MyMz

Menschen

Berufen von Herz und Natur

„Heirate nie einen Bauern“, wurde Beate Dirscherl von der Mutter gewarnt. Sie hat es doch getan und landete in Bruck.
Von Renate Ahrens

Beate Dirscherl ist jeden Tag ab 5 Uhr auf den Beinen. Foto: Renate Ahrens
Beate Dirscherl ist jeden Tag ab 5 Uhr auf den Beinen. Foto: Renate Ahrens

Bruck.Wie aus dem Bilderbuch sieht der Bauernhof der Familie Dirscherl in dem kleinen Brucker Ortsteil Schöngras aus – in der Mitte ist der große Misthaufen, daneben eine Scheune mit Heu, und auf der anderen Seite befindet sich der Kuhstall. Hühner gackern vergnügt im Gehege, Katze „Prinzessin“ – eine von sechs Katzen auf dem Hof – geht auf Streifzug. Es ist morgens um halb sechs Uhr und dämmert gerade erst. Als Nicht-Landwirt kann man sich kaum ein Bild davon machen, was eine Bäuerin den ganzen Tag über leisten muss. Ist das Leben so idyllisch, wie es scheint? Wie arbeitet sie in Wirklichkeit? Die Kälbchen freuen sich jedenfalls, als Beate Dirscherl zu ihnen kommt und sie begrüßt, jedes einzelne.

Die Arbeit geht ihr jedenfalls nie aus

Die 52-Jährige ist bereits seit fünf Uhr auf den Beinen, wie an jedem Tag. Die erste halbe Stunde gehöre ihr allein, sagt sie und lächelt, bei Kaffee und der Tageszeitung. Dann wecke sie ihren Mann Christian auf und ihr Tag auf dem Bauernhof kann beginnen. Zunächst lässt sie die 20 Hühner aus dem Stall, danach geht es zu den Kälbern. Wie viele Stunden arbeitet sie denn? Beate Dirscherl lacht. „Das ist ganz verschieden. Im Sommer wird es oft spätabends, wenn wir noch dreschen oder säen oder Futter einfahren.“ Im Winter müssten Reparaturarbeiten im Stall oder im Haus gemacht werden. Die Arbeit geht ihr jedenfalls nie aus, doch sie liebt ihren Beruf, gerade jetzt, wenn die Tage länger werden und sie nicht mehr im Dunkeln im Stall anfangen muss.

Die Kälbchen haben es ihr angetan

Leise schmatzend trinken die Kälbchen die warme Milch, die die Bäuerin aus dem großen Container in Eimer gegossen und den Tieren vorgesetzt hat. Das Kalb ganz außen in der Box ist besonders lebhaft, es macht vergnügte Sprünge und schubst dabei den Milcheimer um. Die Milch ergießt sich auf den Boden, Katze Prinzessin hat anscheinend schon darauf gewartet und schleckt genüsslich. Dirscherl neckt das stürmische Kalb und streichelt es am Kopf, bevor sie den Eimer neu füllt. Die Kälbchen haben es ihr angetan. Ihre Pflege hat sie vor einem Jahr von ihrem Schwiegervater übernommen, und sie nimmt ihre Aufgabe ernst. Wenn eines einmal krank ist, macht sie sich Sorgen.

Traktorfahren gehört zu den Aufgaben der 52-Jährigen aus Bruck. Foto: Renate Ahrens
Traktorfahren gehört zu den Aufgaben der 52-Jährigen aus Bruck. Foto: Renate Ahrens

Dann bekommt es zunächst ein homöopathisches Mittel, aber kein Antibiotikum – das ist seit Anfang dieses Jahres verboten, seit Familie Dirscherl den Hof auf biologische Haltung umgestellt hat. 60 Kühe hat die Familie, dazu bewirtschaftet sie Felder mit Getreide, Erbsen und Ackerbohnen. Das Heu und Gras für die Tiere stammt von den eigenen Wiesen, ganz ohne Spritzmittel.

Die Kälbchen sind nun alle satt und zufrieden und Beate Dirscherl beginnt zusammen mit ihrem Mann, den Melkstand herzurichten. Die Mutterkühe befinden sich in einem Laufstall, in zwei Gruppen gehen sie zum Melken. Erst gegen 10 Uhr setzt man sich zusammen an den Frühstückstisch, meist ist auch Sohn Hans dabei.

„Hans übernimmt den Hof einmal, deshalb haben wir ihn dabei unterstützt und finden es gut.“

Beate Dirscherl über den Umstieg auf Bioerzeugung

Doch ausgeruht wird dabei nicht, vieles muss besprochen werden. Soll diese Kuh besamt werden? Wie wird das Wetter am Nachmittag, kann man heute noch aufs Feld? Lange planen könne man ohnehin nicht, jeder Tag sei anders. Man hängt vom Wetter ab, von den Jahreszeiten, doch man lebe auch intensiver mit der Natur. Der 20-jährige Hans macht gerade eine Ausbildung als Landwirt – sein Traumberuf, wie er sagt. Denn eigentlich hat er bereits eine Lehre zum Zerspanungsmechaniker absolviert, doch dabei das Landleben vermisst. Hans hatte auch die Idee, auf Biobetrieb umzustellen, wie seine Mutter sagt. „Er übernimmt den Hof einmal, deshalb haben wir ihn dabei unterstützt und finden es gut.“ Doch die Auflagen sind streng, die Dirscherls mussten schon ein halbes Jahr zuvor alles nach den Naturland-Richtlinien umstellen.

„Ich kann mir den Tag größtenteils selbst einteilen“

Der zweite Sohn und die Tochter sind bereits ausgezogen. Beate Dirscherl hatte eigentlich nicht vor, Bäuerin zu werden, sagt sie und lacht. Doch bereut hat sie es nie, vor 21 Jahren auf den Hof gekommen zu sein, der Liebe wegen. Damals hatte sie ihre erste Ehe hinter sich und schon ihre Tochter und lernte Christian kennen. „Ich kann mir den Tag größtenteils selbst einteilen“, sagt sie zufrieden. Beim Frühstück mit dabei ist auch meist der Lehrling, den sie ausbilden. Heute ist er in der Berufsschule, deshalb muss Beate Dirscherl selbst am Melkstand mithelfen. Auch Auslandspraktikanten hätten sie schon gehabt. Es ist immer etwas los auf dem Hof.

Beate Dirscherl füttert gerne. Foto: Renate Ahrens
Beate Dirscherl füttert gerne. Foto: Renate Ahrens

Nach dem Frühstück wird gemacht, was eben anliegt: Im Sommer vor allem die Arbeit auf den Feldern, heute ist zunächst eine Besprechung mit dem Tierarzt an der Reihe. Eine Trächtigkeitsuntersuchung einiger Kühe steht an, ob sie eben schon gebären können. Denn eine Bäuerin ist zudem auch Unternehmerin und Vermarkterin. Die Milch muss schließlich verkauft werden. Wer heute mit einem Hof in der Landwirtschaft überleben will, muss kreativ und flexibel sein und sich weiterentwickeln. Den Kühen, sagt Dirscherl, hätte die Umstellung auf Biobetrieb gutgetan. Sie durften vergangenes Jahr das erste Mal in ihrem Leben auf die Weide gleich gegenüber dem Hof. Nur eine Straße müssen sie dazu überqueren. Mit einem Stock in der Hand treibt Dirscherl sie bei schönem Wetter dorthin.

Der Stock kommt nie zum Einsatz

Doch der Stock käme nie zum Einsatz, sowohl sie selbst als auch die ganze Familie gehe ruhig und besonnen mit den Tieren um, und das würden sie spüren und seien selbst ruhiger, sagen die Bauern. Doch der Anfang war auf der Weide nicht leicht. Die Kühe, die immer nur im Stall gewesen waren, wollten erst gar nicht heraus. Sie mussten erst lernen, Gras zu zupfen und zu fressen – schließlich hatten sie es ihr bisheriges Leben lang als Heu oder frisch geschnittenes Gras vorgesetzt bekommen.

Und am ersten sonnigen Tag, seufzt Dirscherl, hätten die Kühe gar einen Sonnenbrand bekommen: am Euter. Das sei schmerzhaft gewesen. „Mein Mann hat sie dann sogar versuchsweise mit Sonnencreme eingerieben“, erklärt sie. Doch bald hatte es sich eingespielt und die Tiere würden es im Freien genießen.

Das Wunder der Geburt – immer wieder ein freudiges Ereignis auf dem Hof

Gelernt hat Beate Dirscherl als junges Mädchen Bäckereifachverkäuferin, dann war sie in verschiedenen Betrieben tätig. Ihre Eltern hatten selbst eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft, mit 15 Kühen, doch diese Arbeit habe vor allem ihre Mutter gemacht. „Sie hat mich gewarnt: Heirate nie einen Bauern“, sagt Dirscherl und lacht. Viele neue Ideen hat sie immer, so will sie vielleicht demnächst versuchen, ein Kälbchen bei seiner Mutter zu lassen. Denn man nimmt es der Kuh gleich nach der Geburt weg, weil es hin und wieder vorkäme, dass das Kleine zerdrückt würde, sagt Dirscherl. Damit Kühe überhaupt Milch geben, müssen sie ein Kalb auf die Welt gebracht haben. Die weiblichen Kühe dienen dann meistens als Nachwuchs für die Herde für die Milchproduktion. Die männlichen Kühe werden gemästet. Auf dem Hof der Dirscherls werden die Kühe immer wieder besamt, fast immer künstlich. Nach neun Monaten kommt das Kalb zur Welt – immer wieder ein freudiges Ereignis auf dem Hof. In den ersten acht Wochen, berichtet die Bäuerin, bleibt es in der Box mit Auslauf, dann lebt es mit anderen Jungtieren in der Gruppe.

Immer mehr Verbrauchern ist das Tierwohl wichtig

Das Tierwohl ist immer mehr Verbrauchern wichtig, viele achten auf regional produzierte Lebensmittel, und gesund sollen sie vor allem sein. Ein Großteil von dem, was wir im Supermarkt kaufen, stammt von den Feldern und Ställen der bayerischen Landwirte. Doch ist das Image einer Bäuerin gut? Darüber macht sich Beate Dirscherl nicht viele Gedanken, sie hat auch keine Zeit dazu.

Das Heu muss nun auf den Dachboden der Scheune. Ihr Mann Christian hebt es mit dem Bulldog hinauf, Beate und Hans Dirscherl verstauen es dort. Mittagessen gäbe es meist erst gegen 16 Uhr, heute Leberkäs mit Kartoffelsalat. Doch danach gönnt sich selbst Beate Dirscherl als viel beschäftigte Bäuerin eine Auszeit: Sie fährt die wenigen Kilometer zum nächstgelegenen Pferdehof, wo Stute Raisa auf sie warte – nicht jeden Tag, aber mehrmals in der Woche.

„Diese Zeit gehört nur mir.“

Bäuerin Beate Dirscherl über das Reiten

„Diese Zeit gehört nur mir“, sagt Dirscherl und freut sich darauf. Vor acht Jahren wollte ihre Tochter ein Pferd, und Beate Dirscherl hat vor zwei Jahren angefangen zu reiten. „Davor war ich nur Bodenpersonal“, sagt sie und lacht wie so oft – Bäuerin zu sein, scheint nicht nur jung zu halten, sondern auch gute Laune zu machen. Beate Dirscherl zuckt die Achseln. „Ich habe inzwischen gelernt, manches eben zu nehmen, wie es ist. Das geht nicht anders. Und es muss auch nicht mehr alles perfekt sein, ich kann auch mal etwas liegenlassen.“ Denn auch der Haushalt muss schließlich gemacht werden. Und abends, wenn sie vom Reiten kommt, warten schon wieder die Kälbchen und die Stallarbeit auf sie.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Ausbildung und Chancen

  • Landwirt ist ein dreijähriger

    anerkannter Ausbildungsberuf. Landwirte finden Beschäftigung in erster Linie im eigenen landwirtschaftlichen Betrieb oder in landwirtschaftlichen Großbetrieben.

  • Darüber hinaus arbeiten sie

    in Gemüse- oder Obstbaubetrieben, bei landwirtschaftlichen Versuchsanstalten oder Berufs- oder Interessenverbänden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht