MyMz

Justiz

Boujeema L. wusste, was er tat

Der Trucker, der Sophia Lösche getötet hat, ist labil und minder intelligent. Aber Recht und Unrecht kann er unterscheiden.
Von Marianne Sperb

Boujeema L. im Schwurgerichtssaal Bayreuth: Der 42-Jährige hat im Juni 2018 die Amberger Studentin Sophia Lösche erschlagen.  Foto: Karmann/Dpa
Boujeema L. im Schwurgerichtssaal Bayreuth: Der 42-Jährige hat im Juni 2018 die Amberger Studentin Sophia Lösche erschlagen. Foto: Karmann/Dpa

Bayreuth.Hilfsbereit, mitmenschlich, verantwortungsbewusst: So sieht sich Boujeema L.. selbst, der Mann also, der Sophia Lösche in der Kabine seines 40-Tonners mit einem Eisenrohr den Kopf zertrümmert hat, der die junge Frau ausgezogen, gefesselt, in Müllsäcke gepackt und hinter einer Tankstelle im Baskenland weggeworfen hat.

Mit den Ergebnissen einer testpsychologischen Untersuchung und dem psychiatrischen Befund für den Fernfahrer endet am Montag die Beweisaufnahme im Bayreuther Mordprozess. Seit dem 23. Juli versucht das Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Bernhard Heim, den Tod der Oberpfälzer Studentin zu klären. Sophia Lösche war am 14. Juni 2018 bei Leipzig in den Sattelzug des marokkanischen Fernfahrers geklettert, um zu ihrer Familie nach Amberg zu trampen. Am 21. Juni 2018 fanden zwei Frauen ihre übel zugerichtete Leiche; 31 Verletzungen zählten die Rechtsmediziner später.

Justiz

Sophia Lösche: Ein Tod im Detail

Ein Rechtsmediziner schildert das Sterben der Tramperin. Aber zur Kernfrage, ihrem Todestag, kann er keine Klarheit bringen.

Boujeema L. ist nicht gerade ein heller Kopf; die Tests belegen einen Intelligenzquotienten von 81, was einer Lernbehinderung entspricht. Aber in lebenspraktischen Fragen weiß er sich durchaus zu helfen, so schildert es am Montag Andrea Leonhardt von der Klinik für forensische Psychiatrie in Erlangen. Wenn der Trucker bei ihren Intelligenztests die Antworten nicht wusste, reagierte er verzweifelt und weinte. Robuster, sagt sie, zeigte er sich bei den Persönlichkeitstests.

Herz- und Kopfweh, Schlafstörungen, kalte Hände: Boujeema L. klagt über starke körperliche Beschwerden. Die Gutachterin hat das Bild eines depressiven, ängstlichen, emotional labilen und gehemmten Menschen gewonnen, der grübelt und sich unverstanden fühlt. „Er ist leicht erregbar, die Frustrationstoleranz ist niedrig, die Aggressionsbereitschaft liegt deutlich über der Norm“, bescheinigt Andrea Leonhardt, und dann sagt sie einen entscheidenden Satz: „Er kann Recht und Unrecht unterscheiden.“

Kippte das Kontroll-System?

Zwischen Tramperin und Trucker kam es am Abend des 14. Juni 2018 am Rastplatz Sperbes in Franken zum Streit. Sophia Lösche gab Boujeema L. eine Ohrfeige, da rastete der Fernfahrer aus, so jedenfalls gesteht der Angeklagte zu Prozessauftakt, und weiter: Nach den ersten Schlägen stieg er aus, rauchte eine Zigarette, kletterte nach vielleicht zehn Minuten wieder in den Lkw und als dort die verletzte Frau nach seinem Bein griff, prügelte er mit dem Eisen nochmal und nochmal auf sein Opfer ein. Die Kernfrage im Prozess: Hat Boujeema L. die junge Frau im Affekt getötet? Oder ihr – womöglich erst Tage später und tausende Kilometer entfernt – gezielt den Schädel eingeschlagen, um sie zum Schweigen zu bringen?

Dr. Thomas Wenske, stellvertretender Chefarzt an der Erlanger Klinik, saß viele Tage im Gerichtssaal, studierte die Akten und besuchte zwei Mal einen sehr jämmerlichen, weinenden und suizidgefährdeten Angeklagten in der Haftanstalt Bayreuth. Seine Einschätzung zur Schuldfähigkeit des Täters: Bei den ersten Schlägen könne man eine affektive Tat noch andiskutieren. Falls der Trucker glaubte, die Tramperin, zu der er freundlich war, der er einen Espresso spendierte, wollte ihn bestehlen, und falls der Gast – eine Frau obendrein – ihn auch noch ins Gesicht schlug: Bei diesem Szenario, so der Gutachter, könnte „das System der Kontrolle“ von Boujeema L. gekippt sein.

Justiz

Das Unfassbare am Fall Sophia

Vor Gericht schildern Freunde der getöteten Tramperin ihre Suche nach Sophia – und wie wenig Hilfe die Behörden dabei waren.

Für die zweite Serie Schläge aber, als der Trucker nach seiner Zigarettenpause der jungen Frau mit dem mehr als ein Kilo schweren Rohr erneut zusetzte, bietet der Gutachter am Montag kein psychiatrisches Pardon. Für den zweiten Akt von Sophia Sterben findet Thomas Wenske keine Hinweise auf eingeschränkte Steuerungsfähigkeit, keine Belege für fehlende Schuldeinsicht und insgesamt auch keinen Befund für eine psychiatrische Erkrankung – auch wenn Boujeema L. nervenärztlich behandlungsbedürftig sei.

Der Gutachter schließt zu Beginn seiner Aussage auch eine Persönlichkeitsstörung beim Angeklagten aus, obwohl der Marokkaner eine harte Kindheit erlebt hat. Thomas Wenske holt weit aus, um die frühen Jahre des Angeklagten zu schildern, der „ungewollt und übrig“ war.

Eine Kindheit voller Lügen

Der kleine Boujeema wächst als verleugnetes Kind auf. Sein Vater verlässt die Familie früh, die Mutter heiratet wieder, der Sohn wird von Oma und Opa erzogen, die der Junge für seine Eltern hält. Lange lügt ihm die Familie vor, seine Mutter sei seine Schwester.

Die Kindheit auf dem Dorf ist geprägt von Armut. Die Großeltern betreiben eine Landwirtschaft, der Junge hat nicht einmal ein eigenes Bett und sucht sich jede Nacht eine Schlafstelle. Nach sieben Jahren beendet er die Schule, weil das Geld für Bücher und Schreibzeug fehlt, so schildert es der Angeklagte dem Psychiater.

Der Prozess

  • Das Verfahren:

    Der Prozess war auf zwölf Tage angesetzt, etwa 20 Zeugen wurden gehört. Die Plädoyers werden am 10. September gesprochen, das Urteil am 18. September.

Der Teenager arbeitet in einer Lackiererei, als Schweißer, in einer Werkstatt. Der Onkel knöpft ihm die Hälfte des Lohns ab, quält und hänselt ihn. Boujeema L. wird Fernfahrer, arbeitet sich hoch zum Europa-Tour-Trucker und verdient zuletzt 1000 bis 1200 Euro netto im Monat – für marokkanische Verhältnisse also ausgezeichnet. Sein Geld, zitiert ihn der Psychiater weiter, gibt er daheim ab, bei der Frau und den vier Kindern, die heute drei, elf, 14 und 17 Jahre alt sind.

Die Ehe entwickelt sich zur Ehehölle. Boujeema L. wirft seiner Frau vor, das Zuhause verkommen zu lassen, die Kinder zu vernachlässigen, zu viel Zeit mit Facebook zu vertrödeln. Die Streitereien werden mehr und sie werden blutig. An einem Tag 2014/2015 – Boujeema L. hantiert mit einem Fisch – sticht der Mann seiner Frau das Messer in Brust oder Brustbein. Fünf Mal im Jahr, schätzt er, kam es daheim zu Gewalt.

Justiz

Fall Sophia: Das Bild rundet sich

Nach dem Tod der Studentin: Ein Gutachter, der den ausgebrannten Sattelzug untersucht hat, trägt neue Puzzle-Teile bei.

Trotzdem: Eine Angst- oder Zwangserkrankung kann der Psychiater dem Angeklagten nicht bescheinigen, auch keine Verhaltensauffälligkeiten. „Er hat sich ja in das System durchaus eingeordnet, er ging zur Schule, übte einen Beruf aus, hat geheiratet, bekam Kinder.“ Im Gefängnis-Gespräch habe Boujeema L. übrigens durchaus Empathie gezeigt mit der Familie der jungen Frau, die er erschlagen hat.

Weiterführende Links:

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht