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Kommentar

Billiger wäre besser

Ein Kommentar von Bernhard Fleischmann

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Freie Fahrt für freie Bürger, endlich. Der Spruch stammt aus dem Jahr 1974, ein Slogan des ADAC im Kampf gegen Tempo-100-Limits auf Autobahnen während der Ölkrise. Der Autoclub hat sich damit selbst unter den eigenen Mitgliedern keineswegs nur Freunde gemacht. Nun versucht es die Bundesregierung mit einer Idee, die diesem geflügelten Spruch recht nahe kommt: freie Fahrt im öffentlichen Nahverkehr. Das ist nicht ganz neu, aber nach wie vor eine spannende Vision. Eine verführerische Idee. Mehr leider – zumindest noch – nicht, so wie sie jetzt geboren worden ist. Eher eine Nebelkerze.

Viel glaubwürdiger wäre es gewesen, wenn etwas davon im Koalitionsvertrag stünde. Tut es aber nicht.

Denn der Zeitpunkt, zu dem sie vorgelegt wurde, legt nahe, dass sie lediglich die EU-Kommission dazu verführen soll, von einer Klage gegen Deutschland wegen versäumter Maßnahmen zur Reinhaltung von Luft abzusehen. Bislang gibt es nicht viel mehr als einen Brief dreier Minister. Viel glaubwürdiger wäre es gewesen, wenn etwas davon im Koalitionsvertrag stünde. Tut es aber nicht.

Ein Vorteil wäre, dass man die mitunter schwer zu begreifenden Tarife so mancher kommunaler Betriebe endlich vergessen könnte. Auch dürfte eine solche Maßnahme schneller mehr Menschen vom Auto in die Busse und Bahnen locken. Weniger Staus, bessere Luft, weniger Lärm – alles, was sich geplagte Anwohner wünschen, rückte näher in Reichweite. Das sind zentrale Ziele, um unsere Städte, in denen sich ein wachsender Teil der deutschen Bevölkerung konzentriert, lebenswerter zu machen.

Aber kostenlose Tickets wären höchstens die halbe Miete. Vernünftiger wäre es, die Tickets günstiger als heute zu verkaufen. Denn um Autofahrer zum Umsteigen zu animieren, brauchen wir auch ein engeres Liniennetz, dichte Taktung, schnelle und möglichst störungsfreie Verbindungen. In Umlandgemeinden würde kaum ein Pendler auf den ÖPNV umsteigen, wenn der nur alle zwei Stunden fährt. Dafür braucht man Geld. Viel Geld.

Wir kommen um eine neu verstandene Verkehrspolitik nicht herum.

Ein Gratis-Verkehr wäre sehr teuer. Zweistellige Milliardensummen sind schnell erreicht. Der Städte- und Gemeindebund hat errechnet, bundesweit kämen 13 Milliarden Euro aus dem Ticketverkauf zusammen. Hinzu addierten sich die Investitionen für zusätzliche Fahrzeuge, Personal, gegebenenfalls Verkehrswege. Wird zu knapp kalkuliert, verkommen Züge und Busse mangels Wartung. In Summe wäre das ein dicker Brocken, den sich das Land leisten wollen müsste. Aber Achtung vor halben Bilanzen: Der individuelle Straßenverkehr ist noch teurer. Er kostet die Kommunen – laut einer Studie von Prof. Carsten Sommer, Leiter des Fachgebiets Verkehrsplanung und Verkehrssysteme an der Universität Kassel, mehr als der ÖPNV. Der Verkehrsclub Deutschland sagt, dass der Autoverkehr mit jährlich rund 150 Euro pro Person subventioniert wird.

Wir kommen um eine neu verstandene Verkehrspolitik nicht herum. Elektroautos allein sind nicht die Lösung. Auch sie können Staus verursachen und brauchen Parkraum. Bewegen sich die Autos erst mal autonom, könnten die Nutzer sogar verführt sein, trotz Stau und dicker Luft mitten in die Stadt zu fahren – man kann die Zeit im Fahrzeug ja sinnvoll nutzen. Dann wäre mehr statt weniger Verkehr die Folge.

Lieferverkehr muss besser gebündelt und mit lokal schadstofffreien Fahrzeugen abgewickelt werden.

Wichtig sind eigene Trassen oder zumindest Lösungen, die Bussen und Bahnen jederzeit freie Fahrt garantieren. Der Stau der Autos sollte nicht ihr Stau sein. Regensburger wissen, was damit gemeint ist. Ähnliches gilt für Radfahrer. Lieferverkehr muss besser gebündelt und mit lokal schadstofffreien Fahrzeugen abgewickelt werden. Kompliziert wird es bei Handwerkern. Auch Innenstädter sind froh, wenn ein Fachmann kommt und ihre Heizung repariert. Aber mit welchem Fahrzeug? Da sind Übergangsfristen und Ausnahmen nötig, die aber der Luft schaden.

Der Weg hin zu einem ökologischeren, stressfreieren Verkehr ist weit – aber jede Mühe wert.

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