mz_logo

Bayern
Samstag, 21. April 2018 28° 2

Fund

Auf den Spuren der Neandertaler

Nach Jahrzehnten ist sich Geoarchäologe Alexander Binsteiner sicher: Bei Riedenburg betrieben Neandertaler eine Mine.
von Christine Straßer

Betrieben Neandertaler im Altmühltal eine Mine? Der Geoarchäologe Alexander Binsteiner ist sich sicher, dass das stimmt. Foto: Federico Gambarini/dpa

Baiersdorf.Der graue Hornstein ist nicht größer als 6,4 Zentimeter. Der Abschlag hat eine messerscharfe Kante. Er ist sehr flach und liegt dabei gut in der Hand. Alexander Binsteiner hält diesen Stein und den dazu passenden Gesteinskern für nichts weniger als eine archäologische Sensation.

Vor fast 40 Jahren hat er ihn auf einem Acker in Baiersdorf bei Riedenburg gefunden. Rund 1000 von Menschenhand bearbeitete Steine sammelte Binsteiner damals an der Hornsteinlagerstätte in Baiersdorf für seine Diplomarbeit. Der Geoarchäologe untersuchte diese Artefakte, entschlüsselte ihre Geschichte. Er fragte sich, wer die Hornsteine, die man auch unter der Bezeichnung Feuersteine kennt, benutzt hat und wozu. Er vollzog nach, wie sie bearbeitet wurden und er versucht herauszulesen, wie sie an diesen Ort kamen.

Fortwährender Griff in die Kiste

Binsteiners Erkenntnis: Bei den allermeisten Artefakten handelt es sich um Platten, die in der Jungsteinzeit abgebaut wurden. Die Altheimer und die darauf folgende Chamer Kultur stellten daraus großformatige Erntesicheln und Pfeilspitzen her. Aber ein kleiner Teil des Baiersdorfer Fundguts – Es geht um etwa fünf Prozent – passte nicht in dieses Erklärungsschema. Binsteiner packte diese Steine damals in eine Kiste. Ihm war klar, dass er sie aufheben musste, um irgendwann die besondere Geschichte, die diese Steine geformt haben, erzählen zu können.

Auf einem Acker bei Baiersdorf hat Alexander Binsteiner die Steine vor 40 Jahren aufgesammelt. Unsere Karte zeigt den Fundort:

Sein gesamtes Forscherleben lang schleppte der Geoarchäologe diese Kiste mit sich herum. Immer wieder griff er in die Kiste, um sich die Steine nochmals anzusehen und die Theorie, die er im Kopf hatte, gedanklich abzuklopfen. Jetzt, nach vier Jahrzehnten des Buddelns im Erdreich, des Erlernens von Bearbeitungstechniken und der Materialstudien im Labor, ist sich Binsteiner sicher, dass er seine Theorie belegen kann. Er ist überzeugt, dass Neandertaler vor rund 50 000 Jahren im Altmühltal Hornsteine abbauten. In Baiersdorf betrieben sie dazu eine Mine. Wobei Mine vielleicht ein großes Wort ist, räumt Binsteiner ein. Aber zumindest sei den Verwandten des heutigen Menschen klar gewesen, dass sie in dem lehmigen Boden in Baiersdorf Hornsteine finden konnten, ist er überzeugt.

1962 fand ein Sammler in der Klausenhöhle bei Essing ein Schlüsselbeinfragment, das möglicherweise einem Neandertaler zuzuschreiben ist. Foto: Forster/MZ-Archiv

Dass Neandertaler im Altmühltal lebten, ist nicht neu. In der in Neuessing gelegenen Sesselfelsgrotte wurden schon vor Jahrzehnten menschliche Fossilien entdeckt. In der Zeit von 1964 bis 1981 fanden dort Grabungen statt. 2006 erschien eine Veröffentlichung zu den menschlichen Überresten, die in der Höhle gesichert werden konnten. Es handelt sich um Milchbackenzähne von zwei jugendlichen Neandertalern und um die Knochen eines Fötus, vermutlich von einem Kind, das tot geboren wurde oder kurz nach seiner zu frühen Geburt starb, wie Thomas Rathgeber in seiner Publikation zu den fossilen Menschenresten in der Sesselfelsgrotte schreibt.

Binsteiner schildert, dass diese Neandertaler neben anderen Rohstoffen auch die Baiersdorfer Hornsteinplatten zur Herstellung ihrer Werkzeuge verwendeten. Baiersdorf und die Grotte liegen in unmittelbarer Nähe. Der Geoarchäologe Binsteiner wartet deshalb nun mit seiner Theorie auf, dass die Neandertaler Hornsteine nicht einfach nur nach dem Zufallsprinzip aufhoben, wenn sie welche fanden. Er ist überzeugt, dass sie gezielt nach Baiersdorf kamen, um dort Hornsteine abzubauen. Er hält es sogar für möglich, dass die Neandertaler aus Neuessing nicht die einzigen Betreiber der Mine waren, sondern dass auch weiter entfernt wohnende Neandertaler von der Lagerstätte wussten und sie nutzten.

Alexander Binsteiner ist eine renommierter Geoarchäologe. Foto: MZ-Archiv/Weigert

Binsteiner ist in der wissenschaftlichen Welt kein Unbekannter. Schon als Student leistete er Pionierarbeit, weil er für seine Diplomarbeit die Grenzen zwischen Geologie und Archäologie überschritt und weil er elektrische Untersuchungen durchführte, um den Untergrund zu erkunden. „Das war damals der neueste Schrei“, sagt Binsteiner. Danach war er viele Jahre Grabungsleiter im Feuersteinbergwerk von Arnhofen nahe Abensberg. Von 1993 bis 1996 war er Chefgeologe im Ötzi-Projekt an der Universität Innsbruck. Weitere sehr bekannte Projekte Binsteiners sind der Untergang der Mondseekultur, die Venus von Willendorf und die Erforschung der Steinzeit im Großraum Linz mit dem nahegelegene Donau-Enns-Tal, das Fundstellen des Homo erectus, der Neandertaler und des frühen Homo sapiens birgt.

Neandertaler in Baiersdorf

  • Der Fund:

    Werkzeuge aus Jurahornstein, die in Baiersdorf gefunden wurden, liefern laut Alexander Binsteiner den Beweis für eine der ältesten Feuersteinminen Europas. Im Fundgut, das Binsteiner bereits während seine Studienzeit sammelte, sind neben Faustkeilen auch Abschläge und Gesteinskerne enthalten. Aufgrund der Bearbeitung ist sich Binsteiner sicher, dass Neandertaler am Werk waren.

  • Der Finder:

    Alexander Binsteiner ist ein renommierter Geoarchäologe. In seiner Diplomarbeit untersuchte er die Hornsteinlagerstätte von Baiersdorf. Danach war er viele Jahre örtlicher Grabungsleiter bei den Ausgrabungen des Feuersteinbergwerkes von Arnhofen nahe Abensberg. Von 1993 bis 1996 war er Chefgeologe im Ötzi-Projekt an der Universität Innsbruck.

Die Hände blutig geschlagen

Ein Abschlag und Gesteinskern – Die Artefakte rechnet Binsteiner den Neandertalern zu. Foto: Binsteiner

Wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse gewann Binsteiner auch, indem er sich selbst die Hände blutig schlug. Er brachte sich beispielsweise die Levallois-Technik bei. Diese ausgefeilte Methode zur Herstellung von Klingen und Abschlägen gilt als die typische Abschlagtechnik der Neandertaler bei der Bearbeitung von Hornstein. Benannt wurde sie nach Funden in dem Pariser Vorort Levallois-Perret. Merkmal der Technik: Der Kernstein wird aufwendig präpariert, bevor ein Abschlag durch einen gezielten Schlag von der Seite hergestellt wird. Der Gesteinskern wird dabei regelrecht abrasiert. Wer die Technik beherrscht, kann mit nur einem Schlag fertige Geräte herstellen, die messerscharfe Kanten haben. Fell, Holz oder Knochen können damit präzise bearbeitet werden.

Wenn Binsteiner einen Stein aus seiner Kiste aus Baiersdorf in die Hand nimmt, ist er sicher, dass er heute nachweisen kann, dass ein Neandertaler, dieses Werkzeug hergestellt hat. Vermutlich ist ihm auf dem Feld in der Jurahöhe aber sogar noch ein besserer Abschlag gelungen. So erklärt sich der Wissenschaftler, warum der Neandertaler diesen flachen Hornstein samt Gesteinskern liegenließ. Ein Glück für Binsteiner. Denn was für den Neandertaler wahrscheinlich Abfall war, wurde für ihn zum wertvollen Fund.

Mehr Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht