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Auch Geschiedene bleiben Eltern

Wie wirkt sich die Trennung von Mutter und Vater auf das Verhalten der die Kinder aus? Ludwig Haas, Lehrer und Erziehungsberater, gibt Tipps.

Die Eltern streiten – das Kind wird Zeuge der Eheprobleme. Trennen sich Paare, leiden die Kinder.Foto: Fotolia

Regensburg. Heute wird jede dritte Ehe geschieden, 2010 waren es 39 Prozent oder 187.000 Ehescheidungen. 33 Prozent im Osten, 41 Prozent im Westen. Die meisten im vierten Jahr, bis ins verflixte siebte Jahr schafften es viele nicht mehr. Gut die Hälfte der Scheidungen betrifft Paare mit Kindern unter 18 Jahren. In 53 Prozent der Fälle reicht die Frau die Scheidung ein.

Warum so viele Scheidungen? „Früher ging es doch auch gut, man muss sich nur zusammenraufen“ oder „als die Frau noch zu Hause war, waren auch die Ehen noch intakt“, weisen auf einige Gründe und den „Verfall der Institution Ehe“ hin, wie Soziologen es ausdrücken. Früher blieben die Paare auf Gedeih und Verderben beisammen, die Frauen fügten sich in ihr Schicksal, da sie vom Mann versorgungsmäßig abhängig waren. Heute ist die Frau erwerbstätig, damit unabhängiger, emanzipierter, nimmt ihr Leben selbst in die Hand und zieht den Schlussstrich unter eine Ehe. Viele Ehen scheitern auch an der hohen Erwartungshaltung, was Glück und Zufriedenheit in der Ehe betrifft. Sie erwarten sich zu viel, sind enttäuscht, wenn das Erwartete nicht eintritt.

Die heile Welt ist zerstört

Außereheliche Beziehungen werden zum größten Belastungsfaktor. Mit der freizügigeren Liebe und den Verhütungsmöglichkeiten werden sich die Partner schneller untreu. Aber wo der Partner fremd geht, lauert die Scheidung schon an der Hintertür. Interessant ist, dass für die einen Hausbau, Geburt von Kindern, Urlaub oder gemeinsam verbrachte Zeit ehefördernd, für die anderen ehezerstörend sind. Bei wenig belastbaren Paaren führen Stresssituationen oft direkt in die Scheidung.

Natürlich hat eine Scheidung Auswirkungen auf die Kinder. Diese nehmen Ehe und Familie als eine Art heile Welt wahr – mit einer untrennbaren Einheit Vater, Mutter und Kind. Diese Welt bricht nun für Kinder jeder Altersstufe zusammen. Sicherheit, Nestwärme, Geborgenheit fehlen plötzlich. Sie haben Probleme ihr Leben neu auszurichten. Für sie „stürzt das Klettergerüst der Familienstruktur, das ihnen den langen Aufstieg vom Kind zum Erwachsenen ermöglichen soll“ ein, schreiben Judith Wallerstein und Sandra Blakeslee in der bisher umfassendsten Studie über die Scheidungsfolgen. Diese hängen hauptsächlich vom Entwicklungsstand, Alter des Kindes und Verhalten der Eltern ab. Insgeheim hoffen die meisten Scheidungskinder, dass Vater und Mutter wieder zusammenziehen. Auch die Eltern sind oft „von der Rolle“, befinden sich in einem seelischen Ausnahmezustand. Sie merken oft in ihrem Rosenkrieg und der vorrangigen Beschäftigung mit ihren eigenen Problemen gar nicht, wie die Kinder unter dem Trennungsgeschehen leiden, sie selbst aber keine verlässlichen Stützen sind.

Kinder leiden nicht nur unter dem Hickhack vor der Scheidung, sondern haben auch Angst vor den Konsequenzen. Oft fühlen sie sich schuldig am Ehedrama. Teilweise haben Eltern diese Schuldgefühle mit verursacht, da sie ihre Konflikte vor dem Kind austrugen. Kinder dazu veranlassen, Partei zu ergreifen. Eltern beziehen sie oft als versteckte Waffe auf subtile Art und Weise in den Ehekrieg mit ein.

Die Kurz -und Langzeitfolgen sind vielfältig. Im Grundschulalter ist es die Angst, verlassen zu werden. Bettnässen, Schlafstörungen, Daumenlutschen oder übergroße Anhänglichkeit sind festzustellen.

Oft sind Kinder traurig, weinerlich, teilweise aggressiv oder kapseln sich ab. In allen Altersstufen geht es mit den schulischen Leistungen bergab, es besteht auch eine Neigung zu Depressionen. Es treten Loyalitätskonflikte auf, sie sind zornig und wütend auf die ihrer Meinung nach Schuldigen. Oder sie überfordern sich, wenn sie zu viel Verantwortung übernehmen, indem sie in die Rolle von Papa oder Mama schlüpfen. Aus Missachtung der Eltern lassen sie es zuweilen am nötigen Respekt ihnen gegenüber fehlen.

Angst, den Fehler zu wiederholen

Die Zeit heilt nicht immer die Wunden. Als Erwachsene haben viele Angst, den Fehler der Eltern zu wiederholen, denn ihr Grundvertrauen in Ehe und Familie ist erschüttert. Sie sind verunsichert, haben großes Misstrauen gegenüber dem Partner oder der eigenen Binde- und Liebesfähigkeit. Alle haben als spätere Erwachsene gemeinsam, „dass sie sehr konservative Moralvorstellungen entwickeln, die Ehe zwar für erstrebenswert erachten, aber vor ihr zurückschrecken, wahre Liebe erwarten, aber fürchten, betrogen zu werden“, so das Fazit der Studie.

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