Umwelt im Kreis Cham
Der Mann der Energiewende von unten

Energy-Scout Johann Christl ist der Motor des Energiewende-Stammtisches in Arnschwang – ein Experte, der nicht locker lässt.

12.01.2022 | Stand 15.09.2023, 21:57 Uhr |
Seit 2015 leistet der Batteriestromspeicher im Keller des Hauses von Johann Christl wartungsfrei gute Dienste. Der Platzbedarf von Geräten neuerer Bauart ist zwischenzeitlich um rund zwei Drittel geschrumpft. −Foto: Hans Gruber

Die zunehmenden Sturmschäden und die Unwetterkatastrophen in Teilen Deutschlands haben im vergangenen Jahr viele Menschen wachgerüttelt, die Gefahren durch den drohenden Klimawandel ernster zu nehmen. Einer, der sich schon viele Jahre darüber nicht nur Gedanken macht, sondern tatkräftig für die Energiewende eintritt, ist der Arnschwanger Johann Christl. Im Interview mit unserem Medienhaus sprach der Energy Scout des Landkreises Cham, Initiator und Organisator der Energiewende-Stammtische und Vorsitzender des Vereins Energie-Wende – Mehr Kaufkraft für die Region – Landkreis Cham, über sein ehrenamtliches Engagement und seine Forderungen an die Politik zur besseren Erschließung der vorhandenen Potenziale für eine „Energiewende von unten“.

Herr Christl, Sie organisieren seit 2016 den monatlichen Energiewende-Stammtisch in Arnschwang. Wie kam es dazu?

Durch den Einbau einer Fußbodenheizung beim Neubau des Hauses vor 30 Jahren konnte ich Heizenergiebedarf und -kosten schon erheblich reduzieren. Mit einer ersten Photovoltaik-Anlage auf dem Dach nutzte ich ab 2008 die Sonnenenergie für die Warmwasseranlage. Nachdem mich die Energiewende und neue Technologien sehr interessierten, wurde ich 2014 zum Energy Scout bei den Kreiswerken Cham bestellt, um den Bürgern die Möglichkeiten zur Energieeinsparung und Nutzung regenerativer Energien nahezubringen.

Wie wird man eigentlich Energy Scout?

Die Qualifizierung zum Energy Scout erfolgte in der Technikerschule in Waldmünchen durch das Zukunftsbüro des Landkreises Cham in den Bereichen Technik, Recht, Finanzierung und Förderprogramme. Das in der Ausbildung zum Energy Scout erworbene Wissen nutzte ich im Jahr 2015 auch privat und investierte in eine Eigenverbrauchsanlage mit Photovoltaik auf dem Dach und einem Batteriestromspeicher im Keller.

Was haben Energy Scouts für Aufgaben?

2016 sollten die Energy Scouts Ideen entwickeln, um das Projekt des Zukunftsbüros des Landkreises mehr in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich hatte die Idee eines Energiewende-Stammtisches für interessierte Bürger und richtete am 14. September 2016 den ersten im Radl-Café in Arnschwang aus. Referenten aus ganz Deutschland haben den Besuchern der Energiewende-Stammtische seitdem die Vorteile einer dezentralen „Energiewende von unten“ vor Augen geführt. Ein beeindruckendes Beispiel, was alles vor Ort möglich ist, lieferte beispielsweise der Vortrag von Bürgermeister Erwin Karg aus der Gemeinde Fuchstal im Landkreis Landsberg am Lech im Oktober 2020. Die Idee der Energiewende-Stammtische fand auch überregional Beachtung und wurde 2018 vom „bayernwerk“ mit dem Bürgerenergiepreis Oberpfalz ausgezeichnet.

Welches Resümee können Sie nach 52 Energiewende-Stammtischen ziehen?

Als wichtigste Botschaft der Energiewende-Stammtische hat sich herauskristallisiert, dass viele Möglichkeiten, sich zumindest teilweise energieautark zu machen, vorhanden sind. Derzeit kostet eine professionelle Eigenverbrauchsanlage mit Photovoltaik, Stromspeicher und Ladestation plus effizientem Energie-Management-System rund 25 000 bis 30 000 Euro. Vor allem, weil es derzeit noch entsprechende Förderungen bei Photovoltaik, Stromspeicher und Elektromobilität gibt, amortisiert sich so eine Investition je nach Dachanlage oft schon in weniger als zehn Jahren. Darüber hinaus kann mit den eingesparten Energiekosten die Investition so finanziert werden, dass meist kaum zusätzliches Geld aufgewendet werden muss.

Wie stehen Sie zur Elektromobilität?

2018 schaffte ich mir das erste Elektroauto und den dazugehörigen Ladeanschluss an. Meine jährlichen Einsparungen bei Strom, Gas und Benzin steigerten sich dadurch auf zuletzt zirka 4000 Euro im Jahr und werden durch die derzeit massiven Energiepreissteigerungen wohl noch weiter zunehmen.

Wie wird es ihrer Meinung nach für eine bürgerfreundliche Energiewende weitergehen?

Das hängt weitgehend von der neuen Bundesregierung ab. Im vergangenen Jahr mussten wir noch feststellen, dass die alte Bundesregierung die Ende Juni 2021 ablaufende Frist zur Umsetzung der „Europäische Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II)“ verstreichen ließ. Deshalb haben das Bündnis Bürgerenergie e. V. sowie eine Allianz aus Verbänden und Unternehmen, darunter auch unser Verein, auf der Grundlage einer aktuellen Studie und einer rechtlichen Stellungnahme am 6. August 2021 Beschwerde bei der EU-Kommission eingereicht und gefordert, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einzuleiten.

Um was geht es in dieser Beschwerde konkret?

Zentraler Punkt ist, dass die in der Richtlinie enthaltenen Regelungen zu gemeinsam handelnden Eigenversorgern nicht umgesetzt wurden. Auch hat es die alte Bundesregierung versäumt, die „Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften“ nach Artikel 22 zu definieren und ihnen das besonders wichtige Recht nicht zugesprochen, gemeinsam erzeugte Energie untereinander zu teilen (Energy Sharing), um sich aus eigenen Anlagen zu versorgen.

Stammtisch:Energieberatung:Kontakt:
Der Energiewende-Stammtisch am Mittwoch, 2. Februar, beginnt um 18 Uhr im Radl-Café Arnschwang. Im Mittelpunkt steht die Online-Veranstaltung der Bundesregierung vom 7. Dezember zum Thema Effizienzhaus Plus. Es werden die zentralen Erkenntnisse der inzwischen 63 Modellvorhaben vorgestellt. Anmeldung unter Telefon (09977) 903582, E-Mail: johann.christl@energie-wende-landkreis-cham-ev.de.Die vom Zukunftsbüro des Landkreises bestellten Energy Scouts bieten Informationen für Gebäudenutzer und Verbrauchsmessungen von elektrischen Geräten an. Sie beraten kostenfrei, neutral, ohne eigene wirtschaftliche Interessen und vermitteln bei Anfragen auch an Experten weiter. Im Nahbereich Furth im Wald-Hohenbogenwinkel hilft Johann Christl als Energy Scout beim Einstieg in die Themen Energiesparen und nachhaltige Investitionen in erneuerbare Energien. Er vermittelt auch Kontakte zu Experten.Johann Christl ist erreichbar unter Tel. (09977) 903582, E-Mail:johann.christl@energie-wende-landkreis-cham-ev.de.

Wie lauten also Ihre Forderungen an die neue Regierung?

Ich begrüße es, dass die Ampel-Koalition in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben hat, dass der dezentrale Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Bürgerenergie als wichtiges Element für mehr Akzeptanz gestärkt werden sollen. Konkret sollen die Rahmenbedingungen für die Bürgerenergie durch erweiterte Ausnahmen von den Ausschreibungen und die Einführung von Energy Sharing verbessert werden. Ein Bürgerenergiefonds, der Risiken absichert, soll geprüft werden. Darüber hinaus sollen alle Hürden und Hemmnisse für den Erneuerbaren-Energien-Ausbau aus dem Weg geräumt werden. Dezentrale Erzeugung und Verbrauch in Bürgerhand sind aufgrund der derzeit explodierenden Energiepreise unabdingbar und sollten schnellstmöglich in Angriff genommen werden. Ansonsten werden viele Bürger die Energiepreise nicht mehr bezahlen können. (fer)