mz_logo

Bayern
Mittwoch, 21. Februar 2018 1

Umwelt

Beherzte Makler für die Natur

Seit 40 Jahren kauft der Verein VSL, was an Biotopen in Ostbayern zu retten ist: fast 500 Hektar – fast ohne Eigenmittel.
von Martina Hutzler

  • Vereinstreffen finden beim VSL oft in freier Natur statt – schließlich gilt es, die vielen Biotope zu besuchen. Foto: VSL /Kastl
  • Der „Mittlere Sonnentau“ fängt mit klebrigen Drüsen Insekten. So überlebt er im kargen Moor. Foto: Arne Dedert, dpa

Tirschenreuth.Manches Foto im Vereinsarchiv lässt an Anbetungsrituale in freier Natur denken, tief gebeugt vor Mutter Erde oder so. Tatsächlich nehmen da Mitglieder des VSL oft etwas vor die Linse oder Lupe, was wundersam klingt: Sonnentau, Warzenbeißer oder Neuntöter etwa. Ein Wunder ist freilich vor allem, dass es solch seltene Pflänzchen wie den Sonnentau, Heuschrecken wie den Warzenbeißer und Vögel wie den Neuntöter überhaupt noch gibt.

Ihre Verstecke aufzuspüren, in ausgeräumten Agrarlandschaften und ausufernder Besiedlung: Das ist seit 40 Jahren Ziel des ostbayernweit tätigen Vereins mit umständlichen Namen und einfachem Ziel. Der „Verein zum Schutz wertvoller Landschaftsbestandteile“, kurz VSL, kauft, was es an Biotopen noch gibt und käuflich ist.

Regensburger Altstadt mal zwei

Seit der Gründung Ende 1977 kamen so fast 500 Hektar zusammen, weit verstreut zwischen Tirschenreuth und Regensburg, Neumarkt und Cham. Zusammengenommen entspricht das einer Fläche knapp doppelt so groß wie die Regensburger Altstadt. Vielleicht nicht viel, angesichts von 13 Hektar, die bayernweit täglich zugebaut oder asphaltiert werden. Aber immerhin nicht nur einer, sondern „zumindest viele Tropfen auf dem heißen Stein“, findet Peter Hausbeck, der den Verein seit der Gründung leitet.

Der pensionierte Kemnather Richter und die rund 250 Vereinsmitglieder verstehen unter „wertvollen“ Flächen genau das Gegenteil wie Landwirte, denen es auf ertragreiche Böden und leichte Bewirtschaftbarkeit ankommt. Auf solchen Böden gedeihen wenige Kultur- und Allerweltspflanzen. Artenreichtum ist anderswo zuhause: auf steinigen, kargen Äckern, mageren Wiesen, in Moorflächen, auf brach liegenden Grundstücken.

Nach anfänglichem Misstrauen bei der Vereinsgründung waren Landwirte und andere Grundstückseigner in den vergangenen Jahrzehnten oft froh, dass seltsamer Weise jemand Geld zahlt für genau solche „wertlosen“ Flächen. Die Verkaufsbereitschaft war lange Zeit hoch, schildert Peter Hausbeck – bis die Landwirtschaft immer intensiver, die Biogas-Gewinnung lukrativ und selbst unattraktive Flächen immer begehrter wurden. „Zur Zeit explodieren die Preise“, beobachtet Hausbeck kopfschüttelnd.

Kommentar

„Auch Oasen bringen was!“

Der VSL hat knapp 500 Hektar Biotopflächen – das sind 0,05 Prozent der Oberpfalz. Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Das setzt auch dem VSL Grenzen. Obwohl er in seinen bisher 40 Jahren immerhin Grundstückskäufe für 2,5 Millionen Euro abgewickelt hat! Und das mit gerade mal 20 000 Euro Eigenmitteln, die Kassier Bernhard Frank pro Jahr im Schnitt verbucht. Für den großen Rest sucht und findet man Zuschüsse und Fördertöpfe: Ausgleichsmittel von Landkreisen und der Regierung der Oberpfalz etwa, Zuschüsse von der EU, vom Bayerischen Naturschutzfonds. Und auch vom Amt für Ländliche Entwicklung. Wie ausgerechnet die einstige „Flurbereinigungs-Direktion“, gefürchtet bis verhasst bei Naturschützern? Das höre sich vielleicht widersprüchlich an, so Hausbeck. Aber ja: Mit der Behörde lasse sich heute konstruktiv zusammenarbeiten beim Biotopschutz.

Ideologische Scheuklappen freilich hat der VSL seit der Gründung abgelehnt. Was andere, politisch engagierte Naturschützer mitunter die Nase rümpfen und den Vorwurf erheben ließ, der VSL mache sich zum „Büttel von Naturzerstörern“, sagt Vizevorsitzender Norbert Dirscherl, wenn er etwa auf Ausgleichs- und Ersatzzahlungen von Firmen wie BMW oder der „Mero“ zurückblickt. „Aber ein Projekt wie das BMW-Werk hätten wir sowieso nicht verhindert“ – dann lieber mit den BMW-Euros andernorts retten, was es an Naturschätzen zu retten gibt, so die Vereinsdevise. Zum Beispiel einen großen Laubwald am Scheuchenberg bei Regensburg – ein wahrer Arten-„Hotspot“ – und eines der letzten halbwegs erhaltenen Moorgebiete in der Oberpfalz: das „Prackendorfer/ Kulzer Moos“ nordöstlich von Schwandorf.

Viel Moos fürs Moos

Mit mittlerweile 87 Hektar bildet dieses Hoch- und Niedermoor nicht nur die größte zusammenhängende Biotopfläche des Vereins. Mit einem EU-„Life Natur“-Projekt zog der Verein dafür Ende der 1990er Jahre eine Förderung von fast einer Million D-Mark an Land. Freilich auch einen Berg an Arbeit – die, wie sämtliche Vereinstätigkeit, rein ehrenamtlich geleistet wurde. Im „Moos“ war es mit dem Flächenkauf nicht getan. Es wurde dort deutlich, dass Biotope noch längst nicht gerettet sind, wenn der Staat sie zum „Naturschutzgebiet“ erklärt. Einst der Torfabbau und Mitte des vorigen Jahrhunderts dann die Aufgabe jeglicher Nutzung im unwirtlichen Moos drohten diese artenreiche Sumpflandschaft trocken zu legen. Nach Entbuschungen und ausgeklügelten Maßnahmen zur Wiedervernässung bekommt das Moor seine „nassen Füße“ allmählich zurück; ein teils „auf Stelzen“ angelegter Lehrpfad lässt Naturfreunde das Kulzer Moos erleben, ohne dass scheue Tiere und tritt-empfindliche Pflänzchen allzu sehr Schaden nehmen.

Die notwendigen Arbeiten hier und auf anderen Flächen erledigten die Vereinsmitglieder anfangs noch selbst. Mittlerweile arbeitet der VSL dazu mit Landschaftspflegeverbänden, Maschinenringen und Landwirten zusammen – ideologiefrei.

Weitere Meldungen aus Bayern finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht