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Geschichte

15 Jahre Lernort in Hitlers Sperrgebiet

160 000 Besucher kommen jährlich in die Dokumentation Obersalzberg. 15 Jahre nach der Eröffnung des Lernortes wird die Ausstellungsfläche erweitert.

Eine Frau besucht die NS-Dokumentationsstelle Obersalzberg auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden: Am Mittwoch (21.10.2009) findet in Berchtesgaden eine Feierstunde „10 Jahre Dokumentation Obersalzberg“ statt. Foto: dpa

Berchtesgaden.Es ist das traurigste deutsche Kapitel – doch seine historische Aufarbeitung an einem der zentralen Orte der Nazi-Diktatur eine Erfolgsgeschichte. Seit 15 Jahren ist die Dokumentation Obersalzberg in Berchtesgaden Lern- und Erinnerungsort an Hitlers zweitem Regierungssitz neben Berlin. An die 160 000 Besucher und damit weit mehr als erhofft sehen jedes Jahr die am 20. Oktober 1999 eröffnete Dauerausstellung zur Geschichte des einstigen „Führersperrgebiets“ mit Hitlers streng bewachter Alpenfestung, dem Berghof, im Zentrum.

Das Jubiläum wird an diesem Montagabend mit einer Podiumsdiskussion „Erinnerungsarbeit am Obersalzberg. Bilanz und Perspektiven“ gefeiert. Neben Historikern und Politikern nimmt daran auch die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München-Oberbayern und frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, teil. Die Perspektive ist gut, denn die 2005 schon einmal erweiterte Dokumentation wird für 17 Millionen Euro erneut vergrößert. 2017 soll Eröffnung sein, dann steht mit 800 Quadratmetern die doppelte Ausstellungsfläche zur Verfügung.

Anschubhilfe kam von den USA

Für Finanzminister Markus Söder (CSU) als Hausherr ist die Dokumentation „eine bundesweit und international bedeutende Einrichtung zur Aufarbeitung der NS-Zeit“. Die Erweiterung gewährleiste, „dass in der Zukunft der Obersalzberg als ehemaliger zweiter Regierungssitz während der NS-Zeit noch tiefergehender entmystifiziert werden kann.“

Die USA leisteten vor 20 Jahren Anschubhilfe für die Dokumentation. Ihre Armee gab das seit Kriegsende 1945 als Erholungseinrichtung für ihre Soldaten genutzte riesige Areal auf und überließ es dem Freistaat Bayern. Es folgten kontrovers geführte Debatten über die künftige Nutzung des Obersalzbergs. Einerseits sollte verhindert werden, dass der „braune Berg“ zum Wallfahrtsort für Alt- und Neonazis wird, andererseits das Gelände wieder touristisch genutzt werden wie vor den Enteignungen der Nazis auch.

Die Lösung war ein Zwei-Säulen-Konzept: der Bau eines Luxushotels für den Urlauber mit dicker Brieftasche und die Dokumentation als Erinnerungsort an die NS-Vergangenheit der Nazis. Damit beauftragt wurde das Institut für Zeitgeschichte (IfZ). Seine Wissenschaftler erarbeiteten ein Konzept, das die Ortsgeschichte des Obersalzbergs in Schautafeln und Bildern nachzeichnet, aber auch die vermeintliche Idylle von Hitlers Berghof in die verbrecherische Gesamtgeschichte des NS-Regimes einordnet.

Nostalgische Mythenbildung verhindern

Seit Eröffnung der Ausstellung fand der fast 600 Seiten dicke Katalog „Die tödliche Utopie“ weit über 80 000 Abnehmer. Neben dem Ausstellungsbesuch gehören Führungen, Audioguide-Angebote und die regelmäßigen „Obersalzberger Gespräche“ mit Wissenschaftlern, Publizisten und Zeitzeugen zum Konzept. Erster Gast in dieser Reihe war Max Mannheimer, der das Konzentrationslager Dachau und das Vernichtungslager in Auschwitz überlebte. Jedes Jahr gibt es zudem eine „Winterausstellung“, aktuell über das jüdische Mädchen Anne Frank, das den Holocaust nicht überlebte.

Teil der Ausstellungserweiterung ist auch die Einbeziehung des Geländes um Hitlers Berghof. Doch wie einbeziehen, wenn das Gebäude nicht mehr existiert? Britische Bomberverbände legten den Berghof zwei Wochen vor Kriegsende in Schutt und Asche. „Man wird sich Gedanken machen müssen, wie man das Thema Berghof museumspädagogisch aufarbeitet“, sagt IfZ-Sprecherin Simone Paulmichl.

„Wir wollen die Besucher jedenfalls nicht mit den Ruinen alleine lassen.“ Es sei eine wichtige Erkenntnis der vergangenen 15 Jahre, „dass nur ein offener und wissenschaftlich fundierter Umgang mit dem Areal eine sensationsheischende oder nostalgische Mythenbildung rund um Täterort Obersalzberg verhindern helfen kann“. (dpa)

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