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Kirche

Bischof Voderholzer entschuldigt sich

Der Regensburger Bischof Voderholzer äußert sich im aktuellen Hirtenwort entsetzt über die Übergriffe bei den Domspatzen.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat sich in seinem Hirtenwort zum Domspatzenbericht geäußert. Foto: Armin Weigel/dpa
Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat sich in seinem Hirtenwort zum Domspatzenbericht geäußert. Foto: Armin Weigel/dpa

Regensburg.Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat sich in seinem Hirtenwort von diesem Sonntag mit dem Domspatzen-Abschlussbericht beschäftigt und sich entsetzt gezeigt. Zu den geschilderten Berichten der Betroffenen sagte Voderholzer: „Wer diese Schilderungen liest, kann nur Entsetzen und Betroffenheit spüren.“ Es mache ihn zutiefst zerknirscht und erfülle ihn mit Scham, heißt es in dem Hirtenwort weiter. „Liebe Mitchristen, angesichts der obigen Schilderungen kann ich nur in Demut um Entschuldigung bitten“, so der Bischof. Darüber hinaus dankte er Rechtsanwalt Ulrich Weber und sagte, es sei ein „sehr umfassendes, reich differenziertes und vor allem unabhängiges Werk“ entstanden.

Lesen Sie hier das gesamte Hirtenwort des Bischofs im Wortlaut.

Voderholzer zitiert Müller

Bischof Voderholzer zitiert in seinem Hirtenwort auch eine Aussage seines Vorgängers, des heutigen Kardinals Gerhard Ludwig Müller, aus dem Jahr 2010: „Den Opfern dieser Zeit, aber auch allen, die sich heute erst melden, gilt unser tiefes Mitgefühl. Ihrer Ehre und Würde schulden wir, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt.“ Müller stand fünf Jahre der Glaubenskongregation im Vatikan vor, die auch für die Aufklärung von Missbrauchsfällen zuständig ist. Papst Franziskus hatte Müllers Amt Anfang Juli überraschend nicht verlängert.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller Anfang Juli in seinem Büro in Rom Foto: Lena Klimkeit/dpa
Kardinal Gerhard Ludwig Müller Anfang Juli in seinem Büro in Rom Foto: Lena Klimkeit/dpa

Der ehemalige Regensburger Bischof wehrte sich gegen den Vorwurf, dass er bei der Glaubenskongregation die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen behindert hätte. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte Müller vor einer Woche in einem Interview in der „Passauer Neuen Presse“ aufgefordert, sich bei den Betroffenen für die „verschleppte Aufarbeitung“ zu entschuldigen. Auch Betroffene hatten Müller immer wieder vorgeworfen, die Aufklärung behindert zu haben.

Kommentar

Der Schatten

Der Abschlussbericht zu den erschütternden Vorfällen bei den Regensburger Domspatzen hat Maßstäbe gesetzt, weil er unabhängig und umfassend über das Ausmaß...

Bischof Voderholzer betonte in seinem aktuellen Hirtenwort bezüglich der diözesanen Aufarbeitung, sein Vorgänger habe mit Bekanntwerden der Gewaltvorfälle mit der Schaffung entsprechender Strukturen für die Aufarbeitung reagiert. „Den eingehenden Hinweisen wurde nachgegangen“, so Voderholzer weiter. Personalakten seien durchsucht und Ergebnisse dokumentiert worden. Dieses Vorgehen mit Blick auf die Einzelfälle habe den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz entsprochen, heißt es dazu in dem Hirtenwort. Allerdings, so Voderholzer aus dem Abschlussbericht zitierend, sei dies „aus gesamtstrategischer Sicht jedoch, wie sich zeigte, nicht ausreichend“ gewesen.

Der Abschlussbericht von Ulrich Weber zeigt das große Ausmaß der Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen. Zwischen 1945 und Anfang der 1990er Jahre wurden Webers Bericht zufolge rund 500 Betroffene Opfer körperlicher Gewalt, die auch in der damaligen Zeit mit wenigen Ausnahmen verboten und strafbar war. In 67 Fällen kam es zu sexueller Gewalt. Die Dunkelziffer liege aber wohl höher. Die Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen beschrieben die Opfer laut Weber als „Gefängnis“, „Hölle“ oder „Konzentrationslager“. Wer Regeln eines strengen und teilweise willkürlich ausgelegten Regelkatalogs brach, wurde bestraft. Fehlverhalten wurde aber auch in Form von Kollektivstrafen sanktioniert.

Dank für Aufklärungsarbeit

Bischof Voderholzer dankte in seinem Hirtenwort Rechtsanwalt Weber für „die geleistete Aufklärungsarbeit, so schwer die Erkenntnisse für uns auch erst einmal zu verdauen sind“. Den wichtigsten Beitrag hätten die Betroffenen geleistet, so der Bischof: „Ihnen gilt mein aufrichtiger Dank, dass sie sich trotz des erlittenen Leids an die Beauftragten des Bistums und vor allem an Herrn Weber gewandt haben.“ Bei Gesprächen mit einzelnen Opfern sei ihm schnell deutlich geworden, so Voderholzer weiter, „dass ein gemeinsames Vorgehen mit den Betroffenen, ein Hinhören auf ihre Erwartungen und Nöte ebenso wichtig ist wie ein unabhängiger Blick auf die Strukturen und Zusammenhänge“, so der Bischof.

„Wir sind Kirche“ kritisiert Müller und Ratzinger

Der Abschlussbericht zum Missbrauchskandal bei den Regensburger Domspatzen hat nach Ansicht der katholischen Reformbewegung „Wir sind Kirche“ Maßstäbe für die Aufklärung gesetzt. Daran sollten sich auch die anderen Bistümer orientieren, sagte „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner der Deutschen Presse-Agentur. Zur Kritik am früheren Regensburger Bischof Müller sowie am früheren Domkapellmeister Georg Ratzinger, dem Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI, meinte Weisner, die beiden ließen nach dem Abschlussbericht eine Geste der Aussöhnung vermissen. „Es würde dem Ansehen der katholischen Kirche sehr dienen, wenn Müller und Ratzinger ihr tiefes Bedauern über eigene Unterlassungen oder ihre damals falsche Einschätzung der Vorgänge ausdrücken würden.“ „Wir sind Kirche“ vermisst auch eine Stellungnahme des Trierer Bischofs Stephan Ackermann, den die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) 2010 zum Missbrauchsbeauftragten ernannt hatte. Erstaunlich sei auch, dass sich der DBK-Vorsitzende, der Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx, zu dem Bericht nicht geäußert habe, sagte Weisner.

Lesen Sie auch: Domspatzen-Eltern sahen weg

Eine Chronologie des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen sehen Sie hier:

Wie wurde mit Vorfällen umgegangen?

  • Georg Ratzinger:

    Dem ehemaligen Domkapellmeister Georg Ratzinger lastet Sonderermittler Ulrich Weber in seinem Abschlussbericht insbesondere sein „Wegschauen“ und fehlendes Einschreiten an, obwohl er von körperlicher Gewalt wusste. Von sexuellen Übergriffen wusste der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt Webers Erkenntnissen zufolge jedoch nichts. Der heute 93-Jährige leitete den weltberühmten Chor von 1964 bis 1994. Ehemalige Schüler haben ihn ganz unterschiedlich in Erinnerung.

  • Gerhard Ludwig Müller

    Als ehemaliger Bischof von Regensburg beging Müller dem Urteil des Sonderermittlers zufolge Fehler. Weber stellt mangelhafte und fehlende Kommunikationsprozesse sowie eine unzureichende Dokumentation fest. Müller obliege eine „klare Verantwortung für die strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen der Aufarbeitung“. Regensburgs Generalvikar Michael Fuchs räumt Fehler ein. Der heutige Kardinal Müller wies Versäumnisse hingegen zurück.

  • Rudolf Voderholzer

    Unter Bischof Rudolf Voderholzer änderte sich zunächst am Aufarbeitungsprozess wenig. Weber bescheinigt ihm jedoch, dass ab Ende 2014 insbesondere seine direkte Kommunikation mit Opfern sowie seine öffentlichen Äußerungen für positive Impulse sorgten. Persönliche Gespräche des Bischofs mit Opfern führten bei ihm zu einem tieferen Verständnis der Tragweite der Vorfälle. Opfervertreter haben wiederholt betont, dass mit Voderholzer eine Diskussion auf Augenhöhe möglich gewesen sei.

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