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Demoskopie

Wie Umfragen Meinung machen

Beim 56. Münchner Mediengespräch debattierten Experten darüber, wie die Wahlforschung die Politik beeinflussen kann – und auch die Wähler selbst.
Von Sabine Pusch, MZ

Der Wähler, das unbekannte Wesen: Meinungsforscher versuchen zu ergründen, wie Politik bei den Menschen ankommt. Foto: dpa

München. „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?“ Die Sonntagsfrage wird jede Woche gestellt, unabhängig davon, ob wirklich eine Wahl ansteht. Seit mehr als 60 Jahren versuchen Forscher auf diese Weise, die aktuelle politische Stimmung in Deutschland zu ermitteln. Beim 56. Münchner Mediengespräch debattierten Experten jetzt darüber, wie mit Umfragen Politik gemacht wird. Denn die Ergebnisse und auch die Demoskopie an sich sorgen immer wieder für Aufruhr.

Erst Anfang Januar schockte das Institut Allensbach die CSU mit einer 41-Prozent-Prognose. Wenige Wochen später tauchte das Gerücht auf, dass ein FPD-Politiker mit einem Anruf bei Infratest dimap versucht haben soll, die Umfragezahlen der Liberalen herunterzudrücken, um Parteichef Philipp Rösler zu schaden. Die Kritik an der Demoskopie reißt nicht ab. Für Wähler, Politiker und Medien sind die unterschiedlichen Meinungsumfragen aber auch ein wichtiges Instrument, um die Chancen der politischen Akteure abzuschätzen.

Im Interesse des Auftraggebers

„Die Demoskopen in Deutschland machen einen guten Job“, findet Thorsten Faas, Professor für Methoden der empirischen Politikforschung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Am Anfang jeder Umfrage stehe der Auftraggeber, der immer bestimmte Interessen verfolge. Um hier für mehr Transparenz zu sorgen, sei es nötig, möglichst viele Informationen offen zu legen.

„Wir veröffentlichen alle wichtigen Hintergründe zur Umfrage“, versichert Richard Hilmer, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes Infratest Dimap. Auch Frageformulierung und Einbettung der Fragen sind laut Hilmer entscheidend für das Ergebnis der Umfrage. Werde die Beliebtheit des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) im Rahmen einer Umfrage über die Meinung zum Hauptstadtflughafen abgefragt, seien andere Ergebnisse zu erwarten, als bei einer allgemein gehaltenen Befragung.

Klarheit müsse zudem bei der Datenerhebung herrschen. „Oft liest man, dass 1000 Leute befragt wurden. Interessant wäre doch aber auch, wie viele überhaupt angefragt wurden“, erklärt Politikwissenschaftler Faas. Denn die Antwortbereitschaft der Menschen hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Eine Studie aus den USA zeigt, dass von zehn Personen nur noch eine bereit ist, an telefonischen Umfragen teilzunehmen. „Die Tendenzen in Deutschland sind ganz ähnlich“, so Faas. „Die Leute haben Angst, dass ihnen etwas verkauft werden soll.“

Ein generelles Problem sei auch der Rückgang von Festnetzanschlüssen. Die neue Mobilität der Gesellschaft erschwert die Forschung.

Das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap hat sein Vorgehen deshalb geändert. „Jeder muss theoretisch die gleiche Chance auf eine Teilnahme an der Umfrage haben“, erläutert der Geschäftsführer. Man sei jetzt zum Teil auf Random digit dialing (RDD) umgestiegen. Bei dem Verfahren werden anhand existierender Handynummern zufällige Nummern generiert und angerufen.

Verzerrungen sind unvermeidbar

Haben die Demoskopen endlich jemanden erreicht, tut sich das nächste Problem auf: „Menschen, die sich nicht für Politik interessieren, werden kaum einer zwanzigminütigen Befragung zustimmen“, sagt Faas. Man müsse deshalb immer mit leichten Verzerrungen rechnen. Wahlforscher Hilmer weißt zudem darauf hin, dass sich die Bereitschaft zur Beteiligung an Umfragen von Wählergruppe zu Wählergruppe unterscheidet. „Anhänger der Grünen machen eher mit. NPD-Wähler wollen dagegen eher nicht zugeben, für wen sie ihren Haken machen würden“, erklärt der Fachmann. Aus diesem Grund könnten Umfragen zwar Tendenzen und Stimmungen wiedergeben, seien jedoch nicht unbedingt auf die Kommastelle genau berechenbar.

Kontrovers ist der Umgang mit Umfrageergebnissen zwischen vier und fünf Prozent. Denn es geht nicht nur um den einfachen Zahlenwert, sondern um den Einzug oder Nicht-Einzug einer Partei ins Parlament. Wahlforschungsinstitute haben sich vor einigen Jahren darauf geeinigt, nur noch ganze Zahlen zu veröffentlichen. „Aber natürlich muss immer gerundet werden. Ob hinter einer Partei mit 4,5 Prozent eine fünf oder doch nur eine vier steht, entscheidet jedes Institut aufgrund seiner Erfahrung mit bestimmten Faktoren. Dementsprechend gewichten und entscheiden wir dann“, erläutert Richard Hilmer von Infratest dimap.

Spielraum für Interpretation

Sind die Zahlen veröffentlicht, werden sie von den Medien sehr unterschiedlich interpretiert. Liegt beispielsweise die Linke in Umfragen seit mehreren Wochen bei sieben Prozent, ist sowohl die Schlagzeile „Die Linke auf gleichbleibendem Niveau“ als auch „Stagnierende Ergebnisse bei den Linken“ denkbar. Die Interpretationsspielräume sind groß. „Es gibt zwar nicht den einen wahren und richtigen Umgang mit den Zahlen, Optimierungsbedarf seitens der Medien sehe ich an dieser Stelle trotzdem“, sagt Faas.

Den Einfluss von Umfragen auf den Ausgang der späteren Wahl schätzt der Politikprofessor als recht gering ein. „Einige wollen auf der Seite des Siegers sein, andere möchten den vermeintlichen Verlierer unterstützen. Manche werden von den Zahlen mobilisiert, manche demobilisiert“, so Faas. Entscheidend sei deshalb eine realistische Einschätzung der Umfragewerte.

Raabs Polit-Show problematisch

Problematisch sieht Faas vor diesem Hintergrund Stefan Raabs politische Talkshow „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“, in der die Zuschauer per Telefon unmittelbar abstimmen können, welcher Gast ihnen am meisten zusagt. Dabei finde keine Relativierung der Zahlen statt: „Peter Limbourg, der die abgestimmten Werte und die Kommentare der Gäste analysiert, tut so, als ob er Trends für die Zukunft vor sich liegen hätte.“ Es könne deshalb sein, dass Zuschauer die Zahlen falsch einschätzten, fürchtet Faas.

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