MyMz

Gesellschaft

Auf Wanderschaft – mit Musik

Das Ensemble „Unterwegs“ spielt fast überall – ohne Geld dafür zu nehmen. Denn darum geht es bei seinem Kunstprojekt.
Von Melanie Bäumel-Schachtner

Schwer bepackt mit Instrumenten zieht die Gruppe „Unterwegs“ durchs Land. Foto: Melanie Bäumel-Schachtner
Schwer bepackt mit Instrumenten zieht die Gruppe „Unterwegs“ durchs Land. Foto: Melanie Bäumel-Schachtner

Dingolfing.Die Musiker der Gruppe „Unterwegs“ sind ein ganz besonderes Ensemble. Wenn sie auf Tour gehen, dann haben sie keinen einzigen Cent in der Tasche. Seit zehn Jahren organisieren die vier jungen Frauen miteinander regelmäßig auf Konzertreise. Auf Schusters Rappen, ohne Geld, ohne Handy, im Gepäck nur das Nötigste und die Musikinstrumente.

Sopranistin Barbara Schachtner aus Dornwang (Lkr. Dingolfing-Landau) kam vor zehn Jahren auf die Idee, einige Tage lang zusammen übers Land zu wandern und Musik zu den Menschen zu bringen. Kost und Logis erspielen sich die Damen dabei mit ihren Liedern: Übernachtet und gegessen wird als Gegenleistung zu kleinen, spontanen Konzerten. Auch nach Regensburg sind die Musikerinnen schon gewandert.

Die Regel wird nicht gebrochen

Es ist gewollt, dass die vier Musikerinnen für ihre Unterkunft und Verpflegung nichts zahlen und ein wichtiger Bestandteil des Kunstprojektes. „So kommen wir mit den Menschen ins Gespräch“, erklärt Barbara Schachtner. „Und es entstehen wunderbare Begegnungen.“

Das Ensemble „Unterwegs“ spielt an allen möglichen und unmöglichen Orten, um sich Kost und Logis zu verdienen und altes Liedgut zu den Menschen zu bringen. Foto: Melanie Bäumel-Schachtner
Das Ensemble „Unterwegs“ spielt an allen möglichen und unmöglichen Orten, um sich Kost und Logis zu verdienen und altes Liedgut zu den Menschen zu bringen. Foto: Melanie Bäumel-Schachtner

Um ihre potenziellen Gastgeber kennenzulernen, aber auch, um die Bürger zu erfreuen, stellen sich die Künstlerinnen gerne auf Markt- und Stadtplätzen auf und machen spontan Musik, wo immer es sich anbietet. Sie spielen für eine Brotzeit im Gasthaus und treten auf Wunsch in Seniorenheimen auf, um die Augen der älteren Menschen zum Strahlen zu bringen. Mit im Boot sind neben der Sopranistin mit Wahlheimat Köln Barbara Schachtner auch Annette Walther (Violine), Friederike Imhorst (Viola) und Anna Betzl-Reitmeier (Violoncello). Auch das schwere, sperrige Cello wird auf Wanderschaft fleißig mitgetragen – auf dem Rücken.

Viele Überraschungen

In zehn Jahren haben die Musiker eine Menge erlebt. Vieles ist sehr überraschend, denn fest steht nur das Ziel, nicht das Wie, dorthin zu gelangen. Als die Musikertruppe unterwegs von Essen nach Köln war, machte sie eines Morgens etwas entkräftet Pause, ohne Kaffee und Frühstück. Anna Betzl-Reitmeier nahm das Cello vom Rücken und setzte sich auf den Boden, da kam ein Einheimischer des Wegs und fragte, ob alles in Ordnung sei.

„Es entstehen wunderbare Begegnungen.“

Barbara Schachtner, Sängerin

Die Damen und er kamen ins Gespräch, er radelte heim und kehrte kurz darauf mit Kaffee und belegten Broten wieder – das Frühstück war gerettet, ein paar Kölsch-Lektionen für das einheimische Liedgut, das sie ihm sangen, waren inklusive. Später erspielten sich die Künstlerinnen die Fährüberfahrt nach Köln. Der Kapitän wollte sie gratis nicht mitnehmen, aber die Regeln lauten, dass kein Geld im Spiel ist. Doch da stand ein Großvater mit seinem Enkel am Bootssteg, so begeistert, als die Musikerinnen sich zum spontanen Konzert versammelten, dass er ihnen die Überfahrt spendierte und selbst mit übersetzte, um in den musikalischen Genuss zu kommen – „obwohl sein Ziel eigentlich ein ganz anderes gewesen wäre“, erinnert sich Barbara Schachtner schmunzelnd.

Am Ende stehen die Geschichten

Bisher hat es immer funktioniert, sich ohne Geld durchzuschlagen. Auch, wenn’s manchmal schwierig war: Untergekommen und gegessen haben sie noch immer. Auf einer Tour konnte die Gruppe wegen Dauerregens nicht spielen und so auch keine Kontakte knüpfen zu Menschen, die die Musikerinnen aufgenommen hätten über Nacht. Es wurde kälter, dunkler und immer nasser, und keine Unterkunft in Sicht.

„Die Lieder, die wir im Gepäck haben, sind vornehmlich deutsches Kunst- und Volkslied und Lieder aus den Regionen, die wir durchwandern.“

Barbara Schachtner, Sängerin

Sie klingelten an verschiedenen Türen, blitzten wie Maria und Josef bei der Herbergssuche aber überall ab. „Da sind wir in unserer Not zum Klinikum gegangen, und der Pförtner ließ uns ein und ließ uns in der Cafeteria übernachten. Leider kamen auch nachts ständig Mitarbeiter, die mit einem lauten Knall Getränke aus dem Automaten zogen, aber wir hatten ein Dach über den Kopf“, erinnert sich Barbara Schachtner lachend zurück.

„Die Lieder, die wir im Gepäck haben, sind vornehmlich deutsches Kunst- und Volkslied und Lieder aus den Regionen, die wir durchwandern“, erklärt die Sopranistin aus Niederbayern. Mit dabei sind nur ein paar Klamotten, Schlafsäcke, Losmatten und die Noten. Am Reiseziel wartet ein organisiertes Abschlusskonzert. Dabei erzählen die Profimusikerinnen von den Begebenheiten ihrer Kunstprojektreisen. „Durch diese für das Ensemble Unterwegs typische Konzertform entsteht eine für Klassik-Kammermusikkonzerte ungewohnt lockere Atmosphäre“, erklärt Barbara Schachtner.

Weitere Meldungen aus Bayern finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht