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Tourismus

Bergbahnen sorgen für Unruhe

Etliche Seilbahnen in den Alpen werden modernisiert. Umweltschützer fürchten, dass die Natur unter die Räder kommt.
Von Isabella Hafner

Die Nebelhornbahn soll für 40 Millionen Euro ersetzt werden. Umweltschützer warnen vor zu viel Bergbahnprojekten in den Alpen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Die Nebelhornbahn soll für 40 Millionen Euro ersetzt werden. Umweltschützer warnen vor zu viel Bergbahnprojekten in den Alpen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Oberstdorf.Die Seilbahnen und Lifte in den bayerischen Alpen haben meist schon einige Jahrzehnte ihren Dienst getan. Seit einiger Zeit werden viele Bahnen modernisiert, meist sogar komplett ausgetauscht. So ist Ende 2017 an der Zugspitze eine fast 50 Millionen Euro teure Seilbahn in Betrieb gegangen, die mit einer einzigen Stütze den Höhenunterschied von nahezu zwei Kilometern zwischen Tal- und Bergstation überwindet. Auch am Ifen im Kleinwalsertal wurden rund 40 Millionen Euro in die neue Bergbahn-Infrastruktur investiert.

Umweltschützer sehen solche Bauprojekte überhaupt nicht gerne. „Unter dem Credo der Wettbewerbsfähigkeit droht der Naturschutz in den Alpen unter die Räder zu kommen“, warnt der Bund Naturschutz in Bayern (BN). Der Verband verweist auf bergspezifische Probleme wie Muren, Lawinen und Gletscherschmelze, die oft auf eine Störung des empfindlichen Ökosystems zurückzuführen seien.

Prestigeprojekt im Allgäu

Nun stehen auch in Oberstdorf große Bauarbeiten an. Dort soll bis 2022 das Skigebiet Söllereck neue Lifte bekommen. Ein mehr als 40 Jahre alter Schlepper wird durch einen Sechser-Sessellift ersetzt, hinzu kommen zwei neue Vierer-Sessel. Das Prestige-Projekt entsteht gleich nebenan: eine Zehn-Personen-Bahn aufs Nebelhorn. Die 35 Kabinen können künftig 1200 Gäste pro Stunde 1400 Meter weit nach oben bringen, in das mit 2224 Metern höchstgelegene Skigebiet im Allgäu. Das ist doppelt so viel wie bisher, im Schnitt alle drei Sekunden ein Gast. Bisher verkehrten drei Pendelbahnen, in deren Kabinen je 60 Personen Platz fanden – Stehplätze. In Zukunft dürfen die Gäste sitzen. Naturschützer befürchten, dass der Berg von Touristen überrannt wird.

Die neue Zugspitzseilbahn wurde kürzlich bei einem Unfall während einer Routineübung schwer beschädigt. Foto: Matthias Balk/dpa
Die neue Zugspitzseilbahn wurde kürzlich bei einem Unfall während einer Routineübung schwer beschädigt. Foto: Matthias Balk/dpa

Die Betreiber verteidigen das Projekt. „Die bisherige Bahn ist rund 40 Jahre alt und technisch in Ordnung, aber die Leute erwarten mehr Komfort“, begründet Peter Schöttl, Vorstand der Nebelhorn AG, die Investitionen. Die Passagiere wollten sich nicht mehr mit vielen Menschen in eine Kabine quetschen und sich dann noch darüber ärgern, dass das einzige Panorama der Hinterkopf des Nebenmannes sei. „Auch langes Warten soll ein Ende haben. Das war ein Problem zwischen 9.30 Uhr und 12.30 Uhr und abends für die Talfahrten.“ Die Kabinen seien künftig zwar kleiner, aber träfen kontinuierlich an den Stationen ein. Etwa 40 Millionen Euro soll das Projekt kosten.

Selbst Berlin hat seine Seilbahn

  • Zahlen:

    In Deutschland haben nicht nur die Bayern und Schwaben ihre Seilbahnen – wenngleich der Freistaat entsprechend seiner Gebirgskulisse hier führend ist. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Seilbahnen gibt es in Bayern 124 Seilbahnen und 661 Schlepplifte, in Baden-Württemberg sind es immerhin auch 18 Seilbahnen und 322 Schlepplifte. Selbst Nordrhein-Westfalen hat 21 Bahnen und 116 Lifte.

  • Fakten:

    Letztlich gibt es solche Anlagen in fast allen anderen Bundesländern, manche laufen aber nur im Sommer. Selbst das topographisch platte Berlin hat 2017 zur Internationalen Gartenausstellung seine eigene Seilbahn bekommen, in Koblenz geht es in der Kabine über den Rhein auf die Festung Ehrenbreitstein. In München wird derzeit über eine viereinhalb Kilometer lange „urbane Seilbahn“ am Frankfurter Ring diskutiert.

Bis zu 25 Prozent können für solche Bauvorhaben als Finanzspritze vom Seilbahnförderprojekt des Wirtschaftsministeriums in München kommen. Das Programm unterstützt seit 2009 solche Projekte, 37 Bahnen wurden mittels der Subventionen bereits ersetzt oder erneuert. Nun profitieren beispielsweise auch die Berchtesgadener Jennerbahn, die Bahnen am Sudelfeld südlich des Schliersees oder in Nesselwang und Oberjoch im Allgäu davon.

Regierung sieht Jobmaschine

Nach Angaben des Ministeriums werden durchschnittlich fünf Millionen Euro bei Modernisierungen von Bahnen investiert. Die Staatsregierung sieht die Bergbahnen als Jobmaschine. Ein Arbeitsplatz dort schafft laut Untersuchungen fünf weitere in der Region. „1000 Euro Umsatz bei einer Seilbahn führen zu 5100 Euro Umsatz im Umfeld“, erklärt ein Ministeriumssprecher.

Naturschützer sehen Massentourismus in den Bergen grundsätzlich kritisch. BN-Alpenexperte Thomas Frey sagt, Seilbahnen und Straßen müssten gemeinsam gedacht werden. Die Urlauber müssten erst einmal in die Berge gebracht werden, dafür würden neue Straßen gebaut. „Sie suchen Ruheräume und schaffen überall Unruheräume.“

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