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Tradition

Bayerns legendäre Bösewichte

Hiasl, Kneißl und Co. sind Legenden. Sie wurden als Kriminelle verurteilt, vom Volk gedeckt und als Helden verehrt.
Von Michaela Schabel

Die Moritatentafel zeigt, wie gefährlich Räuber Hiasl von der Obrigkeit eingestuft wurde.  Foto: Katrin Freund
Die Moritatentafel zeigt, wie gefährlich Räuber Hiasl von der Obrigkeit eingestuft wurde. Foto: Katrin Freund

Kissingen.Jahrhundertelang wurde auf der einen Seite gejagt, auf der anderen gewildert. Der Adel züchtete Rotwild über das ökologische Gleichgewicht hinaus, um der Jagdleidenschaft zu frönen, die Bauern hatten das Nachsehen nicht nur wegen des Wildverbisses. Wiesen und Felder wurden durch die Reiter und Hunde zerstört. So ist es kein Wunder, dass sich das Volk freute, wenn einzelne wagten, die Gesetze der Obrigkeit zu brechen, den Mut hatten zu wildern. Doch nicht jeder war ein Sozialrebell, nicht jeder wurde später durch Geschichten und Lieder, Theaterstücke und Filme heroisiert oder bekam wie Hiasl in Kissingen ein eigenes Museum.

Der „Girgl von Schliers“: „Ein stolzer Schütz in seinen schönsten Jahren. Er wurde weggeputzt von dieser Erd“, beginnt ein bayerisches Volkslied und zielt auf die Geschichte von Georg Jennerwein (1848-1877), die sich wie eine schauerromantische Erzählung anhört. Mit zwölf Jahren musste er erleben, wie ein königlicher Jäger seinen Vater beim Wildern erschoss. Als „Girgl von Schliers“ wurde er als wildernden Sozialrebell zwischen Schliersee und Tegernsee bekannt, ein fescher Kerl mit einer Freundin auf der Alm und einer im Wirtshaus, mit 29 Jahren rücklings erschossen, angeblich aus Eifersucht wegen eines Mädchens.

Eine zeitgenössische Darstellung zeigt Georg Jennerwein, der 1877 am Hohenpeissenberg bei Tegernsee erschossen worden war. Foto: DB/dpa
Eine zeitgenössische Darstellung zeigt Georg Jennerwein, der 1877 am Hohenpeissenberg bei Tegernsee erschossen worden war. Foto: DB/dpa

Der bayerische Hiasl war ein ausgebuffter Wilderer

Der bayerische Hiasl: Eine Legende zu Lebzeiten war der bayerische Hiasl, alias Matthias Klostermayr (1739-1771). Der Anführer der „gerechten“ Wildschützen- und Räuberbande im heutigen Schwaben versorgte nicht nur sich, sondern auch die Bauern mit Wild. Als armer Hirtensohn geboren, christlich und arbeitsam erzogen, half er nach dem Tod der Mutter fleißig mit. Wegen seines ausgezeichneten Rufs als Schütze bekam er im Jesuitengut Mergenthau die Stelle eines Jagdgehilfen, später die Jagdaufsicht über Wälder und Gewässer. Als unterhaltsamer Begleiter und Organisator von Lustjagden konnte er durch Trinkgelder sein Knechtsgehalt verdoppeln, wurde aber wegen eines zu frechen Witzes entlassen.

Da er Geld brauchte, die Jagd liebte und für ihn Wild immer Allgemeingut war, begann er zu wildern. Ein Dreivierteljahr im Zuchthaus machte ihm gesellschaftliche Ungerechtigkeit noch bewusster. Er wilderte weiter mit Rückendeckung der Bevölkerung, deren Ernten er durch die Dezimierung des Wilds schonte. Steckbrieflich „tot oder lebendig“ erfolglos gesucht, zeigte die Festnahme in einem Wirtshaus nach einem vierstündigen Kampf mit 300 Mann, Soldaten und Jägern, wie gefährlich er eingestuft wurde. In Dillingen wurde der Hiasl verurteilt, erdrosselt, geköpft und gevierteilt, der Kopf zur Abschreckung aufgespießt. Doch die Nachwelt heroisierte ihn.

Räuber oder Dieb?

  • Unterscheidung:

    Im Gegensatz zum Dieb wendet der Räuber Gewalt an. Räuber gab es zu allen Zeiten. Im alten Ägypten waren es die Grabräuber, in der Antike die Menschenräuber. Im Spätmittelalter degenerierten die Ritter zu üblen Raubrittern. Piraten wie Francis Drake raubten sogar im Auftrag der englischen Krone.

  • Die Struktur der Räuberbanden veränderte sich von der festen Gemeinschaft zu einer losen Gruppierung. Anführer wurde der, dem durch seine Taten der „beste“ Ruf vorauseilte.

  • Deutschland:

    Nach dem Siebenjährigen Krieg und während der Revolutionskriege bildeten sich infolge der sozialen Entwurzelung und der wirtschaftlichen Misere in Deutschland vermehrt Räuberbanden, vor allem im Spessart, am Rhein und in Süddeutschland. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Postkutschenüberfälle und spektakuläre Bankräuber wie „Bonnie und Clyde“ über die Medien berühmt. Handtaschenraub ist in Großstädten heutzutage ein Alltagsphänomen.

„Räuber Kneißl“ ist Berühmteste von allen

Mathias Kneißl: Der berühmteste von allen ist Räuber Mathias Kneißl (1875-1902). Seine Lebensgeschichte wurde vielfach beschrieben, theatralisiert und verfilmt. Er wuchs unter Kriminellen auf. Diebe und Wilderer verkehrten in der Gastwirtschaft seiner Eltern. Als die Eltern pleite waren, klauten sie Altarsilber und wurden verhaftet. Die fünf Kinder begannen, Essen und Geld zu stehlen, zu wildern, in Notwehr zu töten. Mit 18 Jahren kam Mathias Kneißl schon für fast sechs Jahre hinter Gitter. Als Zuchthäusler ohne Heimatrecht fand er danach nur kurzfristig Arbeit. So ging er mit Dolchen und Gewehren bewaffnet auf Raub aus. Steckbrieflich gesucht mit einem für damalige Zeiten sehr hohen Kopfgeld von 1000 Mark verriet seine Cousine sein Versteck. Stolz soll er in der Gerichtsverhandlung verkündet haben: „Ich kann kein Unrecht leiden. Ich kann mich nicht beugen, lieber geh‘ ich selber zugrunde.“ Er wurde geköpft.

Franz Troglauer baute eine oberpfälzer Mafia auf

Franz Troglauer: Ein ganz anderes Kaliber war Franz Troglauer (1754-1801) aus der Oberpfalz. Schon als Jugendlicher ein Dieb und Räuber, wurde er zum Rädelsführer der „Großen Fränkischen Diebes- und Räuberbande“ mit 180 Mitgliedern, die mitunter bis zu 12 000 Gulden erbeutete. Als die Bande aufflog, konnte Troglauer wiederholt fliehen und gründete eine kleine Räuberbande, die in der Oberpfalz und Regensburg ihr Unwesen trieb. Troglauer agierte hochprofessionell mit eigenem Buchdrucker, der falsche Pässe und Dokumente herstellte, mit Wirten als Bandenmitglieder und Hehler und einer eigenen Räubersprache. Die Wilderei diente dem eigenen Überleben, schaffte ihm wahrscheinlich genauso wie die Kircheneinbrüche einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung als Rebell gegen die Obrigkeit, sonst hätte er nicht so lange durchhalten können. Aber auch er endete nach der Verurteilung in Amberg am Galgen. Allerdings blieb er ein Krimineller, avancierte nie zum Volkshelden.

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