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Samstag, 25. Juni 2016 30° 8

Ernährung

Schönfärberei bei Lebensmitteln

Minister Schmidt behauptet, die Bürger wollen keine Gesetze gegen ungesundes Essen – und stützt sich auf manipulierte Zahlen.
Von Oliver Huizinga

Oliver Huizinga ist Experte für Lebensmittelmarketing bei Foodwatch e. V.

Berlin.Früher nannte man Diabetes Typ II „Altersdiabetes“. Mittlerweile ist der Begriff überholt: Immer häufiger wird die Krankheit bereits bei Jugendlichen festgestellt. Der Anteil übergewichtiger Kinder ist im Vergleich zu den 1990er Jahren um 50 Prozent gestiegen. Und das ist wenig verwunderlich: Schon im Kinderfernsehen laufen Werbespots für zuckrige Frühstücksflocken, Fast Food-Anbieter locken mit Spielzeugbeigaben und selbst Schulfeste werden von Süßwarenkonzernen gesponsert. Bei Erwachsenen zeigt sich ein noch dramatischeres Bild: In dieser Gruppe gilt schon jeder Fünfte Bundesbürger als adipös - das entspricht einem Body Mass Index über 30. Die OECD und die WHO sprechen von einer globalen „Adipositas-Epidemie“. Das sind keine guten Aussichten.

Medizinische Fachgesellschaften rund um den Globus fordern ein Gegensteuern durch die Politik: Werbeverbote bei Kindern, eine Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben, Standards für Schulverpflegung oder auch eine gesundheitspolitische Besteuerung von Lebensmitteln stehen im Raum. Der in Deutschland zuständige Bundesernährungsminister, Christian Schmidt (CSU), hält von solchen „Zwangsmaßnahmen“ (wie er sie nennt) nicht viel. „Ich lehne eine politische Steuerung des Konsums durch Werbeverbote und Strafsteuern für vermeintlich ungesunde Lebensmittel ab.“ Das ist einer seiner Lieblingssätze. Anfang des Jahres bekam seine Verweigerungshaltung eine neue Qualität.

Als Schmidt den „Ernährungsreport 2016“ auf Grundlage einer Forsa-Verbraucherumfrage präsentierte, ging es auch um die Rolle des Staates zur Förderung gesunder Ernährung. Die Befragten sollten mögliche politische Maßnahmen bewerten. Gestützt auf diese Umfrage behauptet das Ministerium, dass „die Mehrheit der Deutschen zwar staatliche Maßnahmen für besonders geeignet hält, um einer gesunden Ernährung den Weg zu ebnen, aber nicht in Form von Verboten und Gesetzen“. Was ist dran an dieser Behauptung, die auffälliger Weise genau in das Politikverständnis des verantwortlichen Ministers passt?

Ein Abgleich der Originaltabellen und -Fragestellungen mit der Broschüre des Ministeriums zeigt: Der Ernährungsreport ist ein interessensgeleitetes Zerrbild. Bei der Frage zur Förderung gesunder Ernährung wird dies besonders deutlich. Schmidt hat die Bürgerinnen und Bürger zu mehreren zentralen Vorschlägen von Gesundheitsorganisationen nicht befragt: Werbeverbote, Ampelkennzeichnung oder Standards für Schulessen wurden schlicht unterschlagen. Wer die Zustimmung nicht abfragt, bekommt auch keine Antwort. Ganz einfach.

Foodwatch hat daher eine eigene repräsentative Umfrage bei TNS Emnid in Auftrag gegeben. Und siehe da: 74 Prozent der Bürger wünschen sich Werbebeschränkungen für Kinderlebensmittel, 78 Prozent eine Ampelkennzeichnung, 81 Prozent verbindliche Standards für die Schulverpflegung. Eine Mehrheit der Bevölkerung befürwortet demnach die von Schmidt verteufelten „Zwangsmaßnahmen“.

Wie gut, dass es in des Ministers Fraktion andere Stimmen gibt: Gesundheitspolitiker Dietrich Monstadt (CDU) unterstützt Marketingbeschränkungen für Kinderlebensmittel. Im Interview mit dem ZDF fügte er jüngst hinzu: „Auch wenn meine Partei vielleicht noch nicht so weit ist“.

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