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Interview

Bischof hakt Missbrauchsfälle nicht ab

Vor einem Jahr wurde Rudolf Voderholzer zum Regensburger Bischof berufen. Behutsam sammelte er Sympathien. Dass er zu leise auftrete, weist er zurück.
Von Isolde Stöcker-Gietl und Christine Schröpf, MZ

Am 6. Dezember 2012 wurde er zum Regensburger Bischof berufen: Jetzt zog Rudolf Voderholzer im Interview mit Isolde Stöcker-Gietl und Christine Schröpf Zwischenbilanz.Fotos: altrofoto.de

Regensburg.Seit knapp einem Jahr sind Sie nun Bischof – und von allen Seiten wird Ihnen ein hoher Sympathiefaktor bescheinigt. Manche wissen allerdings noch immer nicht richtig, wofür sie theologisch stehen. Sind sie bisher zu leise aufgetreten?

Ich habe in ein paar Punkten sehr deutlich Stellung bezogen. Wo ein klares Wort notwendig war, bin ich es nicht schuldig geblieben. Ich habe zum Beispiel die Aussagen Erzbischof Robert Zollitschs zum Diakonat der Frau ergänzt, damit sie nicht mehr missverstanden werden konnten. Als das Familienpapier der Evangelischen Kirche erschien, wandte ich mich mit der sehr deutlichen Bitte an die evangelischen Christen, den gemeinsamen Boden der Heiligen Schrift nicht zu verlassen. Richtig ist allerdings, dass ich grundsätzlich keiner bin, der von vornherein immer alle Lösungen parat hat und als Besserwisser auftritt. Ich messe meine Bedeutung auch nicht nach Größe und Häufigkeit der Schlagzeilen. Im Moment ist mir Kontinuität besonders wichtig. Ich stecke im Vorfeld des Katholikentages in einem Prozess, in dem ich größeren Umbruch und Trubel auch nicht gebrauchen kann.

Es sind jetzt noch sechs Monate bis zum Katholikentag in Regensburg. Welches Signal soll vom Glaubensereignis ausgehen?

Der Katholikentag ist der Ort, wo sich die Katholiken in Deutschland treffen, um ihre Position gemeinsam zu vertreten und öffentlich deutlich werden zu lassen. Weltchristen - ich mag das Wort Laie nicht - sollen hinein in die Politik, in die Wirtschaft und die Medien. Hier müssen Christen weiterhin Verantwortung übernehmen. Darin muss die Kirche sie bestärken und unterstützen. Ich werde nicht müde, das bei den Vorbereitungen zum Katholikentag zu sagen. Es ist das, was ich mir wünsche, und nicht, dass sich möglichst viele im Altarraum auf die Füße steigen.

Streitfall: Leutheusser-Schnarrenberger

Bedenken gibt es im Ordinariat gegen die Besetzung eines Podiums zum Thema „Mehr als Ideologie und Blasphemie“. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als Gast ist angeblich unerwünscht. Was haben Sie für Bedenken?

Frau Leutheusser-Schnarrenberger war hier offen gesagt nicht das Thema. Mir geht es darum, dass die Veranstaltungen des Katholikentages dazu beitragen, dass katholische Positionen in einen fruchtbaren Dialog mit anderen gesellschaftlich relevanten Einstellungen und Meinungen gebracht werden. Deshalb müssen die Foren und Podien so besetzt sein, dass das auch tatsächlich möglich ist und nicht von vornherein die katholische Position in eine defensive Minderheitenrolle gedrängt wird. Das wäre sicher nicht dem Ziel des Katholikentages dienlich.

Ist das Problem inzwischen gelöst?

Die Programmarbeit ist noch nicht abgeschlossen.

Was passiert im Bistum, wenn der Katholikentag vorüber ist? Stehen Personalrochaden an? Üblicherweise bestimmt ein neuer Bischof nach gewisser Zeit einen neuen Generalvikar.

Ich habe gerade den ersten Weltchristen als Finanzdirektor bestellt. Ich habe zwei neue Domkapitulare in ihr Amt berufen. Auf anderen Gebieten sehe ich momentan keinen wirklichen Handlungsbedarf. Ich bin umgeben von jungen, engagierten und sehr verantwortungsbewussten Leuten, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeite.

Das Bistum Regensburg zählt zu den flächenmäßig größten in Bayern. Finden Sie sich schon gut zurecht?

Ich habe in meinem ersten Jahr alle acht Regionen besucht. Ich will mittelfristig in jede Pfarrei kommen. Es ist mir wichtig, alle kennenzulernen. Als Bischof muss ich mindestens genauso gut Bescheid wissen, wie alle anderen, bevor ich Entscheidungen treffe. Sonst müsste ich mich allein auf Berater verlassen.

Wie groß ist der Einfluss aus Rom? Hat ihr Vorgänger, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, der nun bekanntlich Chef der Glaubenskongregation ist, schon zum Telefon gegriffen, um Ratschläge zu geben?

Ich habe ihn bei meinen letzten beiden Romaufenthalten zu Hause und in der Glaubenskongregation besucht. Wir haben zusammen Kaffee getrunken. Wir tauschen uns über vieles aus - über die Bischofssynode, über Gott und die Welt. Über das Bistum Regensburg haben wir eigentlich nicht geredet.

Gespräche mit Missbrauchsopfern

Von ihrem Vorgänger haben sie die Aufklärung des Missbrauchsfälle im Bistum übernommen – bundesweit wurde die Kirche seit 2010 von dem Skandal erschüttert. Sie haben als neuer Bischof Gespräche mit Missbrauchsopfern geführt. Was haben sie dabei erlebt?

Es waren sehr ergreifende Begegnungen. Ich war im Mai einen ganzen Tag lang mit der früheren Missbrauchsbeauftragten Dr. Birgit Böhm unterwegs, um einige Betroffene zu besuchen. Frau Böhm war es wichtig, dabei zu sein, obwohl sie selbst zu diesem Zeitpunkt schon todkrank war. Uns ging es um die persönliche Lebensgeschichte dieser Menschen, wie sie zurechtkommen und wie es jetzt für sie weitergeht. Es waren sehr offene Gespräche. Dass Menschen im Bistum Regensburg solche Schicksale erleiden mussten, ist für mich eine persönliche Belastung. Ich schäme mich für jeden einzelnen Fall.

Wie viele sogenannte Anerkennungsleistungen wurden im Bistum Regensburg gezahlt, um Missbrauchsopfer zu entschädigen?

Wir sind zu Anerkennungsleistungen bereit. Aber über Zahlen reden wir nicht. Es ist aber nach meinem Dafürhalten wirklich angemessen, was wir in diesem Bereich getan haben.

Wird es einen Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen im Bistum Regensburg geben?

Ich weiß, dass das immer wieder erwartet wird. Es wäre aber ein falsches Signal, wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt mit einem solchen Bericht den Eindruck erweckten, als hätten wir nun einen Schlusspunkt gesetzt. Das Gegenteil ist wichtig. Es kommt jetzt darauf an, Prävention zu stärken und mit den Menschen im Gespräch zu bleiben, die sich im Vertrauen an uns gewandt haben.

Sie haben kürzlich einen neuen Missbrauchsbeauftragten berufen – den anerkannten Jugendpsychiater Dr. Martin Linder. Welches Signal wollen Sie damit setzen?

Wir haben aus einer Reihe von Kandidaten gewissenhaft Dr. Linder ausgesucht. Unsere Bereitschaft, alles aufzuklären, ist da. Ich habe den Eindruck, dass die Art und Weise, wie das Bistum mit Missbrauchsfällen umgeht und die Weichen für eine bessere Prävention stellt, richtig ist. Das wird uns auch von Außenstehenden mit Respekt attestiert. Alle, die in der Pastoral oder der Seelsorge tätig sind, müssen inzwischen an einer Fortbildung teilnehmen. Ich glaube nicht, dass andere Institutionen, in denen es das Problem ja auch gibt, schon so weit sind. Wir tun alles, damit Missbrauchsfälle nach menschlichem Ermessen nicht mehr vorkommen können.

Sie haben im Missbrauchsskandal behutsam reagiert. Negativ-Schlagzeilen über sie gab es im ersten Jahr ihrer Amtszeit fast überhaupt nicht. Kritisch betrachtet wurde lediglich ihr Rückhalt für den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Warum sprangen Sie als ihrem Amtsbruder so deutlich zur Seite?

Was ich gesagt habe, war ein Zeichen der Solidarität. Es war unfair, welcher Sturm über ihn hereingebrochen ist. Das hatte etwas von öffentlicher Hinrichtung. So geht man mit einem Menschen nicht um - ob er nun Bischof ist, oder nicht. Was die sachliche Beurteilung der Vorwürfe betrifft, warte ich mit Spannung und großem Interesse das Ergebnis der Untersuchungen ab. Wichtig wäre es, dabei aufzuklären, was die Hintergründe der Anschuldigungen gegen ihn gewesen sind. Es macht mir doch keiner weiß, dass es da nur um eine Badewanne geht. Für mich ist die Sache noch zu undurchsichtig. Ich würde schon gern wissen: Was ist da eigentlich los?

Tebartz-van Elst nimmt sich derzeit in Kloster Metten in ihrem Bistum eine Auszeit. Haben Sie sich häufiger getroffen?

Wir stehen im Kontakt.

Glauben Sie, dass er als Bischof nach Limburg zurückkehren wird?

Das wird vom Ergebnis der Untersuchung, aber auch von der Weisheit Roms abhängen. Wie es aussieht, ist sehr viel Porzellan zerschlagen worden. Das Heil der Seelen und der Auftrag der Kirche insgesamt muss Hauptkriterium sein. Es geht nicht darum, mit Gewalt etwas durchzusetzen. Aber Tebartz-van Elst ist immerhin vom Papst zum Bischof ernannt, das kann nicht einfach ohne ein rechtliches Verfahren beendet werden. Der Papst erlaubt ihm im Moment nur, ein wenig Zeit außerhalb seines Bistums zu verbringen. Normalerweise wäre er verpflichtet, dort zu sein.

Voderholzer wohnt nicht gratis

Der Fall Limburg hat eine bundesweite Debatte über Verschwendung in der Kirche losgetreten. Nun müssen alle Bischöfe bis ins Detail ihre Ausgabenpolitik rechtfertigen. Das trifft auch Sie. Das Regensburger Ordinariat wird gerade für geplante 22 Millionen Euro umgebaut. Werden Sie die Kosten im Griff behalten?

Architekt und Bauverantwortliche haben mir das bestätigt. Ich sehe auch keinen Grund, daran zu zweifeln. Ich weiß, dass man darauf größten Wert legt, gerade weil öffentliche Projekte in Deutschland bei der Finanzierung bereits häufiger aus dem Ruder geraten sind. Ich denke da an die Hamburger Elbphilharmonie, oder auch an den Berliner Flughafen. In der Bundeshauptstadt hat allerdings noch niemand persönliche Konsequenzen gezogen.

Die Kosten für Ihre neue Dienstwohnung, die beim Umbau des Ordinariats entsteht, summieren sich auf 865 000 Euro. Das klingt recht üppig. Was macht das Projekt so teuer?

Die Kosten entstehen, weil die neue Bischofswohnung in ein bestehendes historisches Ensemble von hohem Alter und hoher Qualität eingefügt wird. Das alte Kreuzgangmotiv wird dabei aufgewertet. Unsere Architekten verwenden authentische und regionale Materialien. Es muss energetisch solide gemacht werden und in den nächsten Jahrhunderten Bestand haben. Bisher gab es im Ordinariat gar keine richtige Bischofswohnung. Mein Vorgänger wohnte in Räumen, die ursprünglich für die Nonnen des Niedermünsterstifts bestimmt waren und durch Mauerdurchbrüche miteinander verbunden worden sind.

Im Sommer soll alles bezugsfertig sein: Wie ist das eigentlich: Müssen Sie als Bischof in den neuen Räumen Miete bezahlen?

Die Dienstwohnung muss ich als geldwerten Vorteil versteuern, wie es die allgemeinen Regelungen in Bayern vorsehen. Dabei wird die ortsübliche Miete zugrunde gelegt.

Wissen Sie schon, wie hoch die Miete wird?

Nein, die Höhe wird von der Finanzverwaltung aufgrund der rechtlichen Vorgaben festlegt. Jetzt beschäftige ich mich noch nicht damit. Das Thema wird ja erst im kommenden Sommer akut.

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