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Bayern
Sonntag, 19. August 2018 32° 2

Instrument

Besucher greifen in die Orgel-Tasten

Seit 25 Jahren gibt es das Orgelmuseum in Kelheim. Hier lernen Besucher Kulturgeschichte und Bauweise kennen.
Von Peter K. Donhauser

Auf diesem Faksimile notierte Bach die rechte Hand im Sopran- und die linke im Altschlüssel, dies erspart Noten mit Hilfslinien. Foto: Donhauser
Auf diesem Faksimile notierte Bach die rechte Hand im Sopran- und die linke im Altschlüssel, dies erspart Noten mit Hilfslinien. Foto: Donhauser

Kelheim.Das Weltenburger Kloster Barock Dunkel im Magen, die Klänge der Brandenstein-Orgel von 1728 im Ohr, da reist es sich bestens durch den spektakulären Donaudurchbruch, vorbei am Felsformationen wie „Bayerischer Löwe“, Bischofsmütze“ oder „Peter und Paul“.

Schon vor der Anlandung in Kelheim sticht links die einstige Franziskanerkirche ins Auge. Sie ist heute Sitz des Orgelmuseums Kelheim, fast am Donaustrand, in Niederbayern zwar, doch in Rufweite der Regierungsbezirke Oberpfalz mit Regensburg und Oberbayern mit Ingolstadt.

Im Freistaat finden sich noch zwei weitere Museen dieser Art, doch mit unterschiedlichen Akzenten: Das Orgelbaumuseum in Ostheim vor der Rhön (Schloss Hanstein), das den Blick auf die Orgelbautradition Unterfrankens bis Thüringen hinein wirft und das üppig aufgestellte Kultur- und Orgelzentrum Valley bei Holzkirchen. Sein Leiter, der frühere Konservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege Sixtus Lampl war der „Entbindungspfleger“, die männliche Hebamme für das Museum in Kelheim.

Hier gibt es eine Konzertreihe

Vor genau 25 Jahren hat sich der gemeinnützige „Förderverein Orgelmuseum Franziskanerkirche Kelheim“ konstituiert. Willibald Kerschensteiner, Vorsitzender und Museumsleiter kümmert sich um die richtige Stimmung des Dreiklangs „Gotteshaus – Konzertsaal – Orgelmuseum“. Von Mai bis September erklingt donnerstags um 20 Uhr das „Orgelkonzertino“, dazu treten weitere monatliche Veranstaltungen. Ganz bestimmt würde man die Studenten und Dozenten der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg als Stammgäste willkommen heißen, fünf historische Orgeln in einem akustisch hervorragenden Kirchen-Konzertsaal, wo findet man das noch?

Das Kelheimer Orgelmuseum in der einstigen Franziskanerkirche. Foto: Donhauser
Das Kelheimer Orgelmuseum in der einstigen Franziskanerkirche. Foto: Donhauser

Die genannten Instrumente bilden das Herzstück des Museums: Sie stammen aus der Region, stilistisch aus der Epoche Früh- bis Spätromantik. Die Orgel aus Mariä Himmelfahrt in Allersdorf / Niederbayern ist 1841/46 von Josef Mühlbauer (1818-1848) aus Train erbaut, mit neun Registern auf einem Manual und Pedal. Sie begeistert im Pleno mit ihrem silbrig glänzenden, noch eher barock orientiertem Klang. Nur wenige Jahre jünger ist das anonyme Instrument aus Köfering bei Regensburg. Beide verfügen über Schleifladen und mechanische Trakturen.

Die Binder-Orgel: Sie stammt aus dem Jahr 1910. Rechts ist ein Tritt sichtbar, so kann ohne Strom, mit handgeschöpftem Wind gespielt werden. Sie wurde für die Oberpfälzer Kreisausstellung „Regensburg 100 Jahre bei Bayern“ gebaut und mit der „Staats-Medaille“ prämiert. Foto: Donhauser
Die Binder-Orgel: Sie stammt aus dem Jahr 1910. Rechts ist ein Tritt sichtbar, so kann ohne Strom, mit handgeschöpftem Wind gespielt werden. Sie wurde für die Oberpfälzer Kreisausstellung „Regensburg 100 Jahre bei Bayern“ gebaut und mit der „Staats-Medaille“ prämiert. Foto: Donhauser

Die anderen beiden Werke sind bereits mit dem System der Registerkanzelle und pneumatischen Kegelladen gebaut – bestens geeignet für die Musik des Regensburger Komponisten Joseph Renner junior (1868-1934), von Sigfrid Karg-Elert (1877-1933) und natürlich Max Reger (1873-1916). Die Orgel aus Geiselhöring (Binder & Siemann) stammt von 1897 und hat bereits eine Crescendo-Walze. Ein technisches und klangliches Schmankerl ist die ausgesprochen gravitätisch tönende Orgel aus Bruck in der Oberpfalz. Nicht vergessen sei ein „Zuagroaster“, ein neapolitanisches Orgelpositiv mit sieben Registern aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das dem Museum als Leihgabe eines Mitglieds überlassen wurde.

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Faksimilia von Bach und Reger

Sekundiert wird dieses Orgelquintett durch fünf kleinere Stationen: Den Anfang macht eine Kulturgeschichte der Orgel, deren Karriere bekanntlich als weltliches Instrument begann. Im Obergeschoß präsentieren sich bedeutende deutsche Orgeln in Bild und Ton (Audioguide in deutsch und englisch). Ein Gleiches gilt für wichtige Stationen komponierter Musik für Orgel, hier darf man sich über Faksimilia von Bach und Reger sowie über Notationen von Ligeti freuen. Die technische Seite der Orgel, das Handwerk „Orgelbau“ beleuchten die von Orgelbaumeister Wolfgang Schober (Plattling) konstruierten Modelle. Hier darf und soll man selber in die Tasten greifen, hören, sehen und verstehen, wie Schleif- oder Kegellade arbeiten, welche Pfeifenarten welche Klänge erzeugen. Historische Traktate über den Orgelbau runden die Ausstellung ab, im Medienraum stehen Filme bereit, an der Kasse liegen CD-Einspielungen vor.

Die Traktur ist die mechanische Verbindung von den Tasten zu den Ventilen. Sie bewirkt, dass beim Drücken der Tasten Pfeifen erklingen. Das Wellenbrett mit waagrechten Holz- und Alu-Wellen ist notwendig, da die Pfeifen mehr Baubreite beanspruchen als die Tastatur. Foto: Donhauser
Die Traktur ist die mechanische Verbindung von den Tasten zu den Ventilen. Sie bewirkt, dass beim Drücken der Tasten Pfeifen erklingen. Das Wellenbrett mit waagrechten Holz- und Alu-Wellen ist notwendig, da die Pfeifen mehr Baubreite beanspruchen als die Tastatur. Foto: Donhauser

Zur bewahrenden Intention eines Museums gehört selbstverständlich die Weiterentwicklung und mehr denn je eine ideenreiche Museumspädagogik. Nicht nur die „Kids“ freuen sich über Computerstationen, man möchte das Museum gern selber „handgreiflich“ erforschen. Als weiter führende Perspektive wäre die Darstellung des regionalen Orgelbaus, seiner Geschichte und Klangphilosophie nahe liegend. Man denke an die Werke der barocken Orgelbauer, Funtsch (Amberg), Weiss (Nabburg), Brandenstein, Späth (Regensburg) und König (Ingolstadt), inder Romantik von Binder (& Siemann), von den Edenhofers (Regen, Deggendorf), von der weit verzweigten Familie Bittner (Eichstätt/ Hilpoltstein), ganz zu schweigenund von bedeutenden mittelbayerischen Orgelbauern der Jetztzeit(entlang der Donau Sandtner, Jann, Eisenbarth). Dies würde Besucher neugierig machen, bei ihrer Weiterreise nach Regensburgnicht nur die Erdäpfelsuppe der Wurstkuchel zu schmecken, sondern den hochinteressanten Instrumenten im Historischen Museum und in den Kirchen der Donaustadt nachzuspüren.

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  • JG
    Jutta Göller
    17.07.2018 10:15

    Ist das schön, wie "prominent" Kelheim in letzter Zeit "Mitten in Bayern" geworden ist! Zuerst ein Artikel über die Kelheimer Pietà, dann über die frühere Weltenburg-Wirtin Gabi Röhrl, und nun über das Orgelmuseum in der baugeschichtlich hoch interessanten Franziskanerkirche, die mehr Besucher verdient hat, was sich ja vielleicht durch das Jubiläum ändert. Viele Grüße, Jutta Göller.

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