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Pflege

An seiner Seite bis zum Ende

Seit sechs Jahren versorgt die Regensburgerin Brigitte Hahn ihren dementen Ehemann. Das verlangt ihr große Anstrengungen ab.
von Christine Straßer

Entspannter Spaziergang? Den Lebensweg bis zuletzt gemeinsam zu gehen, wird zu einer großen Herausforderung, wenn der Partner an Demenz erkrankt. Foto: Christoph Schmidt/dpa
Entspannter Spaziergang? Den Lebensweg bis zuletzt gemeinsam zu gehen, wird zu einer großen Herausforderung, wenn der Partner an Demenz erkrankt. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Regensburg.Manchmal erkennt Anton Hahn seine Frau noch. Dann fragt er wieder ganz plötzlich: „Aber wo ist denn jetzt meine Frau?“ Dabei steht sie neben ihm. Vor sechs Jahren wurde bei Hahn ein dementielles Syndrom diagnostiziert. Seitdem pflegt ihn seine Frau Brigitte. Das fordert der 74-Jährigen aus Regensburg alles ab. „Mein Mann kennt sich in der Wohnung nicht mehr aus. Ich muss alle Türen absperren“, schildert sie. Begonnen hat die Krankheit kurz nach der Pensionierung ihres Mannes. „Er verlor die Orientierung, ging in die falsche Richtung. Dann ging es ziemlich rapide abwärts“, erinnert sich Hahn. „Wenn ich jetzt zu ihm sage, dass er die Tür schließen soll, weiß er nicht, was er tun soll.“

Tapfer erzählt sie von ihrem Alltag als pflegende Angehörige. Was sie erlebt ist permanente Anspannung und ein Gefühl der Isolation. Einige Freunde haben sich abgewandt, besuchen das Ehepaar nicht mehr. Dass verletzt Brigitte Hahn. Ein Grund, weshalb sie nicht ihren richtigen Namen in der Zeitung lesen möchte.

Längst Abschied genommen

Dass sie ihrem Mann bis zum Ende nicht von der Seite weichen will, war für Hahn immer klar. Das schloss ein, dass sie sich um ihn kümmern wollte, sollte er einmal pflegebedürftig werden. Aber sie hatte gehofft, dass das erst später eintreten würde, dass sie die Zeit des Ruhestands mit ihrem drei Jahre jüngeren Mann etwas länger genießen könnten. „Wenn ich daran denke, wie schön wir es jetzt haben könnten, dann macht mich das traurig“, schildert die 74-Jährige, nimmt ihre Brille ab, reibt sich die Augen und sieht ein wenig verloren aus. Sie sagt auch: „Manchmal denke ich, dass wenn der Wahnsinn vorbei ist, auch mein Leben vorbei ist.“

„Die Person ist zwar noch da, aber sie ist nicht mehr der vertraute Partner.“

Brigitte Hahn, die ihren demenzkranken Mann pflegt.

Die Hahns sind seit 47 Jahren verheiratet. Aber jetzt ist es in gewisser Weise so, als wäre einer gar nicht mehr da. „Die Person ist zwar noch da, aber sie ist nicht mehr der vertraute Partner“, erklärt Brigitte Hahn. Von ihrem Mann musste sie sich bereits verabschieden. Erinnerungen teilen? Das geht nicht mehr. Was sie tröstet: Er fühlt sich noch immer wohl bei und mit ihr. Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet er: „Gut.“ Er wird unruhig, wenn sie nicht da ist. Brigitte Hahn hat auch einmal versucht, ihren Mann in der Tagespflege unterzubringen, aber dort wollte er nicht bleiben. „Er ist ganz unruhig geworden“, beschreibt sie. „Da konnte ich ihn nicht lassen.“

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Pflegehelfer kommt regelmäßig

Hilfe bekommt Brigitte Hahn. Ihre Söhne kümmern sich. Eine gute Freundin kommt oft und bleibt ein wenig bei Anton Hahn, was dieser zum Glück akzeptiert. So kann seine Frau in dieser Zeit einkaufen gehen. Ein Bekannter hat den Demenzkranken, so lange es ging, regelmäßig mit in seine Werkstatt genommen und mit ihm gebastelt. Außerdem kommt ein Pflegehelfer, vermittelt von der Alzheimer Gesellschaft Oberpfalz, jede Woche für ein paar Stunden. Auch das entlastet Brigitte Hahn. Schon zehn Minuten Unterbrechung könnten viel entzerren, erklärt sie. Dann falle etwas von ihr ab und sie spüre Erleichterung.

Neue Personen wie den Pflegehelfer einzuführen, ist allerdings gar nicht so einfach. Brigitte Hahn erzählt, dass sie nicht recht wusste, was sie ihrem Mann erzählen sollte, bis der Pflegehelfer zum ersten Mal an der Wohnungstür klingelte. Sie habe dann behauptet, der Mann wolle eigentlich zu einem Nachbarn und müsse nun kurz in ihrer Wohnung warten, bis der Nachbar zurück sei. „Sie müssen sich ständig Erklärungen ausdenken“, schildert die 74-Jährige. Ihr Mann frage zum Beispiel oft danach, was denn „die anderen“ machen und ob sie denn heute mit ihnen essen. Sie müsse dann immer etwas erfinden.

Helfende Hand: Unterstützung gibt es für pflegende Angehörige. Der Alltag ist trotzdem mühevoll. Foto: Jens Büttner/dpa
Helfende Hand: Unterstützung gibt es für pflegende Angehörige. Der Alltag ist trotzdem mühevoll. Foto: Jens Büttner/dpa

Mit der Gelassenheit komplett vorbei ist es, wenn Anton Hahn seinen Geldbeutel nicht findet. Den will er immer bei sich haben, zumindest wenn es ihm gerade einfällt. Das kann auch mitten in der Nacht sein. Dabei versteckt er ihn immer wieder beziehungsweise legt ihn in einem unbeobachteten Moment irgendwohin – freilich in dem Glauben das sei der richtige Platz. Dann vergisst er es wieder. Nach aufreibender Suche hat Brigitte Hahn den Geldbeutel zum Beispiel schon einmal unter dem Klavierdeckel wieder gefunden. Wahnsinnig schwierig sei es gewesen, ihren Mann davon zu überzeugen, dass er nicht mehr Autofahren könne, erinnert sich Brigitte Hahn. „Wir sind fast ein Jahr überhaupt nicht mehr mit dem Auto gefahren“, sagt sie. Ihr Mann habe nicht zulassen wollen, dass sie sich ans Steuer setzt, wollte immer der Fahrer sein. Alles im Alltag ist nun mit größerer Mühe verbunden und dauere viel, viel länger. Wenn sie mit ihrem Mann die Wohnung verlassen will, muss sie zuerst ihm die Jacke anziehen und die Schuhe zuschnüren. Wenn sie dann sich fertigmacht, muss sie meistens nochmals von vorne anfangen. „So schnell kann ich gar nicht schauen, wie er die Schuhe wieder ausgezogen hat“, erzählt sie. Oder ihr Mann verknotet die Schnürsenkel, so dass man sie nur noch aufschneiden kann. „Ich muss immer Neue im Haus haben.“ Das klinge vielleicht ein bisschen wie ein Kasperletheater, meint Hahn. Aber auf die Dauer sei es alles andere als lustig. Manchmal explodiere sie in solchen Situationen und schimpfe.

Was bedeutet Demenz?

  • Krankheit:

    Bei Personen mit Demenz (Foto: Jens Büttner/dpa) lässt die geistige Leistungsfähigkeit nach und es kommt zu Verhaltensauffälligkeiten verschiedener Ausprägung. Die häufigste Ursache für Demenz ist die Alzheimer-Erkrankung.

  • Häufigkeit:

    In Deutschland leiden gegenwärtig laut der Alzheimer Gesellschaft rund 1,6 Millionen Menschen an einer Demenz. Jedes Jahr erhöht sich die Zahl um etwa 40 000. Bis 2050 wird sich die Zahl der Betroffenen mindestens verdoppeln.

  • Versorgung:

    Rund zwei Drittel aller Demenzkranken werden von Angehörigen, oder Freunden versorgt. Die Betreuung dauert oft viele Jahre, ist zeitintensiv und stellt große körperliche und seelische Anforderungen an die Pflegenden.

  • Hilfe:

    Seit mehr als 20 Jahren gibt es die Alzheimer Gesellschaft Oberpfalz. Ehrenamtliche sorgen sich um die Erkrankten und deren Angehörige, eine feste Mitarbeiterin übernimmt Beratung und koordiniert Einsätze von Pflegehelfern. Tel. (09 41) 9 45 59 37.

„Viele Angehörige fühlen sich isoliert. Sie werden ja oft auch nirgends mehr eingeladen.“

Maria Kammermeier, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Oberpfalz

Maria Kammermeier, die Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Oberpfalz, weiß um die Nöte der Angehörigen. Sich um einen Demenzkranken zu kümmern, sei eine große Belastung, sagt sie. Auch vom Gefühl, isoliert zu sein, berichteten ihr viele. „Sie werden ja oft auch nirgends mehr eingeladen“, schildert Kammermeier. Da sei eine Furcht, dass sich der demente Mensch nicht mehr so verhalte, wie es die Gesellschaft erwarte. „Manche meinen dann, sie müssten sich schämen.“

Was Brigitte Hahn am meisten auf der Seele liegt, ist der Ärger über Außenstehende, die meinen, sie könnten ihr Ratschläge geben oder ihr gönnerhaft sagen, sie mache das ganz hervorragend. „Das können die doch gar nicht beurteilen“, findet sie. „Wenn sie selbst einmal einen ganzen Tag lang einen Demenzkranken versorgen müssten. Erst dann könnten sie mitreden.“

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