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Schwandorf.

Als die WAA ihr Waterloo erlebte

Acht Jahre war der Name Wackersdorf Synonym für die erbitterte Auseinandersetzung um die Wiederaufarbeitung.

Pfingsten 1986 erlebte das WAA-Gelände die schwersten Ausschreitungen. Nachdem von Hubschraubern Tränengas-Granaten abgeworfen worden waren, setzten unbekannte Täter ein Polizeiauto in Brand. Foto: MZ-Archiv

Von Elisabeth Hirzinger, MZ

Freudenfeuer wurden nicht entzündet. Und sogar der Jubel war nur inszeniert – für die vielen Kamerateams, die vor genau 20 Jahren ihren Fokus auf Wackersdorf richteten. Das Aus für die WAA war verkündet, und alle Welt erwartete einen Ausbruch von Emotionen. Doch da war nur eine große Müdigkeit, bei Gegnern wie Befürwortern. Das Projekt Wiederaufarbeitungsanlage, mit dem in Wackersdorf Milliarden in den Sand gesetzt wurden, war zur Zerreißprobe für eine ganze Region geworden. Menschenketten und Massendemonstrationen, geballte Staatsmacht als Kulisse und Hausdurchsuchungen prägten zum Teil den Alltag. Spätestens mit dem 10.Oktober 1987, als Berliner Spezialeinheiten der Polizei auf dem WAA-Gelände aufmarschierten und auf Demonstranten einprügelten, hatte ein gigantisches atomares Projekt auch den Rechtsstaat in seinen Grundfesten erschüttert.

Man kann das in Zahlen übersetzen: In den acht Jahren der Auseinandersetzung um die WAA wurden 4000 Kernkraftgegner festgenommen und über 2000 verurteilt. Gegen die prügelnden Rambos aus Berlin wurden nach 400 Strafanzeigen aus den Reihen der Demonstranten 21 Ermittlungsverfahren eingeleitet – und allesamt eingestellt.

Acht Jahre erlebten Atomkraftgegner in Wackersdorf Ohnmacht, und Rechtsbeugung, Gewalt und Verleumdungen. Freundschaften gingen in die Brüche, in vielen Familien schwelte erbitterter Streit zwischen Befürwortern und Gegnern. Die Auseinandersetzung ging bei vielen an die Substanz. Ein Ende schien nicht in Sicht.

Als die Nachricht dann verbreitet wurde, schlug sie ein wie eine Bombe. Das „Aus“ kam am 11. April ohne Vorwarnung, versteckt in einer nüchternen Meldung aus dem Kanzleramt. Der Coup von VEBA-Boss Rudolf von Bennigsen-Foerder brachte ein Projekt zu Fall, gegen das Hunderttausende von WAA-Gegnern Sturm gelaufen waren. Mit Bekanntwerden der Pläne, die nationale Wiederaufarbeitung nach La Hague zu verschieben, war das Ende der WAA in Wackersdorf besiegelt.

Am 31. Mai schloss die DWK symbolisch das Tor. Endgültig perfekt war der Deal am 6. Juni, als der französische Industrieminister Roger Faroux und Bundesumweltminister Klaus Töpfer eine Erklärung unterschrieben, wonach die Brennelemente aus deutschen Reaktoren künftig in der französischen Anlage von La Hague wieder aufgearbeitet werden sollten.

Freude wollte im Lager der WAA-Gegner nicht aufkommen. Und selbst 20 Jahre später dominiert Zurückhaltung bei der Bewertung der Ereignisse. Keine Polemik, keine Häme, eher Sachlichkeit bestimmen die Gespräche mit Menschen, die damals sowohl im Widerstand als auch auf Seiten der Betreiber in der ersten Reihe standen.

Keinen Zweifel gibt es für den damaligen Schwandorfer Landrat Hans Schuierer daran, dass der Widerstand der Bevölkerung entscheidend war für das Ende der WAA. Die Gallionsfigur im WAA-Widerstand erfuhr von der überraschenden Wende bei einer Tagung in Regen. Ob er schon wisse, dass Bennigsen-Foerder das „Aus“ der WAA verkündet habe, fragte ihn ein Journalist. Schuierer wusste nicht. Aber er war sich sofort der Tragweite der Nachricht bewusst.

Schuierer blickt nicht im Zorn zurück, trotz der vielen negativen Erlebnisse: „Tausende Verfahren gegen Unschuldige, und nicht ein einziger Polizist wurde angeklagt.“ Nicht vergessen hat er natürlich das Disziplinarverfahren gegen ihn, das sich über vier Jahre hinzog. „Man hat damals daran gezweifelt, dass es noch einen Rechtsstaat gibt“, sagt Schuierer, der aber auch die positive Seite nicht vergisst. „Wir haben einen guten Tausch gemacht“, sagt er heute und meint Industrie anstelle von Atomanlagen.

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