von den Anglern gehasste Fischart fühlt sich hier scheinbar sehr wohl: „Regensburg ist ein Hot-Spot des Grundelvorkommens“, sagt Brandner.

Im Herbst 2009 wanderte die Schwarzmundgrundel in die Flussregion bei Bad Abbach ein, wo sie rasch eine stabile Population bildete. Von hier aus zogen einzelne Exemplare weiter flussaufwärts: „Bereits im Herbst 2010, also ein Jahr später, haben wir die ersten Grundeln bei Kelheim gesichtet – das sind etwa 15 Kilometer stromaufwärts. Mit einer so schnellen Invasion hatten wir nicht gerechnet“, erzählt Brandner. Auch hier ist der Ärger groß: „Das Fischen ist bei uns beinahe unmöglich, weil dauernd Grundeln an der Angel sind“, erklärt der Vorsitzende des Kreisfischereiverbands Kelheim, Albert Schäfer.

Das Problem sei, dass die Schwarzmundgrundeln bis zu viermal im Jahr ablaichen. „Damit weist die Grundel im Vergleich mit unseren heimischen Fischarten eine vierfache Vermehrungsrate auf“, verdeutlicht Schäfer. Im Kelheimer Donaubereich haben sich die heimischen Raubfische aber mittlerweile auf die Grundel-Vermehrung eingestellt. „Wir können nur hoffen, dass sich dieses Problem biologisch lösen lässt.“ Die Zahl der Grundeln im Kelheimer Bereich sei aktuell konstant. Auch in Bach an der Donau im Landkreis Regensburg ist laut den ortsansässigen Anglern zumindest kein Anstieg der Schwarzmundgrundeln zu verzeichnen: „In den letzten zwei Jahren hat sich die Lage schon erheblich gebessert und es sind meiner Meinung nach sogar etwas weniger Grundeln geworden“, erklärt Tobias Kraft vom Angelverein Perlbachfischer.

Bei den Pionieren handelt es sich um besonders große und kräftige Tiere, die ein breites Nahrungsangebot nutzen und sich im Beutewettbewerb gegen andere Arten durchsetzen können. Nach und nach verdrängen die Neuankömmlinge angestammte Fischarten wie Barbe oder Aitel. Die Grundeln machen in ihren bevorzugten Lebensräumen – den Blocksteinufern – stellenweise bereits über 70 Prozent des gesamten Fischbestandes aus.

Einheimische Arten gehen zurück

Auch unter den wirbellosen Tieren geht die Artenvielfalt zurück. Dies gilt insbesondere für Stein-, Köcher- und Eintagsfliegen, die im neuen Siedlungsraum eine bevorzugte Beute der Eroberer sind. „Die Schwarzmundgrundel stellt sich schnell auf neue Lebensbedingungen ein – zum Beispiel, indem sie ihr Ernährungsverhalten ändert“, sagt Professor Jürgen Geist vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der Technischen Universität München. Das mache diese Art so erfolgreich. „Ab einer gewissen Körpergröße ernährt sich die Schwarzmundgrundel von Mollusken und Flussflohkrebsen. Die einheimischen Arten sind oftmals die leichtere Beute, da sie noch keine Abwehrstrategien gegenüber den Neuankömmlingen entwickelt haben. Davon profitieren die zugewanderten Spezies“, erläutert Geist.

Im Oberlauf der Donau hat sich so ein neuartiges Ökosystem mit bisher unbekannten Artenkombinationen etabliert – und nicht nur dort: Ähnliche Entwicklungen gibt es auch im Rhein und in den Großen Seen in Nordamerika. „Wir haben es mit einem besonders flexiblen und widerstandsfähigen Netzwerk verschiedener Arten zu tun, das sich perfekt in der neuen Umgebung einrichtet“, sagt Geist. Mit gravierenden Folgen: „Die Artenvielfalt geht zurück – und der Verlust des ursprünglichen Ökosystems lässt sich nicht rückgängig machen.“ Brandner ist jedoch davon überzeugt, dass die Grundelpopulation wieder sinken wird. „Die Grundeln integrieren sich in das Ökosystem und auch die Raubfische werden sie dezimieren.“ Komplett verschwinden werden die Grundeln aber nicht mehr, meint Brandner und fügt hinzu: „Weiterer Forschungsbedarf ist dringend gegeben.“

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