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Bayerns erster grüner Bürgermeister


von Christine Strasser, MZ

  • Mit Hund Luca auf der Coach: Franz Petschel genießt das Rentnerdasein.Einer Partei gehört er nicht mehr anFotos: Straßer/MZ-Archiv
  • So porträtierte die MZ 1991 den ersten grünen Bürgermeister Bayerns.
  • Franz Petschel hebt die Hand, als er vereidigt wird.
  • Die MZ verkündet in der Ausgabe vom 29. April 1991 die Sensation: Franz Petschel wird in Hausen Bürgermeister.

Die Straße zwischen Franz Petschels Wohnhaus und der Dorfkirche in Großmuß (Landkreis Kelheim) verläuft gerade. Es sind vielleicht 300 Meter. Aber im Frühjahr 1991 schien dieses kurze Stück Weg trotzdem unüberwindbar. Am 28. April hatten sich die Bürger der Gemeinde Hausen, zu der auch die Kommunen Großmuß und Herrnwahlthann gehören, für eine „Sensation“ ausgesprochen. So stand es in der Schlagzeile der MZ. Bei der Bürgermeisterwahl entfielen von 976 gültigen Stimmen 523 Stimmen auf den grünen Kandidaten Franz Petschel und nur 453 auf Georg Biberger, seinen Kontrahenten von der CSU. Petschel war damit der erste grüne Rathauschef in Bayern.

Mit diesem Husarenstück schaffte es Petschel sogar in die Lehrbücher. In dem Sozialkundebuch für die 10. Klasse vom Bayerischen Schulbuch Verlag aus dem Jahr 1993 werden die Reaktionen der beiden Wahlgegner in Hausen zitiert. „Ich versteh’ die Welt nicht mehr“, ärgert sich der 63-jährige Landwirt und CSU-Mann Georg Biberger, heißt es in dem Schulbuch. „Die haben mich nicht für voll genommen und den Wahlkampf mit links gemacht“, ist als Petschels Statement vom Wahlabend nachzulesen.

„Zieh einen Anzug an und komm!“

Petschel war für die Grünen im Kreistag, als er die Idee beiläufig aussprach, in Hausen als Bürgermeister zu kandidieren. „Dann musst Du es aber richtig machen“, habe seine Frau gesagt, erzählt der inzwischen 67-jährige Petschel an seinem Küchentisch.

Der Schreiner machte Hausbesuche, stellte sich vor und diskutierte mit den Leuten. Das kam an. Am Wahlsonntag erreichte Petschel, der in Kelheim auf einer Reptilien-Ausstellung war, gegen 18.30 Uhr der Anruf des Langquaider Bürgermeisters Josef Bergmann, der damals Wahlleiter war: „Franz, zieh einen Anzug an und komm!“ Der zugereiste Nürnberger, der in Großmuß in einer der ersten Landkommunen in Niederbayern lebte, war Bürgermeister. In der 1700-Seelen-Gemeinde war von einem Tag auf den anderen der Teufel los.

Für den Pfarrer im wörtlichen Sinne. Er störte sich daran, dass Petschel ein Anhänger der spirituellen Lehre des Inders Bhagwan (Sanyassin) ist. In einem Pfarrbrief wetterte der Pfarrer, dass er mit einem Baghwan-Jünger als Bürgermeister nichts zu tun haben wolle. Er rief indirekt zum Boykott der Vereidigung auf.

TV-Teams und Reporter rückten an und befragten die Dörfler. „Für unser katholische Dorf is es a Schand, dass wir so an Mann g’wählt ham“, kommentierte ein altes Mütterchen den Ausgang des jüngsten Urnengangs in der MZ. Ein junger Mann, der gerade von der Schichtarbeit nach Hause kam, stellte sich hingegen voll hinter Petschel. „Der ist super, weil er für unsere Generation was übrig hat.“

Bei Petschel stand in den 14 Tagen nach der Wahl das Telefon nicht mehr still. „Meine Frau musste Termine für die Interviews vergeben“, erzählt Petschel schmunzelnd. Überhaupt hätte er das alles ohne die Unterstützung seiner Frau nicht geschafft.

Vor der Vereidigung spitzte sich die Konfrontation zwischen Petschel und dem Pfarrer zu. Der Geistliche, Vater von acht Kindern und zum Katholizismus konvertiert, ließ eine Anti-Bhagwan-Dokumentation verteilen. Nach der Messe an Christi Himmelfahrt schlug der Pfarrer dann aber doch eine Bekanntmachung ans Schwarze Brett: „Ich werde von Gemeinderäten, die bei der Vereidigung zugegen sind, weder sagen noch auch nur denken, dass sie nicht recht gehandelt hätten.“

Am Abend der Vereidigung drängten sich die Menschen in der Schule in Hausen. Petschel stellte den Antrag, die Vereidigung von der winzigen Gemeindekanzlei in einen größeren Raum zu verlegen. Die CSU-Gemeinderäte schmetterten den Antrag ab. Das Publikum murrte. Petschel streifte die silberweiße Krawatte über sein lila Hemd und es ging los. Georg Biberger, im Wahlkampf Petschel unterlegen, nahm ihm den Amtseid ab – unter den wachsamen Augen des CSU-Landrats Manfred Kreitczick. Kreitczick hatte Petschel im Vorfeld seine Unterstützung zugesichert und das Dienstsiegel zur Sicherheit in der Hosentasche, falls die Gemeinderäte sich quergestellt hätten.

Der Pfarrer beruhigte sich nicht wirklich. Immer wieder lagen Petschel und er im Clinch. Irgendwann hieß es, dass er sich habe versetzen lassen, weiß Petschel noch. Ein jüngerer Pfarrer kam in die Gemeinde. Manches wurde einfacher, aber nicht alles.

Fünf Jahre war Petschel Rathauschef. „Es war eine sehr intensive Zeit“, sagt er. Zum Teil sei sie mit Abstimmungsniederlagen verbunden gewesen, die „mir wehgetan haben“. Er hätte gerne einen Flächennutzungsplan aufgestellt, in dem auch festgelegt wird, welche Flächen liegen gelassen werden. Aber das war nicht zu machen. Auch gegen die Mero-Pipeline hat sich Petschel eingesetzt – und verloren. Dass sich die Gemeinde erfolgreich gegen die Eröffnung einer Deponie durch den Müllzweckverband Ingolstadt gewehrt hat, darüber freut sich Petschel.

Mafia-Jäger in Niederbayern

Durch sein Bürgermeisteramt habe er interessante Persönlichkeiten kennengelernt wie den Dalai Lama und den Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando. Als Petschel sich 1996 wieder zur Wahl stellte, kam der Mafia-Jäger zu Besuch nach Niederbayern. „Unser Grundstück wurde nach Bomben durchsucht“, erinnert sich Petschel. „Wir wurden ständig bewacht.“ Der Saal im Gasthof Prüglmeier war bei Orlandos Auftritt gerammelt voll. Auch Kriminalbeamte in Zivil seien unter den Zuhörern und sehr beeindruckt gewesen, fügt Petschel hinzu.

Zur Wiederwahl reichte es trotzdem nicht. Scherzhaft spricht Petschel von einem „Militärputsch“, denn sein Nachfolger und dessen Stellvertreter waren beide vorher bei der Bundeswehr. „Aber ich meine das eher humorig“, betont Petschel.

Von der Politik hat sich Petschel entfremdet – oder besser gesagt von den Parteien. Bei den Grünen ist er ausgetreten. Ein Grund: Ihm habe nicht gefallen, was der ehemalige Außenminister Joschka Fischer seiner Partei „aufs Auge gedrückt“ habe. Ein politisch denkender Mensch ist Petschel aber geblieben. Er beschäftigt sich mit Themen wie dem Klimawandel, der Bankenkrise oder dem Umweltschutz. Er züchtet begeistert Tomaten – „die alten Sorten!“, fährt nebenbei Schulbus und geht mit Hund Luca spazieren. Über Ungerechtigkeit ärgert er sich noch immer. Ansonsten genießt er seine Rente.

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