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Bayern
Montag, 25. Juni 2018 23° 3

Geschichte

1800 Jahre Geschichte im Bayern-Museum

Im neuen Regensburger Museum tobt Christoph Süß durch 1800 Jahre. Der 360-Grad-Film ist beides: klug und etwas balla-balla.
Von Marianne Sperb

Christoph Süß vor dem Rundpanorama im neuen Bayern-Museum: Er galoppiert in 39 Rollen und 25 Minuten durch weiß-blaue Geschichte. Foto: altrofoto.de
Christoph Süß vor dem Rundpanorama im neuen Bayern-Museum: Er galoppiert in 39 Rollen und 25 Minuten durch weiß-blaue Geschichte. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Wer bin ich und wenn ja: wie viele? Viele jedenfalls, so viel lässt sich sagen über Christoph Süß. Aktuell kommt er auf 39 Identitäten. Der Kabarettist rast, rauscht, poltert, predigt, klampft, doziert und juxt nämlich in 39 Rollen quer durch Bayerns Geschichte: als Kaiser, als Fassmalerin im Barock und gar als 22 Gesandte am Reichstag auf einmal. Er springt von der Castra Regina im Jahr 178 n. Chr. – zack! – 600 Jahre weiter in die Zeit der Agilolfinger, beamt sich ins Mittelalter und auf die Steinerne Brücke der Ratispona, taumelt hinüber in barocken Glanz und Prunk und landet schließlich im bayerischen Königreich.

Das Foyer des Museum der Bayerischen Geschichte:

Das Foyer des Museum der Bayerischen Geschichte - Spherical Image - RICOH THETA

Nur 25 Minuten dauert der Film, der als Rundpanorama im neuen Museum der Bayerischen Geschichte am Regensburger Donaumarkt laufen wird, aber die fünf Episoden tippen alles an, was Bayern und Regensburg geprägt hat. Sie reißen einen weiten Horizont auf – und schrumpfen die großen Vorbilder. Marc Aurel, der Philosophen-Kaiser voll edlen Sinns? Ein Massenmörder. Die Brüder Asam, geniale Schöpfer überirdischer Schönheit? Zugegeben begabte, aber vor allem gut verdienende Handlanger und Medienprofis, die nach den Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, politisch opportun, den Himmel auf Erden schauen lassen.

Panoramaraum des Museum der Bayerischen Geschichte:

Panoramaraum Haus der Bayerischen Geschichte - Spherical Image - RICOH THETA

Dass die Dinge und die Menschen, gerade die herrschenden, eine Seite und eine Kehrseite haben, zeigt gleich die erste Szene. Marc Aurel steht in blütenweißer Toga mit dem Rücken zum Zuschauer am Donauufer. Es plätschert. Erst als er sich umdreht, ist zu sehen: Da wird nicht Wasser gelassen, sondern Wein verspritzt.

Das neue Bayern-Museum: Am Samstag und Sonntag steht es für Besucher offen, samt breitem Programm. Alle Details sind auf der Homepage aufgeführt: www.hdbg.de/museum. Foto: altrofoto.de
Das neue Bayern-Museum: Am Samstag und Sonntag steht es für Besucher offen, samt breitem Programm. Alle Details sind auf der Homepage aufgeführt: www.hdbg.de/museum. Foto: altrofoto.de

Der Perspektivwechsel ist Konzept. In schnellen Schnitten und brillanten Bildern erzählt der Film Geschichte von unten und transportiert ein kritisches Bayernbild. Das Prinzip passt zum Bayern-Museum und dem Ansatz von Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, wie die Hand in den Handschuh. Am Ende werden übrigens beide, der Direktor und das Lästermaul, vom Further Drachen gefressen. Wegen Unbotmäßigkeit vermutlich. Das macht aber nichts für den Fortgang der Geschichte und den Fortgang des Besuchers. Der kann sich nach 1800 Jahren im filmischen Schnelldurchlauf künftig dem Museum zuwenden, das im Frühjahr 2019 eröffnen soll, um zu sehen, wie es ab 1800 weiterging mit Bayern. 200 Jahre Freistaat werden durchbuchstabiert, ähnlich quer, vergnüglich und überraschend.

Im Video erleben Sie einen 360-Grad-Blick in Bayerns Historie.

Rundpanoramen waren im 19. Jahrhundert eine gängige Sache. Das Bayern-Museum greift die Form auf. Man muss sich die 360-Grad-Multivision im kolossalen neuen Komplex so vorstellen: In einem halbdunklen Saal, der ans Foyer andockt, hängt ein breiter Ring von der Decke, auf den in Endlosschleife die Bilder projiziert werden. Hier spielt die Bayern-Show. „Ein intensives Raumerlebnis“, sagt Ingo Zirngibl, Chef der jangles nerves GmbH, der den Film produziert hat. „Der Betrachter ist von allen Seiten von Bild und Ton umgeben.“

Die Macher: Ingo Zirngibl, Christoph Süß und Richard Loibl (von links) vor dem Rundpanorama Foto: altrofoto.de
Die Macher: Ingo Zirngibl, Christoph Süß und Richard Loibl (von links) vor dem Rundpanorama Foto: altrofoto.de

Die Darsteller spielten in einer nackten grünen Kulisse. Diese Szenen setzten 2D- und 3D-Designer dann in die virtuelle Welt hinein. Die Multivision ist gedacht als niedrigschwelliger Einstieg für Regensburg-Besucher. Wen es in die Welterbestadt treibt oder ins Museum, der holt sich hier den Appetizer, den Grundstock, ohne Eintritt, einfach so. „Wir erzählen Geschichte und Geschichten aus und über Bayern“, sagt Loibl. „Wir schauen hinter Klischees. Wir freuen uns und wir verzweifeln. Wie’s einem halt so geht mit der Heimat.“

Dem Rundpanorama ist sogar ein eigenes Magazin gewidmet: mit allen Details und einem „Making-of“. Foto: Haus der Bayerischen Geschichte
Dem Rundpanorama ist sogar ein eigenes Magazin gewidmet: mit allen Details und einem „Making-of“. Foto: Haus der Bayerischen Geschichte

Christoph Süß plaudert im BR-Magazin „quer“ regelmäßig über die Lage der weiß-blauen Nation, süffisant, philosophisch und kernig. Am Haus der Bayerischen Geschichte ist er abonniert auf die Rolle als satirischer Wissensvermittler. 2014, bei der Landesausstellung über den Regensburger Dom, galoppierte er als Ritter, Patrizier und Bischof durch das Mittelalter. Die Produktion wurde zum Zugpferd. Ähnliches darf man für das neue Rundpanorama prophezeien. Der Film ist gespickt mit durchgeknallten Zitaten. Die Asam-Brüder im Film erinnern an die Brit-Stars Gilbert & George, die Bezaubernde Jeannie hat einen Kurzauftritt und dieser Lakai am Reichstag: Spricht er nicht aufs i-Tüpfelchen wie ein Butler in Downton Abbey?

So fügt sich das Museum der Bayerischen Geschichte in das Stadtbild ein:

Das Museum der Bayerischen Geschichte - Spherical Image - RICOH THETA

Haarsträubende Einsprengsel, wilde Assoziationen und unerschrockene Zeitwechsel: Der Film ist ein bisschen balla-balla, „aber streng faktenbasiert“, betont Richard Loibl. Die Regensburg-Silhouette aus dem 14. Jahrhundert zum Beispiel spiegelt, beinahe auf den Stein genau, die historische Wirklichkeit. Der Regensburger Denkmalpflege-Professor Achim Hubel hat die Szenerie mit allem geschichtlich verbürgten Drum und Dran ausgestattet, inklusive dem Drehkran am alten Hafen. Sämtliche damaligen Patriziertürme bohren sich wie eine Armada aus Phalli in den Regensburger Himmel, bevor dann gleich auch noch – schwups – der Dom ins Stadtpanorama gezaubert wird, und zwar exakt so, wie er 1344 ausgesehen hat.

Das Museumsfest

  • Die Vorschau:

    Das Bayern-Museum am Regensburger Donaumarkt lädt vor „Vorschau“: Am Samstag (9. Juni, 18 bis 20 Uhr) und am Sonntag (10. Juni, 11 bis 21 Uhr) steht das Haus offen. Gäste sehen das Rundpanorama, hören Claudia Koreck, Bäff Piendl, die Well-Brüder und andere Bayern-Stars, und sehen eine spektakuläre Lichtshow von Philipp Geist.

  • Attraktionen:

    Eine Bühne, ein Maibaum, eine königlich-bayerische Fotostation, ein Museumsladen und eine Gastro-Zeile sind aufgebaut. Eine FC-Bayern-Arena zeigt den Aufstieg des Fußballklubs zur Weltmarke – als kleine Vorschau auf die Ausstellung im neuen Museum. Und – hier führt der Chef: Richard Loibl führt am Sonntag (10. Juni, 15 und 17 Uhr) Besucher und erklärt das Museumskonzept.

Wirklich erzählen lässt sich der Film nicht. Man muss ihn sehen. Dazu ist am Wochenende beim Museumsfest Gelegenheit. Einige Tausend Gäste stehen ins Haus. Loibl hofft, sie werden sich anwärmen mit dem umstrittenen Museum. Die Haltung zum 88,3 Millionen Euro teueren Haus, entworfen vom Büro Wörner Traxler Richter, ist disparat und geht querbeet. Da gibt’s den Denkmalpfleger, bei dem man Skepsis gegenüber zeitgenössischer Architektur im Welterbe vermuten würde, dem der Komplex aber gefällt, genau so wie den Architekten, der gravierende Punkte kritisiert. Christoph Süß ist übrigens ein Fan: „Ich glaub’, das ist ein Haus, in dem man gern ist. In 100 Jahren“, feixt er, „wird’s allen gefallen.“

Das Museum ist umstritten – keine Seltenheit bei Kulturbauten. Lesen Sie hier einen Leitartikel „Erst furchtbar, dann super“

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