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Donnerstag, 21. September 2017 19° 3

Interview

Raubüberfälle: „Katastrophale Zahlen“

Die Schmuckbranche ruft um Hilfe. Dabei müssten die meisten Händler nur etwas mehr in ihre Alarmsysteme investieren, meint ein Experte.

Martin Winckel vom Juwelier-Wachdienst in Lünen nimmt Stellung zu den zunehmenden Überfällen auf Schmuckhändler. Foto: Winckel/ dpa

Lünen.Vor einer Woche fallen mehrere Männer über einen Juwelierladen im hessischen Sulzbach her, seitdem fehlt von ihnen jede Spur. Auch in Düsseldorf, Wiesbaden und München werden Schmuckhändler Opfer von Banden. Während die Polizei keinen Trend erkennen kann, warnen Versicherungsbranche und Juweliere vor einem besorgniserregenden Trend zu brutalen Blitzüberfällen. Martin Winckel vom Juwelier-Wachdienst (Lünen) sieht das ähnlich: „Diese neue Brutalität sind wir nicht gewohnt“, sagt er im dpa-Interview. Die Zahl der Überfälle sei „katastrophal“ und besorgniserregend.

Räuberbanden fallen mit Äxten und Vorschlaghämmern über Schmuckgeschäfte her, in Wiesbaden nutzen sie ein Auto als Rammbock für das Schaufenster, zuletzt schlugen sie unter anderem am helllichten Tag in Hessen in einem Einkaufszentrum zu. Werden die Kriminellen immer dreister oder brutaler?

Absolut. Diese neue Brutalität sind wir so nicht gewohnt. Sie erklärt sich dadurch, dass bei einigen Juwelieren die Alarmsysteme besser werden, bei anderen muss es vor allem schnell gehen.

Die Juweliere sagen, sie sind beim Schutz an ihre Grenzen gelangt. Sehen Sie das auch so?

Nein, das kann man so nicht sagen. Die Räuber suchen sich die einfachste Beute. Auf einem Parkplatz nehmen Sie sich als Autoknacker ja auch erstmal den Wagen ohne Alarmanlage vor. Juweliere haben ihre Läden teilweise gesichert wie eine Gartenhütte. Da finden Sie Eingangstüren aus demselben Glas wie die Seitenscheiben Ihres Autos, Schaufenster und Vitrinen sind statt aus Sicherheitslaminatglas aus dem Material einer Duschkabine. Und Türsteher bieten auch nur eine scheinbare Sicherheit. Letztlich sind sie nur die ersten Personen, die überwältigt werden.

Wie lässt sich denn Schmuck besser schützen?

Ich empfehle bei einem hohen Risiko immer eine Ein- und Ausgangsschleuse mit zwei Türen, das schreckt ab und sichert. Da lassen die Räuber die Hände vom Laden, wenn sie das beim Ausspähen vorfinden, und Kunden werden nicht abgeschreckt, im Gegenteil, sie fühlen sich sicher. Die Schleuse kostet einmalig etwas mehr, aber ein Türsteher ist ja auch nicht umsonst und es entstehen monatlich Kosten. Eine weitere Möglichkeit: Man nimmt den Schmuck nachts aus dem Schaufenster und zeigt ihn lediglich in bewegten Bilder zum Beispiel auf Tablets. Ganz schützen kann ein Händler seine Waren natürlich nicht. Ein Juwelier muss seinen Schmuck zeigen, damit er Appetit macht.

Die Läden werden ausgespäht, sagen Sie?

Natürlich hat das alles System, da geht es mittlerweile zu wie bei der Organisierten Kriminalität. Viele Taten können schon am Computer zu Hause geplant werden, es gibt ja Google Earth und Street View. Einige Juweliere verraten auch auf ihren Homepages, was sie so im Angebot haben.

Gibt es nur die Räuber oder hat das alles System?

Es gibt Ausspäher am Ort, es gibt die sogenannten Arbeiter, die zuschlagen und die Beute oft noch am Ort weiterreichen, es gibt Transporteure, etliche Hintermänner und vernetzte Mitwisser. Alles ist bis aufs kleinste Detail geplant.

Die Fahndungserfolge sind überschaubar, oder?

Ja, das liegt daran, dass die meisten Täter innerhalb kürzester Zeit über die Grenzen entkommen können, vor allem nach Osteuropa. Durch den Wegfall der europäischen Grenzen in Richtung Osten hat das stark zugenommen. Nach unserer Erfahrung gibt es in der Schmuck- und Uhrenbranche so gut wie keine deutschen Täter mehr.

Hört sich an, alle gäbe es so etwas wie „Raub am Fließband“?

Das kann man fast so nennen. Die Räuber sind mobil und sehr schnell. Sie können zwei- oder dreimal an einem Tag in unterschiedlichen Städten zuschlagen. Wir wissen von einem Trickdieb, der morgens mit dem Billigflieger aus England eingereist und abends wieder zurückgeflogen sein soll. Die Polizei wusste noch nichts von dem Fall, da trank der Mann zu Hause schon seinen Tee.

Das alles lässt erahnen, dass es mehr Raubüberfälle in der Branche gibt als früher.

Die Zahlen sind offen gesagt katastrophal. Zwischen 2007 und 2012 ist die Zahl der Raubüberfälle auf Juweliere um 211 Prozent gestiegen von 45 in 2007 auf 140 in 2012. Wir schätzen aber, dass durch eine bessere Absicherung rund 80 Prozent dieser Überfälle und Einbrüche hätten verhindert werden können, auch der Raub in Sulzbach.

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