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Demonstrationen

Blick hinter die Kulissen in Manching

Erstmals seit langem darf die Presse ins Transitzentrum Manching. Es könnte Modell werden für die umstrittenen Ankerzentren.
Von Sabine Dobel, dpa

  • Blick auf eine Ankunfts- und Rückführungseinrichtung für Asylbewerber in Bamberg. Foto: Nicolas Armer/Archiv
  • Mehrere Menschen teilen sich ein Zimmer. Foto: afp/Christof Stache
  • Ein Bewohner des Transitzentrums hält ein Schild hoch. Foto: afp/Christof Stache

Manching.Der Schlafraum frisch gestrichen, im Spielzimmer Stofftiere und Spielsachen sauber aufgereiht, das Alphabet in bunten Lettern an der Wand – und die Kantine blitzblank. Im Alltag dürfte es im Transitzentrum Manching-Ingolstadt nicht ganz so aufgeräumt aussehen. Beim Rundgang mit der Presse zeigt die Regierung von Oberbayern das Zentrum von seiner besten Seite. Es ist der erste Presse-Termin seit langem – außer zugelassenen Helfern darf niemand einfach so auf das Gelände.

Privatsphäre, das wird klar, haben die rund 1100 Menschen hier kaum. Und auch wenn sie das Gelände verlassen dürften: Der Zaun rund um die ehemalige Max-Immelmann-Kaserne, wo rund 400 Geflüchtete leben, vermittelt nicht gerade ein Gefühl von Freiheit, nach der sich die Menschen vermutlich bei ihrer Flucht gesehnt haben.

Sicherheitskräfte halten die Bewohner an einem Zaun zurück. Foto: Stefan Puchner/dpa
Sicherheitskräfte halten die Bewohner an einem Zaun zurück. Foto: Stefan Puchner/dpa

„We need freedom“ („wir wollen Freiheit“) skandieren sie nun Richtung Pressetross. Frauen schieben Kinderwagen in die erste Reihe, klatschen und singen im Rhythmus. Auf einem Transparent, mit dem sie später vor dem Zaun mit Flüchtlingshelfern demonstrieren, steht: „We are tired of living in camps“. („wir sind es leid, in Lagern zu leben“).

Anker steht nicht für Rettung

Das Transitzentrum Manching könnte nach den Plänen von Innenminister Horst Seehofer (CSU) eines der sogenannten Ankerzentren werden; und auch Vorbild für diese Einrichtungen. Anker steht für „Ankunft, Entscheidung sowie Verteilung beziehungsweise Rückführung“ - nicht für Rettung. Wie in Manching praktiziert sollen in den Zentren die Asylverfahren stattfinden. Vertreter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, des Verwaltungsgerichts und der Ausländerbehörde sind vor Ort. Abgelehnte Bewerber werden direkt aus dem Zentrum abgeschoben.

Vor dem Transitzentrum protestieren Demonstranten gegen die CSU. Foto: Stefan Puchner/dpa
Vor dem Transitzentrum protestieren Demonstranten gegen die CSU. Foto: Stefan Puchner/dpa

„Das Transitzentrum ist im Prinzip ein Ankerzentum – es ist nur ein anderer Name drauf“, sagt Willi Däxler, Caritas-Fachreferent für Migration. Für ihn ist Manching kein Vorbild im Umgang mit Flüchtlingen. Auch die Grünen sehen das so.

Kurze Wege durch die Bündelung der Behörden sollen Verfahren beschleunigen, sagt Daniel Waidelich von der Regierung von Oberbayern. Das soll ein Signal an Menschen mit geringer Bleibeperspektive senden: „Es lohnt sich nicht, nach Deutschland zu kommen.“ Deutschkurse für Erwachsene gibt es in Manching nicht. „Das ist im System nicht vorgesehen.“ Zu Abschiebeabholungen morgens, die Menschen aus dem Schlaf reißen und Ängste schüren, sagt er: „Das ist im System so angelegt.“ Die Flüge starten meist vormittags in die Heimatländer.

Traumatisierte Menschen ohne Perspektive

Seit September 2015 wurden aus Manching rund 1000 Menschen abgeschoben, etwa 2500 reisten freiwillig aus. Probleme wie in der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen in Baden-Württemberg, wo etwa 200 Migranten die Abschiebung eines Togoers verhinderten, habe es nicht gegeben, sagt der Leiter der Einrichtung, Thomas Schmid.

Sprachunterricht für Erwachsene gibt es im Transitzentrum nicht. Foto: afp/Christof Stache
Sprachunterricht für Erwachsene gibt es im Transitzentrum nicht. Foto: afp/Christof Stache

Dennoch kommt oft die Polizei. Abschiebungen mitgezählt schätzt Schmid die Zahl der Einsätze pro Jahr auf 250. Ein Bewohner höre zu laut Musik, ein anderer wolle schlafen, der dritte habe getrunken. Vor Monaten brach bei der Taschengeldausgabe ein Tumult aus. Die Polizei rückte an, es gab Verletzte. Besonderen Schutz haben inzwischen Frauen, die zuvor Zwangsprostitution ausgesetzt waren.

Die hohe Zahl teils traumatisierter Menschen, die ohne Beschäftigung und Perspektive aufeinander sitzen – das sehen die Vertreter von Caritas und von Flüchtlingsgruppen als Hauptprobleme. Sie fordern eine Auflösung der großen Zentren, eine dezentrale Unterbringung und unter Auflagen Zugang zum Arbeitsmarkt. „Null Perspektive, null Kontakt mit Einheimischen, null Chance zur Integration“, sagt Däxler. „Der Mensch versteht nicht, warum er nicht mitmachen darf.“ Und teilhaben an dem Konsum draußen vor dem Zaun.

Das Essen ist Dauerstreitpunkt

Im Schnitt verbringen die Menschen in Manching viereinhalb Monate, manche sind aber laut Caritasmitarbeitern mehr zwei Jahre da. „Ich bin neun Monate hier und weiß immer noch nicht, wie es weitergeht“, ruft ein junger Mann, der „Anonymus“ genannt werden will.

Viele Bewohner leiden unter der Ungewissheit. Foto: afp/Christof Stache
Viele Bewohner leiden unter der Ungewissheit. Foto: afp/Christof Stache

Eine junge Mutter zieht gestikulierend Besucher mit in ihr Zimmer. Hier schaut es ein bisschen anders aus als in den leeren Vorzeigeräumen. Die Betten zerwühlt, Stofftiere kreuz und quer. Drei Mütter mit ihren kleinen Kindern seien hier untergebracht, sagt die Nigerianerin. Sie deutet auf ihre Brust und auf ihr Baby: „Ich habe keine Milch“, ruft sie. Schuld sei das schlechte Essen.

Das Essen, Dauerstreitpunkt. Statt Mahlzeiten in der Kantine wollen die Geflüchteten selbst kochen. „Ich habe dieses Essen noch nie gesehen“, sagt Awo Stanley aus Nigeria. „Ich weiß nicht, was das ist.“ Dabei hat es doch gerade gestern nigerianischen Hähnchen-Eintopf mit Süßkartoffeln gegeben. Es sei, so betont Waidelich, nicht mit Blick auf den Pressebesuch auf die Speisekarte geraten. Beim eigenen Kochen bleibt es dabei: Nicht vorgesehen, zu hohe Brandgefahr.

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Zahlen zum Transitzentrum

  • Seit September 2015

    wurden aus Manching rund 1000 Menschen abgeschoben, etwa 2500 reisten freiwillig aus. Probleme wie in der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen in Baden-Württemberg, wo etwa 200 Migranten die Abschiebung eines Togoers verhinderten, habe es nicht gegeben, sagt der Leiter der Einrichtung, Thomas Schmid.

  • Dennoch kommt

    oft die Polizei. Abschiebungen mitgezählt, schätzt Schmid die Zahl der Einsätze pro Jahr auf 250.

  • Auch in Ostbayern

    gibt es Transitzentren – eines Regensburg und eines in Deggendorf. Auch hier sind Außenstellen von Behörden, etwa des BAMF, bereits angesiedelt.

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