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Allgäuer Dorf lebt die Energiezukunft

Wildpoldsried erzeugt mit erneuerbaren Energien fünfmal so viel Strom wie es verbraucht. Auch die Technik kommt aus dem Ort.
Von Birgit Ellinger, dpa

Auf dem Gemeindegebiet stehen neun Windkraftanlagen, an denen sich die Bürger mit Eigenkapital beteiligen. Foto: dpa
Auf dem Gemeindegebiet stehen neun Windkraftanlagen, an denen sich die Bürger mit Eigenkapital beteiligen. Foto: dpa

Wildpoldsried.Es ist eine der kleinsten Gemeinden im Oberallgäu. Gerade einmal 2600 Einwohner leben in Wildpoldsried. Und obwohl Kempten nur zehn Kilometer entfernt liegt, steuern viele Gäste von auswärts bewusst den benachbarten Ort an. „Jedes Jahr kommen über 100 Besuchergruppen aus der ganzen Welt zu uns, vor allem aus Afrika, Südamerika und Asien“, sagt Bürgermeister Arno Zengerle.

Der Grund: Wildpoldsried hat sich als Energiedorf international einen Namen gemacht, gilt mit seiner großen Bandbreite an erneuerbaren Energiequellen als Vorbild und ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. „Die Menschen wollen sehen, was auf diesem Gebiet alles möglich ist.“

Mit Ökostrom aus Wind, Wasser, Sonne und Biogas leistet Wildpoldsried schon seit vielen Jahren seinen Beitrag zur Energiewende. „Anfang der 90er Jahre gab es die ersten Leute im Dorf, die sich mit regenerativer Energie beschäftigt haben und danach andere davon überzeugen konnten“, sagt Zengerle.

Neun Windkraftanlagen im Gemeindegebiet

Dass heute der Großteil der Bürger dahinter steht, zeigen nicht nur die vielen Solarzellen auf den Dächern der Häuser und Bauernhöfe. Mittlerweile stehen auf dem Gemeindegebiet neun Windkraftanlagen, an denen sich die Bürger mit Eigenkapital beteiligen und die pro Jahr etwa 34 Gigawattstunden Strom erzeugen. Außerdem liefern zwei kleine Wasserkraftanlagen und vier Biogasanlagen Ökostrom. Das gemeindliche Nahwärmenetz versorgt 130 Wohnungen, alle öffentlichen Gebäude und viele Gewerbebetriebe.

Ohne den Rückhalt der Bürger hat man keine Chance, die Energiewende umzusetzen.

Bürgermeister Arno Zengerle

„Ohne den Rückhalt der Bürger hat man keine Chance, die Energiewende umzusetzen. Man muss sie einbinden, auch mit Kapital, und sie dann davon profitieren lassen“, sagt Zengerle. Schon die Kleinsten im Ort werden für das Thema sensibilisiert. Für sie wurde in diesem Sommer ein Energie-Spielplatz eingerichtet.

Strom für die Nachbargemeinden

Das große Engagement der Bürger für den Klimaschutz stellt die Gemeinde allerdings vor Herausforderungen. Denn schon lange produzieren die Wildpoldsrieder eigentlich zu viel sauberen Strom, wodurch das Netz belastet wird. 2012 wurde im Ort bereits dreimal so viel Strom erzeugt wie verbraucht wurde. 2015 war es laut Zengerle das Fünffache des Eigenbedarfs. „Und die Entwicklung geht jeden Tag weiter.“ Der überschüssige Strom gehe aber nicht verloren, sondern werde rechnerisch ins Netz verkauft und physikalisch von den Nachbargemeinden genutzt.

Christoph Ostermann (l.) und Philipp Schröder, sind beide Geschäftsführer der Sonnen GmbH. Foto: dpa
Christoph Ostermann (l.) und Philipp Schröder, sind beide Geschäftsführer der Sonnen GmbH. Foto: dpa

Dass sich die Energie steuern lässt und das Stromnetz trotz schwankender Einspeisung auch nachts und im Winter stabil ist, haben die Wildpoldsrieder auch dem Forschungsprojekt Irene (Integration Regenerativer Energien und Elektromobilität) zu verdanken. Von 2011 bis 2013 wurde in dem Allgäuer Energiedorf das intelligente Stromnetz der Zukunft, ein sogenanntes Smart Grid, getestet. Neben Siemens und dem regionalen Stromversorger Allgäuer Überlandwerk (AÜW) waren die Hochschule Kempten und die RWTH Aachen an dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt beteiligt. Derzeit läuft das Nachfolgeprojekt.

Neue Solarspeichersysteme

Die Firma Siemens und ihre Forschungspartner arbeiten vor Ort mit einem auf Lithium-Ionen-Technologie basierten Batteriespeicher. Solche Speicher, die die Energie managen und den Überschuss regulieren können, stellt auch die Sonnen GmbH her. Das Unternehmen entwickelt und produziert Solarspeichersysteme, über die sich Privathaushalte mit selbst erzeugter Energie rund um die Uhr versorgen können. Dass die Firma ihren Sitz in dem kleinen Energiedorf hat, ist kein Zufall, wie Mitbegründer und Geschäftsführer Christoph Ostermann sagt. „Wenn man hier aus dem Fenster schaut, sieht man Windräder und auf jedem Dach eine Photovoltaikanlage. So sieht die Energiezukunft aus.“

Ehemaliger Tesla-Deutschland-Chef ist dabei

2010 wurde die Sonnen GmbH in Wildpoldsried mit fünf Mitarbeitern gegründet. Heute beschäftigt das Unternehmen, in das vor wenigen Monaten der US-Industriekonzern General Electric eingestiegen ist, bereits 250 Mitarbeiter weltweit. 160 von ihnen – darunter auch der ehemalige Tesla-Deutschland-Chef Philipp Schröder – arbeiten am Hauptsitz im Allgäu, wo die Sonnenspeicher produziert werden.

Als sogenanntes Solardorf ist Wildpoldsried weithin bekannt.
Als sogenanntes Solardorf ist Wildpoldsried weithin bekannt. Fotos: dpa

„Als wir mit dem Prototyp angefangen haben, gab es weder Kunden noch Mitbewerber – wir waren die ersten“, sagt Ostermann, der sich zunächst hobbymäßig mit dem Thema Energiespeicher beschäftigt hat. Mit den Jahren sei der Markt gewachsen – und der Speicher geschrumpft. „Die Geräte wurden immer kleiner und leistungsfähiger. Inzwischen sind wir bei der achten Produktgeneration angekommen.“

Während die Sonnen GmbH im ersten Jahr etwa 200 Sonnenbatterien produziert und verkauft hat, werden es 2016 nach Angaben des Unternehmens 8000 bis 10 000 Batterien sein. Auch der Jahresumsatz steige stetig: 2015 hat die Firma rund 26 Millionen Euro umgesetzt, in diesem Jahr werde mit einer Verdopplung gerechnet.

Die Sonnen GmbH ist auch Betreiber eines Online-Netzwerks zum Teilen von selbsterzeugtem Strom. So können Sonnenbatterie-Nutzer, bei denen die Sonne scheint, ihren überschüssigen Strom an diejenigen weitergeben, die unter einer Wolkendecke sitzen. Nach Angaben des Unternehmens, das den Stromtausch organisiert, gehören der Sonnen-Community inzwischen rund 3000 Haushalte in ganz Deutschland an.

Hier geht es zu unserem Online-Spezial zur Energiewende.

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