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Gesellschaft

Arm im Alter: „Das ist kein Leben“

Immer mehr alte Menschen sind auf staatliche Unterstützung und private Hilfen angewiesen. Ein Besuch bei der Tafel in Passau.
Von Johanna Wurst

  • Viele Rentner haben im Alter nicht genug zum Leben. Sie sind auf staatliche Unterstützung und private Initiativen angewiesen. Foto: Johanna Wurst

Passau.Milch, Zucker und Eier“, erzählt Heinrich Meier (Name geändert) in den Räumen der Passauer Tafel. Diese Lebensmittel seien besonders begehrt und meistens schnell weg. Man sieht dem ehemaligen Koch mit Sonnenbrille, kurzen grauen Haaren und einer Kombi aus Lederhose und T-Shirt nicht an, dass er zu denjenigen gehört, die Altersarmut am eigenen Leib erfahren. Er weiß jetzt, was es heißt, nicht die große Auswahl beim Einkauf zu haben, sondern auf das Angebot einer Tafel angewiesen zu sein. Eine empfindliche Einschränkung der Lebensqualität aufgrund von Armut.

Die Frage nach der Rente, nach der Absicherung im Alter, ist nicht nur wegen der jüngst wieder aufflackernden Grundrenten-Diskussionen ein Thema. Früher oder später muss sie sich jeder stellen. Und angesichts der demografischen Entwicklung wird die Frage drängender, wie Altersarmut eingedämmt werden kann. Schon jetzt sind rund 13 Prozent der Rentner davon betroffen, Tendenz steigend. Die Tafeln in Bayern sind ganz nah dran an dieser fatalen Entwicklung.

Herr Meier: nicht vermittelbar

Meier ist zwar erst 47, aber schon jetzt auf Hilfen wie die der Tafel angewiesen. Nach drei Burnouts und einem Schlaganfall gelte er beim Jobcenter als nicht mehr vermittelbar und sei nun gezwungenermaßen im Vorruhestand, erzählt er. Über seinen Ruhestand habe er sich früher keine Gedanken gemacht: „Ich wollt‘ arbeiten bis zum Umfallen. Und das wär ja dann a fast so worn.“ Er lacht kurz auf.

So wie ihm geht es vielen Betroffenen. Eine unterbrochene Erwerbsbiografie ist einer der häufigsten Gründe für Altersarmut. Das passiert beileibe nicht nur Müttern, die wegen der Kinder eine Pause einlegen. Sondern auch durch Arbeitslosigkeit oder – meist unfreiwillig – frühes Ausscheiden aus dem Berufsleben.

„Besonders gefährdet sind zudem Menschen ohne Ausbildung und aus dem Niedriglohnsektor. Oder zum Beispiel Leute über 50, wenn der Betrieb Pleite geht. Ein großes Thema ist auch Scheidung oder der Tod eines Partners“, sagt Berthold Müller. Der 70-jährige Ingenieur im Ruhestand hat 2012 selbst einen Tafel-Laden gegründet und erlebt seitdem einen Zuwachs an Kunden im Rentenalter.

Schlange stehen an der Lebensmittelausgabe der Tafel ist für viele Rentner in Deutschland Alltag. Foto: Johanna Wurst
Schlange stehen an der Lebensmittelausgabe der Tafel ist für viele Rentner in Deutschland Alltag. Foto: Johanna Wurst

Auch der Politik sind die alarmierenden Zahlen bewusst. Die Große Koalition streitet nicht ohne Grund seit Monaten über eine Grundrente für alle. Es gibt zwar schon die Grundsicherung, die in Bayern über 41 000 Frauen und etwa 30 000 Männer in Anspruch nehmen. Aber sie ist für viele nicht ausreichend. Das Problem: Rente und Grundsicherung werden aktuell so miteinander verrechnet, dass der Betroffene im Falle einer Rentenerhöhung nicht davon profitiert. Ob die geplante Grundrente überhaupt denen helfen würde, die sie am nötigsten bräuchten, ist fraglich. Die Grundrente ist gedacht für Geringverdiener, die mindestens 35 Jahre lang Beiträge eingezahlt haben. Oft kommen aber gerade betroffene Frauen nicht auf so viele Beitragsjahre.

Ein schwieriges Thema ist die Grundrente auch für Berthold Müller: „Ich weiß nur eins: Wenn jemand arbeitet, müsste er eigentlich mit seiner Hände Arbeit nachher auch als Rentner überleben können. Arbeit sollte schon zu Arbeitszeiten angemessen belohnt werden. Und diese Schweinerei mit Niedriglöhnen gehört abgeschafft!“

Babyboomer wollen früher in Rente

Während viele Alte am Ende ihres Berufslebens häufig genug zu kämpfen haben, ist bei den ein paar Jahre Jüngeren ein neues Phänomen zu beobachten: Die Babyboomer-Generation will möglichst früh in den Ruhestand, ohne das gesetzliche Renteneintrittsalter abzuwarten. Nur jeder Zehnte aus dieser Altersgruppe kann sich laut Medienberichten vorstellen, bis zum vorgesehenen Eintrittsalter zu arbeiten. Machen sie ernst, könnte das für jüngere Generationen zu einem großen Problem werden. Denn wenn die Jahrgänge 1955 bis 1969 erst einmal in Rente sind, fallen all die geburtenstarken Erwerbsjahrgänge weg, die bisher zur Stützung des Rentensystems beitrugen.

Wer ist arm?

  • Die Schwelle:

    Die statistischen Ämter des Bundes und der Länder setzen eine sogenannte Armutsgefährdungsschwelle fest. Danach liegt diese bei „60 Prozent des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung“. Das heißt: Wenn man weniger als 60 Prozent des mittleren Pro-Kopf-Einkommens zur Verfügung hat, wird man als einkommensarm eingestuft.

  • In Deutschland:

    Bundesweit liegt die Armutsgefährdungsschwelle nach aktuellster Angabe (2017) bei 999 Euro Haushaltsnettoeinkommen für einen Single-Haushalt.

  • In Bayern:

    Im Freistaat liegt die Armutsgefährdungsschwelle im selben Jahr bei 1074 Euro. Unterschiedliche Schwellen je nach Bundesland entstehen zum Beispiel durch verschieden hohe Mietpreise und Lebenshaltungskosten je nach Region.

Die Geburtenraten haben seit den Babyboomer-Jahren abgenommen. In Zukunft werden immer weniger Erwerbstätige die Rentenkasse für immer älter werdende Rentnergenerationen füllen – und vermutlich selbst einmal länger arbeiten müssen. Auch die Grundrente würde zunächst von denen bezahlt, die sie später einmal vielleicht selbst benötigen. Ist dieses Dilemma den jungen Berufstätigen nicht bewusst? Ein großer Aufschrei bleibt bislang aus.

Sogar von Altersarmut Betroffene haben Zweifel, dass die Grundrente wirklich etwas verändern würde. Und sie können Bedenken der nachfolgenden Generationen verstehen. „Ich hab mal durchgerechnet: Jeder, der jetzt in jüngeren Jahren unter 2500 Euro verdient, ist einmal von der Altersarmut betroffen. Das muss man sich mal vorstellen. Und man verdient vielleicht 1600, wenn man Glück hat, da bleibt nix.“ Empörung schwingt in Meiers Stimme mit, die Sonnenbrille hat er längst abgenommen.

Viele Ruheständler haben trotz Rentenbezugs nicht genug zum Leben. Foto: Johanna Wurst
Viele Ruheständler haben trotz Rentenbezugs nicht genug zum Leben. Foto: Johanna Wurst

Auch Rudolf S., ein ehemaliger Lkw-Mechaniker, meint nur: „Es wird immer schlimmer. Ich hab’s ja grad noch so hingekriegt, dass ich hab‘, was ich brauch‘. Aber ob die Jüngeren das noch hinkriegen können, weiß ich nicht.“ Der ältere Herr mit Anglerhut und beschlagener Brille ist schon seit rund vier Jahren Tafel-Kunde.

Die schlimmste Hölle: Einsamkeit

Während man an diesem hochsommerlichen Tag auch schon in luftiger Kleidung schwitzt, trägt Herr Meier ungewöhnliche Beinkleider: „Ich hab meine Lederhosen an, weil ich mir keine Bermuda für 20 Euro kauf’“ sagt er und zeigt schmunzelnd unter den Tisch.

Doch das ist nicht wirklich schlimm. Das größte Problem sei für ihn nicht, dass jeder kleine alltägliche Luxus weggefallen ist. Schwieriger ist die soziale Isolation. „Die schlimmste Hölle ist die Einsamkeit“, sagt Meier. „Man kann das gar nicht so beschreiben. Im Endeffekt ist das kein Leben, sondern ein Zustand. Man kann an der Gesellschaft halt gar nimmer teilhaben. Mal einen Kaffee trinken – sowas geht gar nimmer.“

Auf seine Zukunftsaussichten im Alter angesprochen, denkt Schneider schon das Ende mit: seine Beisetzung. „Des ist teuer sowas. Jetzt brauch ich des Geld nur noch zammensparn für mein Begräbnis.“ 3000 Euro soll die Beerdigung kosten. Neben anderen Anonymen auf einem Urnenfeld.

Dieser Text von Johanna Wurst ist im Rahmen des von MZ-Newsroomleiterin Claudia Bockholt geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus“ an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier: www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstatt

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