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Bayern
Mittwoch, 22. August 2018 32° 2

Lesung

Anja Wolbergs auf der Sympathie-Woge

Die Frau des suspendierten Regensburger Oberbürgermeisters liest erstmals aus ihrem Buch – und erntet Standing Ovations.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Anja Wolbergs im Gespräch mit Ulrich Dombrowsky Foto: altrofoto.de
  • Langen Applaus erhielt Anja Wolbergs nach ihrer Lesung in der Buchhandlung Dombrowsky. Rechts Inhaber Ulrich Dombrowsky Foto: altrofoto.de

Regensburg.Am Ende der Lesung stehen beinahe alle Zuhörer in der Buchhandlung Dombrowsky, spenden langen, warmen Applaus und schicken Anja Wolbergs auf eine Woge der Sympathie und Solidarität. Ein paar Momente lang scheint es, als würde das Publikum gleich anfangen „Anja, Anja!“ zu skandieren, oder „Free Wolli!“.

Anja Wolbergs durfte sich am Mittwochabend in der kleinen Regensburger Buchhandlung getragen fühlen von einem freundschaftlich-anteilnehmenden Publikum. Die Frau des suspendierten Regensburger Oberbürgermeisters las vor exakt 99 Zuhörern – so viele lassen die Auflagen zu – aus ihrem Roman „In Liebe, Jana!“. Auf 192 Seiten verarbeitet sie die traumatischen Erlebnisse ab 2016, als sich ihr Mann Knall auf Fall von ihr trennt, als er in Verdacht gerät, er habe sich korrumpieren lassen, um seinen teueren Wahlkampf zu finanzieren, und als er schließlich am 18. Januar 2017 verhaftet wird.

„Wie einen Schwerverbrecher“

In der Tiefgarage springen plötzlich zehn Personen aus geparkten Autos, führen den OB zum Haftrichter und transportieren ihn drei Stunden später im vergitterten Kastenwagen zur JVA Straubing. „Wie einen Schwerverbrecher“, schildert es Anja Wolbergs in ihrem Roman. Dort heißt Joachim Jonas und Anja wird Jana. Wie deckungsgleich die Identitäten sind, wird gleich zwei Mal bei Dombrowsky deutlich: Autorin und Buchhändler sagen „Anja“, obwohl sie „Jana“ meinen, und umgekehrt.

Was Regensburg im Korruptionsskandal atemlos von außen verfolgt hat, bekommt mit dem Buch eine Innensicht. Sehr persönlich schildert Anja Wolbergs die Ereignisse, die sie und die Familie an ihre Grenzen brachten. Sehr persönlich offenbart auch Josef Roidl, Geschäftsführer des Battenberg-Gietl-Verlags, zu Beginn der Lesung sein Verhältnis zu den Wolbergs: Wie kein anderer habe der OB die Kulturarbeit unterstützt. Er selbst habe die „mediale Hetzjagd“ nie für möglich gehalten. Und wie betroffen er war, als er das Buch in Händen hielt: „Weil mir bewusst wurde, welche Tragödie sich hier abgespielt hat.“

Hier lesen Sie ein Interview mit Anja Wolbergs.

Ulrich Dombrowsky positioniert sich ebenfalls klar: „Was war das für eine Aufbruchsstimmung, als Wolbergs in die Stichwahl kam!“ Der OB habe sehr, sehr viel angestoßen in Regensburg und auch ihm persönlich klar gemacht, dass es die Bürger selbst seien, die ihre Stadt gestalten. „Das war für mich eine Initialzündung“, bekennt er. Anfangs habe er Wolbergs’ Rolle in der Spendenaffäre skeptisch gesehen, heute ist der Buchhändler überzeugt: „Es muss sich vieles anders abgespielt haben“, als die Vorwürfe es glauben machten, und: „Die Verhältnismäßigkeit der Mittel wurde nicht gewahrt.“

„Ich möchte, dass Anja ein Publikum findet, das ihr wohlgesonnen ist. Deshalb bin ich hier.“

Zuhörerin bei der Lesung

Der Roman wirft einen kritischen Blick auf redaktionelle Handlungsmuster, vor allem aber ist er eine Anklage gegen aus Sicht der Autorin überzogen und schikanös agierende Justiz. Die Zweifel am Rechtsstaat, die im Buch laut werden, kann Christa Meier, ehemalige Regensburger OB (SPD) und Wolbergs’ Mentorin, teilen: „Absolut! Ich dachte immer, unsere Justiz, darauf kann man vertrauen.“ Das sei mit dem Fall Wolbergs anders geworden. Und Albert Schmid, Vorsitzender im Landeskomitee der Katholiken in Bayern und 1978 in Regensburg OB-Kandidat der SPD, kritisiert am Rand der Lesung die Medienarbeit der Staatsanwaltschaft: „Wenn die Justiz derart, in extenso, in die Öffentlichkeit geht, muss sie wissen, welche Stimmung sie damit erzeugt.“

Anja Wolbergs zweifelt an der Verhältnismäßigkeit

Anja Wolbergs zweifelt an der Verhältnismäßigkeit: hier ein Video

Die meisten der befragten Zuhörer wollen Anja Wolbergs an diesem Abend vor allem ihre Solidarität zeigen. „Ich möchte, dass Anja ein Publikum findet, das ihr wohlgesonnen ist. Deshalb bin ich hier“, sagt eine Zuhörerin. „Eine beeindruckende Frau, beeindruckend“, betont ein Herr. „Ich bewundere ihren Mut!“, sagt seine Nachbarin.

„Von der Seele geschrieben“: Lesen Sie hier mehr zum Buch „In Liebe, Jana“

Und Anja Wolbergs selbst? Sie spricht davon, dass das Buch wie eine Therapie für sie war und sie mit dem Roman die Ereignisse, die ihr Leben auf den Kopf gestellt haben, verarbeiten konnte. Sie wird ihre Geschichte wohl noch viele Male erzählen: Die nächste Lesung ist schon angesetzt.

Zweite Lesung und Signierstunde

  • Lesung:

    Der Battenberg-Gietl-Verlag hätte für die Lesung am Mittwoch locker noch 50 Zuhörer mehr haben können. Aufgrund der großen Nachfrage ist eine zweite Lesung angesetzt: am 21. August um 19.30 Uhr im Leeren Beutel in Regensburg. Anmeldungen gehen an: info@battenberg-gietl.de.

  • Signierstunde:

    In der Buchhandlung Bücherwurm im Rennplatz-Zentrum Regensburg signiert Anja Wolbergs am Samstag (11. August, 10 Uhr) ihren Roman. „In Liebe, Jana! Ein Skandal und große Gefühle in Regensburg“ hat 192 Seiten und kostet 16,90 Euro.

Alles über die Regensburger Korruptionsaffäre: Hier geht es zu unserem Special

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  • JG
    Jutta Göller
    09.08.2018 09:34

    Liebe Frau Sperb, liebe Frau Bockholt, vielen Dank für die ausführliche Berichterstattung. Und vielen Dank dafür, dass Sie differenzieren zwischen der Person Anja Wolbergs, der alle menschliche Sympathie gilt, und der Autorin Anja Wolbergs. Da die Autorin ihr Werk einen "Roman" nennt, muss er auch als literarisches Produkt beurteilt werden. Viele Grüße, Jutta Göller.

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