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Justiz

Baumer-Verlobter entschuldigt sich

Er räumt den sexuellen Missbrauch und die heimliche Medikamentengabe ein. Zu seinem Schutz verlas der Anwalt die Aussage.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Anwalt Haizmann mit seinem Mandanten im Gerichtssaal. Foto: Lex
Anwalt Haizmann mit seinem Mandanten im Gerichtssaal. Foto: Lex

Regensburg.Im Gerichtssaal 104 am Landgericht Regensburg sitzt am Dienstag in der letzten Reihe im Zuschauerraum die Ermittlungsgruppe „Maria“ und hört aufmerksam zu, was der Angeklagte zu sagen hat. Zweimal erhebt der 32-jährige Krankenpfleger seine Stimme und schaut den beiden Opfern in die Augen. „Es war falsch, ein riesen Fehler“, sagt er zu dem 23-jährigen Mann, den er mehrfach sexuell missbraucht und dabei fotografiert und gefilmt hat. Und zu der jungen Frau, der er, wie er einräumt, das Medikament Tavor in den Tee gegeben hat: „Ich möchte mich bei dir entschuldigen.“ Ansonsten lässt der ehemalige Verlobte der getöteten Maria Baumer seine beiden Anwälte sprechen. Denn jedes Wort, so kritisiert sein Anwalt Michael Haizmann nach der Verhandlung, könnte gegen seinen Mandanten, der im Fall Baumer als Tatverdächtiger gilt, verwendet werden.

Ein Opfer stimmt Vorschlag nicht zu

Die Entschuldigungen und das Schuldeingeständnis werden – sofern sich im Rahmen der Beweisaufnahme keine neuen Erkenntnisse mehr ergeben – zu einem milden Urteil führen. Eine Jugendstrafe von eineinhalb bis zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt sowie die Zahlung von Schmerzensgeld in Höhe von 5000 Euro für den mehrfach missbrauchten Domspatzen bzw. jeweils 2000 Euro für die beiden weiteren Opfer hält die Jugendkammer am Landgericht unter Vorsitz von Richter Carl Pfeiffer für angemessen. Die Staatsanwaltschaft will diesem Verständigungsvorschlag zustimmen, ebenfalls die beiden Anwälte der Domspatzen. Die junge Frau, die der Krankenpfleger als Patientin im Bezirksklinikum Regensburg kennengelernt hatte, stimmt nicht zu, wie ihr Anwalt Stephan Meier erklärte. Sie sei nicht käuflich, sagte sie. Für sie sei es aber sehr wichtig gewesen, dass der Angeklagte sich bei ihr entschuldigt habe. „Ob ich sie annehmen kann, weiß ich nicht. Aber es war gut, sie zu hören.“

Zuvor hatten die beiden Verteidiger im Auftrag ihres Mandanten eine Erklärung verlesen, in der er die Taten weitestgehend einräumte. So gibt er zu, dass er einen Jungen, den er im Domspatzen-Gymnasium kennengelernt hatte, zwischen 2006 und 2011 mehrfach sexuell missbrauchte. Dabei kam es auch zum Oralverkehr als der Schüler 13 Jahre alt war. Zudem filmte und fotografierte der Angeklagte Berührungen und Masturbationsbewegungen, die er an dem schlafenden Jungen durchführte.

„Es ist halt passiert“

Im Zeugenstand sagte der inzwischen 23-Jährige, dass er die Übergriffe verdrängt oder im Schlaf gar nicht mitbekommen habe. Er sei von den Aufnahmen, die ihm die Polizei nach einer Hausdurchsuchung bei dem Angeklagten zeigte, völlig überrascht worden. Seitdem habe er Schwierigkeiten Menschen zu vertrauen und insbesondere Angst davor, persönliche Daten von sich preiszugeben. Psychisch habe er die Übergriffe aber gut verarbeiten können. Haizmann nannte als Motiv Gefühle seines Mandanten für den Schüler. „Er hat sich sehr zu ihm hingezogen gefühlt.“ Die Frage nach dem Warum sei schwer zu beantworten. „Es ist halt passiert“, sagte Haizmann und löste damit ein Raunen im Saal aus. In seiner persönlichen Entschuldigung versicherte der Angeklagte dem Opfer, dass er die Fotos und Videodateien nicht an Dritte weitergegeben habe. „Außer mir und dir, der Polizei und den Verfahrensbeteiligten hat das nie jemand gesehen.“

Die Studentin, die den Angeklagten während der Behandlung ihrer Depressionen am Bezirksklinikum kennenlernte, sagte dem Gericht, dass sie bis heute in einer schlechten psychischen Verfassung sei. Sie hatte nach einer Vergewaltigung gerade zurück ins Leben gefunden und dabei ein Vertrauensverhältnis zu dem Krankenpfleger aufgebaut. An einer Beziehung sei sie aber nicht interessiert gewesen. Doch der 32-Jährige bombardierte sie mit Nachrichten, was sein Anwalt einräumte. „Er hat sich in sie verliebt und ihr nachgestellt, weil er sich Hoffnungen machte, dass sie seine Liebe erwidert.“ Dass der Angeklagte plante, die junge Frau im April 2014 mit dem Medikament Tavor sexuell gefügig zu machen, ließ sich nicht beweisen. Die Verteidiger erklärten, dass er lediglich eine „medizinische Dosis“ in den Tee mischte, um, so wörtlich, „dafür zu sorgen, dass sie an diesem Abend nicht in eine depressive Phase abgleitet“. Ein Gutachter bestätigte, dass der narkoseähnliche Schlaf, in den die Frau fiel, durch andere, medizinisch verordnete Medikamente mitausgelöst worden sein könnte. „Damit konnte der Angeklagte nicht rechnen.“ Eindeutige DNA-Belege für einen sexuellen Übergriff gibt es nicht. DNA des Angeklagten im Slip der Frau könnte auch von der 23-Jährigen selbst, etwa beim Toilettengang, übertragen worden sein, sagte eine Rechtsbiologin vor Gericht.

Am 15. Dezember wird das dritte Opfer vor Gericht aussagen. Danach wird das Urteil fallen.

Alle Nachrichten zum Fall, der aktuell am Landgericht verhandelt wird, und zum Fall Maria Baumer finden Sie hier.

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