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Justiz

Ermittlungsfehler und ihre Folgen

70 Tage saß der Arzt Dr. Fritz Kerler wegen Brandstiftung und versuchten zehnfachen Mordes in U-Haft – zu Unrecht. Vor Gericht gab es einen Freispruch erster Klasse.
Von Thomas Rieke und Marion von Boeselager, MZ

  • 70 Tage saß Dr. Fritz Kerler unschuldig hinter schwedischen Gardinen. Foto: dpa
  • Dr. Fritz Kerler in seinem Wohnzimmer. Auf dem Glastisch stapeln sich die Unterlagen zur Brandstiftung in Beratzhausen und seinem Prozess, der mit einem Freispruch wegen „erwiesener Unschuld“ endete. Die Bücher mit rotem Cover sind Werke aus der Feder des Hobbyschriftstellers. Sein bevorzugtes Genre: Krimis Foto: Rieke
  • In Handschellen wird Dr. Kerler im September 2010 abgeführt – vor den Augen einiger Nachbarn. In diesem Moment fasst der der besonders schweren Brandstiftung Beschuldigte den Entschluss, sich mit allen erlaubten Mitteln zu wehren. Insgesamt dauert sein Albtraum zweieinhalb Jahre. Foto: dpa
  • Vor der Villa Dr. Kerlers in Wendelstein: Am linken Eck der Garageneinfahrt pflegen der Arzt und sein Nachbar Abfall für die Müllabfuhr bereitzulegen. Eines Nachts wurde hier Plastikmüll gestohlen – um ihn am Tatort in Beratzhausen als „Beweismaterial“ zu hinterlegen. Foto: Rieke
  • Vor der Augustenburg in Regensburg: Dr. Kerler saß hier 70 Tage in U-Haft. An die Insassen hat er gute Erinnerungen, an den Bau selbst miserable. Foto: Rieke
  • Ein Bild aus den Ermittlungsakten: Diese Holzbank auf der Terrasse einer Doppelhaushälfte in Beratzhausen wurde in Brand gesteckt. Nach Überzeugung des Gerichts wollte der Täter nie, dass es zu einem Vollbrand kommt - sondern nur den Verdacht auf Dr. Kerler lenken. Foto: Kripo

Regensburg. Der Arzt Dr. Fritz Kerler (71) aus Wendelstein (Landkreis Roth) hat ein Hobby: Er schreibt gerne, am liebsten kurze spannende Kriminalgeschichten. Dass er selbst einmal zur zentralen Figur eines realen Krimis werden würde, entzog sich allerdings seiner Vorstellungskraft.

Bis zum 25. Juli 2010. Gegen 3.30 Uhr war an diesem Sonntag in Beratzhausen die Terrasse einer Doppelhaushälfte in Brand geraten. Der Eigentümer löschte und schlug Alarm. Bald war klar, dass jemand vorsätzlich Feuer gelegt haben musste: Am Tatort fanden sich diverse Behälter, die mit Petroleum gefüllt oder mit Stoff umwickelt worden waren, den jemand mit Brandbeschleuniger getränkt hatte. Mehrere dieser Gegenstände, darunter eine Infusionsflasche, konnten Dr. Kerler zugeordnet werden. Gegen den Arzt respektive dessen Mutter führte der Hausbesitzer schon seit Jahren erbittert einen Rechtsstreit. Es ging und geht um Geld, viel Geld.

Haus und Praxis durchsucht

Noch am Abend desselben Tages erhält Dr. Kerler in seinem Bungalow Besuch von der Polizei. Die vier Beamten halten ihm einen Durchsuchungsbeschluss vor die Nase und geben ihm zu verstehen, dass sie ihn als Tatverdächtigen betrachten. Kerler laboriert an einer schmerzhaften Rippenfellentzündung und lag, wie seine Ehefrau bestätigt, zu der Zeit, als er sich als Täter zum Haus des Brandleiders hätte begeben müssen, röchelnd im Bett. Trotz seiner Krankheit, die von den Uniformierten unbemerkt bleibt, begleitet der Arzt die Ermittler in seine nahe gelegene Praxis. Weder dort noch in der Wohnung werden Hinweise auf eine Täterschaft gefunden. Weiteren erkennungsdienstlichen Maßnahmen verweigert sich Kerler. Dazu hätte er bis nach Nürnberg fahren müssen, „und dazu war ich wirklich zu kaputt“.

Kerler ist überzeugt, dass sich bald alles in Wohlgefallen auflösen würde – und verzichtet zunächst auf einen Anwalt. Die Theorie, dass er schwer krank nachts 80 Kilometer nach Beratzhausen gefahren und auch noch Müll aus seiner Praxis zum Tatort transportiert haben sollte, um dort Feuer zu legen, erschien ihm zu abenteuerlich, ja zu dumm, als dass sie von der Kripo weiter verfolgt werden würde. Doch die tut genau dies.

Dann klickten die Handschellen

Wenige Wochen später, am 30. September 2010, tauchen erneut vier Polizisten vor Kerlers Wohnungstür in Wendelstein auf. Diesmal mit einem Haftbefehl. Der Vorwurf: der „Versuch der Brandstiftung in einem besonders schweren Fall“. Wegen der „begründeten Gefahr, dass ohne Festnahme die alsbaldige Aufklärung und Ahndung der Tat gefährdet sein könnte“, soll Kerler in Untersuchungshaft. Der Beschuldigte habe auf diese Mitteilung „gereizt“ reagiert und sich „sehr unkooperativ“ verhalten, heißt es später im Protokoll. „Zum Zwecke der Eigensicherung“ seien ihm Handschellen angelegt worden. Vor den Augen einiger Nachbarn wird Kerler abgeführt.

In diesem Augenblick beschließt der Mediziner, sich mit aller Macht zu wehren. „Von denen lasse ich mich nicht unterkriegen“, heißt sein fester Vorsatz, den er sich fortan regelmäßig in sein Knasttagebuch notiert.

Die U-Haft dauert 70 Tage. Die ersten Eindrücke sind die schlimmsten. Er landet in „Zelle 4“. Dort steigt ihm der „Mief von hundert alten Fürzen“ in die Nase. „Grau gesprenkelte Fliesen“, ein blechernes Stehklo, daneben eine Steckdose mit „vielsagenden braunen Streifen“ sowie ein Blecheimer für den Abfall, auf dessen Grund sich der „Dreck der Geschichte festgefressen hatte“, sind dem 71-Jährigen in unschönster Erinnerung.

„Das werden 15 Jahre...“

Immerhin steht ihm aufgrund seines Alters Einzelunterbringung zu. Das erlaubt ihm, weitgehend ungestört klassische Musik zu hören. Was die menschlichen Kontakte in der „Augustenburg“ betrifft, so weiß der Arzt zu seiner eigenen Überraschung mehr Positives als Negatives zu berichten: Vor allem die beiden, jederzeit erreichbaren Seelsorger seien eine Stütze gewesen und auch die Mithäftlinge hätten sich beinahe rührend um ihn gekümmert und ihm zum Beispiel Briefmarken besorgt. Gut schneiden bei Kerler auch die JVA-Beamtinnen ab. Deren männliche Kollegen weniger. Die seien oft sehr pingelig gewesen.

Wie lange der Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen dauern würde, ist zunächst völlig unklar, zumal Kerlers erster Anwalt alles andere als Optimismus ausstrahlt. Bei einem ersten Gespräch in der Augustenburg konfrontiert er den Gefangenen mit dem Satz: „Wie es aussieht, werden das 15 Jahre.“ Erst Wochen später, nach umfangreichem Aktenstudium, korrigiert der Jurist seine Einschätzung grundlegend: „Jetzt bin ich von Ihrer Unschuld überzeugt.“

Gegen die Zahlung einer Kaution (20000 Euro) und mit der Auflage, sich wöchentlich zweimal in einer Polizeistation zu melden, wird Dr. Kerler am 8. Dezember 2010 auf freien Fuß gesetzt. Doch noch im selben Monat, kurz nach Weihnachten 2010, erreicht ihn die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Regensburg. Darin spitzt sich der Vorwurf weiter zu. Kerler habe durch die Brandstiftung nicht nur ein Haus zerstören wollen, sondern dabei auch Menschenleben riskiert. Die Anklage wird auf versuchten zehnfachen Mord ausgedehnt.

Neue Beweisaufnahme bringt Wende

Erst in der Hauptverhandlung, die am 21. Januar 2013 in Regensburg beginnt, wendet sich das Blatt endgültig, und zwar schlagartig. Der Vorsitzende Richter des Schwurgerichts, Werner Ebner, startet eine neue, intensive Beweisaufnahme. Schon bald steht für die 2. Strafkammer fest, dass der Angeklagte als Täter nicht infrage kommen konnte.

Der ursprünglich auf acht Tage angelegte Prozess wird deshalb – natürlich nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft – drastisch verkürzt, schon am vierten wird das Urteil verkündet. Nicht wegen Mangels an Beweisen, sondern wegen „erwiesener Unschuld“ wird Kerler freigesprochen: Der Arzt sei in der Tatnacht nachweislich schwer krank gewesen und habe ein glaubhaftes Alibi vorweisen können. Ein vernünftiges Motiv für die Brandstiftung liege nicht vor. Die Spuren am Brandort, die zu Kerler führten, seien von einem „Dritten“ gelegt worden – um die Schuld auf den Arzt zu lenken.

Mag die Kritik von Kerlers Anwalt an den Ermittlern („mangelnde Professionalität“, zu späte Zeugenvernehmung) noch als logische Brandrede eines Verteidigers gewertet werden, der für seinen Mandanten das Bestmögliche herauszuholen versucht, so ist die Schelte des Vizepräsidenten des Landgerichts an der Polizeiarbeit doch ein Akt mit Seltenheitswert. „Wenn die Ermittlungen alle zur rechten Zeit erfolgt und Frau und Tochter zeitnah vernommen worden wären, wären Sie (Dr. Kerler) schwerlich in Haft gekommen“, konstatiert Ebner – und drückt dem Angeklagten und seiner Familie sein Bedauern aus.

„Vermutungen reichen nicht“

Erleichtert fallen sich der Freigesprochene, Angehörige und Freunde in die Arme. Wer nun meint, die Behörden müssten einen anderen Zeitgenossen ins Visier nehmen, täuscht sich. „Es gibt im Moment keine Erkenntnisse auf irgendwelche andere Täter“, sagt der stellvertretende Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, Dr. Markus Pfaller, nach Rücksprache mit dem Sachbearbeiter. Auf den Einwand, es habe während des Prozesses doch gewisse Verdachtsmomente gegen weitere Personen gegeben, meinte er: „Vermutungen reichen nicht. Da brauchen wir schon etwas Handfestes, sonst haben wir den nächsten Freispruch.“

Solche Aussagen bestätigen Dr. Kerler in seinem Eindruck, dass die Ermittler auf ganzer Linie versagten. „Klar, wenn man sich nicht um Beweise bemüht, gibt es keine.“ Viel zu schnell hätten sich die Verantwortlichen auf eine Spur festgelegt – und andere missachtet. Dem zuständigen Sachbearbeiter bei der Kripo sei es nicht um die Aufklärung der Straftat gegangen, sondern darum, „meine Verurteilung zu erreichen“.

Zwei Monate nach seinem Freispruch erhält Dr. Kerler ein Schreiben, in dem ihm der Anspruch auf Haftentschädigung bestätigt wird. Es sollte freilich noch einmal genauso lange dauern, bis die Generalstaatsanwaltschaft in Nürnberg mitteilt, es sei positiv über die Entschädigung entschieden worden. Kerler erhält für jeden Tag, den er „einsitzen“ musste, 25 Euro, also 1750 Euro. Damit gibt sich der wehrhafte Senior aber nicht zufrieden, schließlich sind ihm in der zweieinhalbjährigen Auseinandersetzung weitere Unkosten entstanden, nicht nur für die Verteidigung. Kerler sagt, auch sein Ruf sei beschädigt worden. Zwar hätten Familie, gute Bekannte und direkte Nachbarn stets zu ihm gehalten und Hilfe angeboten. Doch im weiteren Umland, in dem Kerler arbeitet, hätten nicht alle Medien die Causa bis zum Ende verfolgt – ergo auch nicht über den klaren Freispruch berichtet.

Auch der BR wird berichten

Auch der Bayerische Rundfunk interessiert sich mittlerweile für den „Fall Dr. Kerler“. Ein Fernsehteam von „kontraste“ stattete ihm einen Besuch ab, um vermutlich im August einen längeren Beitrag zu senden. Darin geht es letztlich sogar um zwei Menschen, die zu unrecht ins Gefängnis gekommen sind.

Kerler sagt, unterm Strich sei er aus dem Kampf gestärkt hervorgegangen. Er habe an Selbstbewusstsein gewonnen und als Mann, der sich aufgrund seines Alters doch schon Gedanken über die Endlichkeit des Seins gemacht habe, auch neuen Lebensmut. Schriftstellerisch will er sich ebenfalls wieder betätigen, wobei er sich ausgerechnet mit seinem Lieblingsgenre, dem Krimi, derzeit ungewohnt schwer tut. „Es will mir nicht so recht gelingen. Meine Erlebnisse hängen mir noch zu sehr nach. Unwillkürlich komme ich jedes Mal zu sehr auf meine eigene Geschichte...“

Und so verwundert es nicht, dass sich Kerler auf ein anderes Werk konzentriert: sein Haft-Tagebuch. Es birgt eine Fülle spannender Einträge und philosophischer Gedanken. Findet Kerler einen Verlag, könnte das Buch schon bald viele Leser finden.

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