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Wissenschaft-Ticker
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 4

Tagung

Wissenschaftssprache im Wandel

In vielen Fächern dominiert heute Englisch. Experten diskutierten in Regensburg, welche Zukunft das Deutsche als Wissenschaftssprache hat.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Bei einer Tagung in Regensburg diskutierten rund 70 Experten über die Wissenschaftssprache Deutsch. Fotos: Knobloch
  • Prof. Dr. Christopher Hall machte Vorschläge, wie sich das Deutsche als Wissenschaftssprache stärken lässt. Foto: Knobloch

Regensburg.Als Christian Thomasius am 31. Oktober 1687 am Schwarzen Brett der Universität Leipzig eine Vorlesung in deutscher Sprache ankündigte, löste das einen regelrechten Skandal aus – galt doch damals Latein als einzig anerkannte Wissenschaftssprache in Europa. „Thomasius stand am Anfang einer langen Tradition von Deutsch als Wissenschaftssprache“, sagt Prof. Dr. Paul Rössler vom Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft der Universität Regensburg.

Mittlerweile werden Forschungsergebnisse in vielen Fächern, vor allem in den Naturwissenschaften und der Medizin, jedoch fast ausschließlich auf Englisch publiziert, auf Tagungen wird Englisch gesprochen und im Zuge der Internationalisierung werden auch an deutschen Hochschulen immer mehr Lehrveranstaltungen auf Englisch angeboten. Welche Relevanz und welche Zukunftsperspektiven hat das Deutsche als Wissenschaftssprache? Mit diesem Thema befassten sich rund 70 Teilnehmer bei der Tagung „Wissenschaftssprache Deutsch – international, interdisziplinär, interkulturell“ in Regensburg.

Mehr Beachtung – mehr Probleme

In mehreren Vorträgen wurden die Anfänge des Deutschen als Wissenschafts- und Universitätssprache beleuchtet. Denn Christian Thomasius hatte einige Vorläufer, die Dr. Gerhard Katschnig von der Universität Klagenfurt vorstellte. „Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die deutsche Sprache in den Wissenschaften eine mit Englisch und Französisch gleichrangige, in einigen Gebieten sogar führende Stellung“, führte PD Dr. Roswitha Reinbothe von der Universität Duisburg-Essen aus. Doch nach den beiden Weltkriegen hätten die westlichen Siegermächte – Frankreich, Großbritannien und die USA – die deutschen Wissenschaftler und damit auch die deutsche Sprache boykottiert. So seien neue Wissenschaftsorganisationen und Fachunionen gegründet worden, in denen nur noch Französisch und Englisch als offizielle Sprachen galten.

„Es gibt zweifellos Vorteile einer dominanten Wissenschaftssprache“, sagte Prof. Dr. Christopher Hall von der Joensuu-Universität (Finnland). So werde die internationale Kommunikation erleichtert und deutsche Forschungsergebnisse würden – vor allem in der englischsprachigen Welt – eine größere Beachtung finden. Doch Hall sieht auch viele Nachteile: So würden keine neuen Termini geschaffen, mit denen man sich in der Landessprache über ein bestimmtes Forschungsthema verständigen könne, es komme zu einem Verlust an Kreativität in der Forschung und auch das Interesse ausländischer Wissenschaftler, Deutsch zu lernen, nehme ab.

Aktuelle Gefahren für Deutsch als Wissenschaftssprache sieht Hall in Rankinglisten, welche die Qualität der Universitäten in englischsprachigen Ländern überbewerten würden, sowie in europäischen Organisationen, die das Englische bevorzugten. Zudem hätten viele deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen gar kein Interesse daran, ihre Sprache zu verteidigen. „Sie haben aber eine Verpflichtung, die eigene Sprachgemeinschaft über ihre Arbeit zu informieren und die eigene Sprache zu entwickeln“, sagt Hall.

Als Nicht-Muttersprachler auf Englisch publizieren zu müssen, empfinden deutsche Wissenschaftler durchaus auch als Nachteil, zeigte Prof. Dr. Claus Gnutzmann von der TU Braunschweig. In Interviews, die im Rahmen des Forschungsprojekts „Publish in English or perish in German?“ durchgeführt worden waren, hatten die Befragten etwa beklagt, dass sie im Englischen weniger stilsicher seien als Muttersprachler und der Zeitaufwand für Veröffentlichungen in der Fremdsprache größer sei.

Jenny Jakisch von der TU Braunschweig hatte im Rahmen desselben Forschungsprojekts untersucht, welchen Stellenwert die Herausgeber von Fachzeitschriften dem Deutschen beimessen. Ihr Fazit: In Fächern wie Biologie und Maschinenbau sei Englisch bereits die dominierende Publikationssprache. Das Deutsche habe aber noch einen festen Platz in der Lehre oder im Austausch mit Kollegen. In Fächern wie Germanistischer Linguistik oder Geschichte habe das Deutsch dagegen noch einen hohen Stellenwert. „Aber auch hier steigt der Druck, auf Englisch zu publizieren.“

Die Perspektive von ausländischen Wissenschaftlern, die auf Deutsch publizieren, beleuchtete Prof. Dr. Peter Colliander von der LMU München. Er zitierte einen dänischen Wissenschaftler, der trotz guter Deutschkenntnisse lieber auf Englisch publizierte, da die stilistischen Anforderungen im Deutschen zu hoch seien. „Es stellt sich die Frage, ob Muttersprachler bereit sind, hier gewisse Abstriche zu machen“, so Colliander. Darüber wolle er eine Diskussion anregen.

Erkenntnis ist an Sprache gebunden

Das Englisch der Fachzeitschriften sei ein stark vereinfachten Idiom mit vielen formelhaften Wendungen, betonte Prof. Dr. Ralph Mocikat. Der Mediziner ist Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache. Mocikat bezweifelte dass das die auf Englisch verfassten Fachartikel der deutschen Forscher mit Beiträgen von Muttersprachlern konkurrieren könnten und plädierte für Mehrsprachigkeit auch in den Naturwissenschaften. Es sei zudem ein Irrtum zu glauben, dass Sprache und Erkenntnis unabhängig voneinander seien: „Auch in den Naturwissenschaften ist Sprache mehr als ein Kommunikationswerkzeug.“

Stärken könnte man Deutsch als Wissenschaftssprache etwa über Doppelveröffentlichungen, mehrsprachige Zeitschriften und Dolmetscher bei internationalen Kongressen, sagte Hall. Auch die Politik sieht er in der Pflicht: „Sie entscheidet über die Vergabe von Mitteln und sollte ein Interesse daran haben, dass die Landessprache gestärkt wird.“

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